Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 51 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 203 (sequence 3)
- Language
- German
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203 dem „Kohlsschreiber" (Gemeindefecretair), auch Suppliken» schreider, denn wer nur an den Fürsten, an die Regierung oder sonsthin ein Gesuch zu richten oder auch nur einen Bettelbrief zu schreiben hakt«, wandte sich an den Mann, welcher durch alle diese Berufsarbeiten zwar sehr viel zu thun, aber darum doch wenig zu verzehren hatte, wie dies von jeher bei unseren Glaubensgenossen war, die in ihren Gemeinden nie Freunde von Sinecuren waren. Nur so weit hatte man es noch nicht gebracht, daß auch die Schächter „Prediger" seien, bas war noch der Entwickelung der Zukunft überlassen. Doch mattete die jüdischen Prediger das viele Predigen nicht ad, denn außer am Eol-Nidre-Abend wurde höchstens am ersteNtzTage der vier anderen hohen Feste gepredigt, und getraut wurde noch nicht weit vom Düngerhaufen. Ich war in B. angekommen, einer süddeutschen Stadt, deren Juden sich lange schon den Ruf der Weltbildung erworben hatten. Auch sie besaßen einen „Prediger", und er war ein Mann von großem Rufe. Ich machte mich daher Freitag Nachmittag auf den Weg, ihm einen Besuch adzustatten, da ich gern von ihm gebeten sein wollte, Sonnabend wieder zu kommen. Eine winklige, schmutzige Straße nahm mich auf, in ein schmutziges, winkliges Haus führte mich meine Nachfrage, eine schmutzige, winklige Treppe hinan. Als ich in der Dunkelheit der Flur meine Augen eben '«in wenig an die Kinsterniß gewöhnen wollte, um endlich eine Thür unterscheiden zu können, hörte ich aus einem Zimmer eine Menge unter einander gewirrter Stimmen, die mich an meinem Platze festhielren. Eine nicht unschöne, aber falsch intonirende Stimme sang ein Lied zur Laute, die sehr verstimmt war und sehr stümperhaft gespielt ward. Jemand accompagnirte den Gesang, wahrscheinlich ein wilder Bursche, mit einem Stück Holz, das er gegen eine Commode schlug, wovon Hch die Lautenspielerin aber wenig stören ließ. Eine kreischende Mädchenstimme schrie aber dazwischen: „Wollt Ihr stille sein, man verliert ja den Verstand, mein Kopf, meine Nerven!" Da ihr dies nichts half, variirtt sie bas Thema in mannigfacher Weise. Endlich fiel die Stimme eines ältecn Knaben, der eben die Stimme wechselte, ein mit dem Rufe: „Schafft mir was zu essen, ich habe Teufelshunger!" . . . Alle diese Stimmen drangen durch- und ineinander, wie die Fäden eines wirren Knäuels, und konnten, immer wiederholt, sich nicht lösen — dis endlich mitten in das Gewühl noch die Stimme einer altern Frau aus einem Alkoven oder einer Kammer sich stürzte, und mit großer Anstrengung, die sie von tiefem Alt bis zu schneidendem Fis heranklettern ließ, über all das Gebraus» zu siegen suchte — doch vergebens. Sie gebot Schweigen, Ruhe, Stille, vermehrte aber nur den Lärmen, bis die Sängerin aufhörre, und wahrscheinlich dem Stockschläger plötzlich eins versetzte, der darauf seinerseits in die Saiten der Laute griff, und wahrscheinlich eine derselben zerriß, denn jetzt wandelte sich der Gesang in ein Geschrei, darauf ein Geheul des Knaben, der eine Züchtigung erhielt, die Thür sprang auf, ein ziemlich zerlumpter Knabe stürzte heulend heraus, schlug die Thür heftig zu, und wollte die Treppe hinunter — da gewahrte er mich, blickte auf, fing an zu lachen, und frug: „was wollen Sie?" — „Zu dem Herrn Prediger S." — „Zum Dacer? der ist in seiner Dachstube, eine Treppe hoher" — damit ließ er mich stehen, und sprang trällernd die Treppe hinab. Ich tappte mich zur andern Treppe, stieg hinauf, und erblickte bei dem Lichte einer fensterlosen Dachluke ein» Thür, an die ich befcheiden klopfte. Eine Stimme rief: „Herein!" und ich stand vor,dem Prediger S. Das war eia ärmliches Gemach, un^ seine Ausrüstung noch ärmlicher. Ein altes Sopha mit zerrissenem, schmutzigem Kattun bekleidet, einige hölzerne Stühle, eia wackliger Tisch, worauf Bücher, Schreibzeug, Papiere — das tvaij Alles. Herr S. stand auf, und kam mir freundlich entgegen. Er war in einen sehr unscheinbaren Hauseock gehüllt, rin Sammetkäppchm auf dem schwarzen, lang heradhäagenden Haare. Ein« kleine, magere Gestalt —1 aber welch' ein intelligentes Gesicht, wie viel Geist und wie viel Leiden zugleich waren in die-scharfen Züge eingegraben, roji« »iel Klugheit blickte aus den braunen, glänzenden Augei^, utid wie viel Milbe wohnte um den schönen Mund, üNd doch wie Ironie, welche die scharf geschnittene Nase verrieth! Ich war nicht geblendet, nicht einmal überrascht, aber angezogen; mein Herz sprach leise ln. sich hinein: da hat einmal wieder das Judenthum feine Devise „Entsagung" mit ätzendster Schrift ausgetragen, und der Geist doch gesiegt! Ich sagte ihm in herzlicher Weise, daß mich nur das Verlangen zu ihm, geführt, ihm meine Huldigung darzubringen; ihm meinen Dank auszusprechen für die viele Belehrung, die ich aus seinen Schriften gezogen. Er bat mich zu sitzen, die Unterhaltung kam bald in den Gang, und" berührte schnell.die großen Tagesfragen innfr- und außerhalb des Judenthums, er erzählte mir von einer Streitschrift,- die er eben gegen eine judengehässige Broschüre, welche großes Aufsehen gemacht, unter der Feder habe — als er plötzlich abbrach, indem er mich bat, ihn morgen Abend wieder zu besuchen, da er noch seine Predigt zu machen, weil inorgen des LandeSfücsten Geburtstag fei. Er hatte seine Rebe — und, daß ich es hier einschalte, er sprach schon, der Mann, ein reines Deucsch, nur hier und da, aus Bequemlichkeit, etwas jüdisch accenmict, ein sanfte« Organ, daS nur zu , schwach für einen Redner schien/ AlleS geistreich und pikant, l was er vorbrachte,' gewandt und ohne Stücken — er hatte > seine Rede noch nicht beendet, als mit'Gepolter die Thür aufgerissen ward, und eine Fra« erschien, eine Frau, lang,? hager, braun, in verschossenen, unordentlichen Kleider«, eine Frau, kurz ble Frau des Herrn Predigers S... Als sie mich erblickte, stutzte sie einen Augenblick, dann rief sie wie sich ermannend: „Hirsch (fo hieß wohl der Mann mit dem Vornamen), komm' 'mal 'raus!" Herr G. ging hinaus. Die Thür schloß sich. Die Frau mühete sich zu flüftem; aber sie mochte wohl so an's Schreien gewöhnt sein, baß ich ihre Äjorte sehr gut verstand. Run, ich läugne nicht, daß ich ein wenig gehorcht. „Hirsch," sagte sie, „ich brauche Geld, ich habe noch nichts zu heute Abend^und zu morgen Mittag, und es ist doch Schabbes —" Der Mann suchte in seinen Taschen, und brachte wohl einige Groschen heraus. „Was soll ich mit den Paar Groschen?" fuhr sie fort, „da kann ich kaum Kaffee dafür holen-„Kaffee," rief der Mann, „hast Du nicht gestern voch Kaufmann B. drei Pfund zum Geschenk erhalten?" — .„©«n? dm ich habe gestem schon verkauft, um heute 'was kochen zu können. Und denkst Du denn nicht daran, daß ich. Dein schwarzes Habit zur morgenden Predigt aus dem! Leihhause holen muß?" — „Gott, daran dachte ich noch? gar nicht!!" — „Ja Du, woran denkst Du wohl —" und es folgten harte