Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 50 (1860) · p. Seite 198

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
50 (1860)
Date
1860-01-01
Page
Seite 198 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/4908862-5999354-6026394--1777-4910265
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

198 sammlung; bald wurde Isaak für sckulbig, fei» Sohn für frei erklärt. Der Barer erschien gefaßt, und ertheilrt seinem bestürzten Sohne den letzten Segen. Der General-Procurator machte bekannt, daß bas CassatipnSgesuch verworfen worden. Die Besetz e zur Hinrichtung wurden gegeben, und diese sollte nach d< m Gebrauche an einem Markttage starrfinden. Fürchtend, laß die Landbewohner gegen die Israeliten Ercesse auSüben n ürben, hatten die Behörden den österreichischen General, Baron von Frimont, ersucht, einen Theil der Garnison unter Waffen treten zu lassen. Ihrerseits waren die Rorabeln der jüdischen Gemeinde zusammengetreren, um die vorgeschiiebenen Ceremonien in solchem Falle eintreten zu lassen. Zwei Tage darauf füllte eine unermeßlich« Menge die St-aßen an; sie warteten vom Anbruch dev Tages an, um d n Tob eines Juden mit anzufehen, der so verwegen gewesen, 'inen Christen zu tobten. Dieser Gedanke bewegte die Merze, nicht der Abscheu, einen Menschen durch seinen Mirme ischen getödret zu sehen, aber -H waren Generationen vergan> en, ohne daß ein Hebräer zum Richtplatz geführt worden war. Jeden Augenblick langten von den benachbarten Dörfern neue Haufen an; die Vorstädte von Colmar r aren verödet, denn ihre Massen standen gedrängt um di, Mauern des Gefängnisses, in Zaum gehalten von den T ataillonen des "Regiment» Kollor.do, während die riesigen kürassiere von Sommarwa mit Äübe einen Weg zur Guillo ine bahnten. Die Ungeduld des Volke» war groß, den i die zur Hinrichtung bestimmte Stunde war verflossen, und der Verbrecher lebt« noch. Schon ließ sich Gemurmel höre i, man sprach von erlangter Begnadigung, und — Gnade fü> einen Juden! welch' Abscheu! Die Ursache der Zögerung war diese: ler Rachrichter war angetommen, den Verurtheilten vorzuderei:cn. die Hände ihm zu binden und ihn zum Schaffst zu nach dem jüdischen RituS wird der Körper < neS zum Tode Verurtheilten schon vor der Hinrichtung alS gesehen, und ein jüdischer Leichnam soll nich berührt werden. Ein Streit erhob sich de den Leuten de» Gericht« und den jüdischen \ l'oiabeln, man verlangte die Ansicht des ersten Präsidenten führen; aber Leichnam anvon Christen!halb zwischen deS Gerichtshöfe« von Colmar, der, der Freiheit de« r ligiösen Glauben« nachgebend. die jüdischen Ceremonie i zu beachten befahl. Die Thore de« Gefängnisse« öfftleten sich, um einige GenSdarmen auszulassen, denen eine Gruppe Männer folgte. Zehn von den angesehensten Israeliten bei Stadt hatten da« Recht erhalten, das Schaffst zu besteig»; sie bildeten da« Minjan, und reritirten laut und in hebrnifcher Sprache die Todterzgebete. Der Berurtheilte, ohne e ne Kessel, ging festen Schritte« einher, bekleidet mit den Tobtenhembe '(Kittel) mit dem Talich und den Tesillim; ihm zur Seite der Radbine von Winzenheim, eia Greii mir weißem Barre', in einem schwarzen Talar. Seit vielen Jahren kann« die Bevölkerung den Radbinen vo: Winzenheim wegen seiner Frömmigkeit und Wohlthatigk, t, die sich ohne Unterschied über all« Glaubensparteien erstreck e. Lei seinem Anblick ließ sich ein Beifallmurmrln ln der Mmge hören, die Häupter wurdm entblößt, der Verbrecher wurde vergessen, man sah nur den Mann Gotte«. Anstatt der Unruhen, die man befürchtet«, wurde der letzte Gang de« Schuldigen nur durch die Gebete begleitet, dt« man in einer ''f i der Mmge unbekannten Zunge sprach, bald stimmte da« Bott, welche« Gott für einen Sterbenden anderen hörte, ein und mischte seine Stimme in die des jüdischen Priester« : die Religion hatte das Dorurtheil überwunden! Auf dem Schaff»« angekommen, wurde der Derurtheilte auf da« Unglucksdrer durch seine Glaubensgenossen gelegt, und brr ToveSstreich durch den Rachrichrer vollzogen. Isaak stard, nachdem er zum letzten Male die Widdui gesprochen und den Segen seine« Geistlichen empfangen. In diesem erhabenen Augenblicke, ergriffen von Staunen, da e« den religiösen Culru« da« Henkeramt vexkretea sah, warf sich da« Volk auf die Knie, und, hingerissen vom Beispiel, präsenrirten die Soldaten von Kollorebo die Waffen vor dem Rabbiner von Winzenheim. Ferdinand Cerfberr. Der Irren-Arzt. ,L-b>us, au» No. 49.) Darauf entstand im Saale ein allgemeine« Geschrei und Gelachter, der Champagner brauste, die Gläser erklangen, e« war ein eigne« Schauspiel zu sehen, wie der französische Wein den deutschen Unsinn erwärmte, und wie selbst Frauen der Gräfin und ihrer Kühnheit ein Lebehoch brachten. Salomon allein schwieg; eine tobeSahnliche Blässe bedeckte seine Züge, seine Lippen bewegten sich zuckend, und feine Augen schienen Blitzstrahlen auSzuwerfcn. Die Gräfin aber erhob sich nachlässig, uoo indem sie au« den Händen . de« jungen Dfsizier« die Börse mir 100 Ducaten nahm, neigte sich graziös vor der Gesellschaft, und ließ dann mit .kalter, verachtender Mime folgende Worte hören: Dortor Salomon, für einen Arzt sind Sie nicht Physiognomik« genug, denn Sie haben nicht bemerkt, daß ich nicht aufge- ' dörr habe, mich über Sie lustig zu machen. Wie konnten Sie nur einen Augenblick glauben, baß die Gräfin Wilhrlmine einen Juden, so unbekannt wie Sie, bei sich aufnehmen würde, wenn ein besonders gebietender Grund nicht vorhanden wares Hören Sie deshalb: vor einem Monate wurden hier in diesem Saale die Spiele und Scherze unsrer Jugend zurückgrrufen, und wir amüsirtm uns mit Pfänderspielen. Ich mußte dadei die Strafen auStheilen, und so befahl ich, daß die Eigenthümerin de« ersten Pfände«, welche« an die Reihe kam, Abend« allein auf den Boulevard« drr Stadt spazieren gehen, und sich vom ersten Spazier-; ganger, welchen sie träfe, nach Hau« bringen lassen sollte, i (Sin unglückliche- Ohngefahr ließ auf mich die sirmge Strafe 1 fallen, da da« erste Pfand mir gehörre. Man wettete nun! 100 Ducaten, daß ich nicht den Muth haben würde zu lhun, wa« ich einer andern auferlegte, aber mein Stolz überwand die Furcht, ich beging die Thorheit, die Strafe in Ausführung zu bringen. Da« Uebrige wissen Sie; ich ging eine« Abend« auf den leeren Boulevard« spazieren, und erbat mir zittemd die Hilfe Ihrer Begleitung. Ich muß gestehen, daß ich wohl schlechter hätte ankommen können, denn Sie waren auSnehmmd höflich und zuvorkommmd, und so wollte ich Ihnen denn auch eine Ehre erweism, die man sonst Ihresgleichen nicht bezeigt, indem ich Sie zu meinem GefellfchaftStagr einlud. Rehmen Sie die 100

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.