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Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 51 (1860) · p. Seite 202

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
51 (1860)
Date
1860-01-01
Page
Seite 202 (sequence 2)
Language
German
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V 202 würde, denn schlechter alda» Schlechte würde e» doch gerade nicht sein. Nun, ich rhue e», und — lieber Leser! da» Eine beruhigt mich, daß Du ja noch ungenicter meine kleinen Tableaux auf den Tisch werfen kannst, al» irgend ein ungeduldiger Zuhörer davon laufen — das laßt die leidige Etikette nicht zu, der muß stille halten. Nur noch die eine Bemerkung. Ich sing an: „ich bin ein Greis.". Nun, damit wollte ich dem Leser durchaus kein Wohlwollen im Voraus abnöthigen, keine capta-'— halt! kein Latein mehr, alter Knabe! *) — sondern vorzugsweise damit Du, geneigter Leser, wissest, die Bilder, die ich vor-Dir aufrolle, sind aus der Vergangenheit, so daß Du nicht etwa veranlaßt wärest, die Menschen, die mir zum Portraitiren gemessen, seien aus Deiner Nachbarschaft oder Bekanntschaft^ und Du sähest sie leibhaftig vor Dir, und es sei recht gut, baß der M. einen birken Klecks bekommen, und daß de^ O. Häßlichkeit von der Well nun gekannt wäre. Nein! der Rasenhügel deckt sie Alle, von denen ich spreche, und wenn sie nicht noch in dem Kopfe und Herzen des alten Mannes lebten, würden sie schon de» zweiten Todes verstorben sein, nämlich der gänzlichen Vergessenheit. Ach,--ach mag nicht ihre Leichenhügel noch einmal besuchen, denn ihre Grabsteine sind so verwittert, hineingesunken in die Erde, oder gar ümgefallen und zerbrochen. Still, nur kurze Zeit, und — Niemand fragt auch nach Deinem Grabe mehr, und früge ein Spätling, Niemand wüßte mehr ihm Antwort zu geben. _ 1. Bei dem jüdischen Prediger, ES war gegen Ende' des ersten JahrzrhendS unseres Jahrhunderts, als ich eine Geschäftsreise durch Südd'eutschland machte. Ich brauche eS nicht hervorzuheben, daß man damals sehr langsam und beschwerlich reiste gegen jetzt, baß man daher auch recht oft einen Rasttag hielt. Nun, damals beobachtete man auch den Sabbarh noch streng und die Festtage und zum Theil noch die Fastlage — obgleich die letzteren schon laxer — und deshalb war man all' Augenblick genöthigt, irgendwo liegen zu bleiben, und einen oder mehrere Tage auszuhalten. Man war es gewohnt und beklagte sich nicht. Man hatte auch wirklich damals noch nicht so viel Eile, wie jetzt, und nur seltene Falle waren so drängend, daß man durch Feiern Etwas zu verlieren hatte — jetzt sie^r es fteillch! aus, als ob jeder Ladenbursche jede Minute auszurufen habe: „ein Pferd! ein Pferh f ein Königreich um «in PferdDa ich auf dieser Reife überall neue Geschäftsverbindungen anknüpfen, die geeigneten Häuser aussuchen, mich bei ihnen einführen und mit den „besten" Männern verhandeln sollte, so kostete dies so schon an jedem Platz« eine längere Zeit. Was Wunder, daß diese, vom Geschäft nicht ganz ausgefüllt ward, daß mir vielmehr sehr viel Muße blieb, die ich anderweitig ohne Gewissensbisse verwenden konnte. Das ist jetzt auch anders geworden, denn wozu hätten die Herren Geschäftsleute an einem fremden Orte heutzutage noch Zeit, wenn nicht in's Ballet oder in die Oper zu gehen i. . . Nun, ich will nicht *) captatio bcnevolentiae wollte der ehrwürdige Mann sagen. Ter setzer. tadeln, den» dafür hat allerdings in unseren Tagen die Industrie einen Ausschwung, einen Umfang, eine Beweglichkeit angenommen, von denen man damals keine Ahnung hatte, und die Kopf und Zeit vollständig in Anspruch nehmen, wenn man ihnen gewachsen sein will. Allerdings ließ es auch mich nicht ruhen, und halte ich für Nichts Sinn, bevor ich nicht, j an einem Platze angekommen, das Geschäft eingeleitet hatte, > und mir sagen mußte: jetzt Äeduld, daß ee sich entwickelt'! und. Gestalt annimmt. Wenn ich nun die äußeren Merk-! Würdigkeiten der Stadt, in der ich gerade mich befand, in > Augenschein genommen, was war mein liebstes Thun? - Damals staken wir noch ganz, und gar in unserm Juden- ^thume; es war die große, eigenthümliche Zeit eingetreten,; wo jeder junge Jude den Prozeß der Entpuppung vornahm, E und meist durch eigene Kraft und auf eigene Faust, aus einer alten in eine neue Welt sich einledte oder hineinwuchs. Dieser WandelungSprozeß konnte nicht ohne tiefes Interesse an sich selbst vor sich gehen, und es war natürlich, daß Jeder, der die Augen eben aufgethan, rundum sich ausschaute; wir gingen noch nicht in die Ferne — die Nähe selbst fesselte uns. Mein Verlangen ging daher an jedem Orte dahin, den Stand der Dinge bei meinen Glaubensgenossen zu erfahren, und die Männer kennen zu lernen, welche sich einen Ruf erworben,' oder solche, die gleicher Gesinnung wären. Es war ein schöner Enthusiasmus^ der diese zusammen führte; sie schwärmten für das Wachsthum der Cullur unter ' den Juden; jedes Zeichen des erwachenden Geistes im jüdischen Stamme schuf eine berauschende Freude in ihnen; jeder Schritt auf dem Gebiete der bürgerlichen Ehre und Freiheit war ihnen die Vorbedeutung einer großen Zukunft, ' und um so reiner, da ec ebenso für das Freiwerden der ' Christen von entstellenden Vorurtheilen, wie für das der i Juden von brückenden Beschränkungen zeugte; auch selbst 1 der Sinn für Verbesserung des Gottesdienstes war schon 1 rege geworden. Zauberhaft hatte insonders die neue Er- . scheinung der deutschen Predigt gewirkt. In Dessau war es, wo diese an's Licht getreten, und das rein deutsche Wort in künstlerisch geordneter Form aus einem jüdischen Munde ertönt war. Schnell fand dies an vielen Orlen Nachahmung. Gewöhnlich gab irgend ein Landetest, wie der Geburtstag oder das Jubiläum des Fürsten, ein Sieg oder ein abge- ,' schloffener Friede, den auch die Synagoge feiern wollte, die Anknüpfung. Man wollte angemessen und würdig erscheinen , man wollte seine Huldigung in verständlicher Weise darbringen, man wollte den Fürsten und die oberen Behörden rinladen. Irgend ein bis jetzt unbekanntes Genie hielt her; die. gute oder schlechte Predigt gesiel jedenfalls den christlichen Zuhörern, da sie so gar wenig erwarteten, und daher > Alles sehr hoch anschlugrn; von deren Lob wurden die Juden; erst recht begeistert, so was harre es nun noch niemals ge- I geben — das durfte daher nicht verloren gehen — es sollte weiter gepredigt werden. Die damaligen Rabbinen waren dazu sammt und sonders nicht tauglich; ihr Talmudstudium I hatte sie für die reine Sprache, der Pilpul für eine logische I Rede unfähig gemacht. Es wurde daher eine besondere j Person neben ihnen hierzu gewählt, die den Ehrennamen j „Prediger" bekam, womit die Sache als eine neue auf jüdischem Gebiete angesehen ward, obschon sie auch hier schon uralt war und als Maggid oder Darschan ein, freilich! seit langer Zeit becrelhaftes Wesen trieb. Dieser „Prediger"' ntoc aber zugleich Hauptlehrer an der Schule, außer- -

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