Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 50 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Volksblatt. Zur Letehrung und Äuterhaktung auf jüdischem HeKiete. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Phili-Psou in Magdeburg. [m. 5«. 1860.] »ca dreier Zeitschrift erscheint »Schnttlich eia« Nummer. Prei« de» Iabrgaug« 1 Ti'lr. BierielsShri^ 7 Ngr. KD« Vuchbuadluagea, Postämter oud Zeilu>g«erpcditioaea uehmea veftetluagea aa. [7. Jahrg. 4. Quartal.] Eine Hinrichtung. Eine Skizze. (Währ.) Es war im Jahr« 1817, als der jetzt so reiche, so blühende Elsaß, Schauplatz zweier Feldzüge, den Schrecken der Hungersnvth preiSgegeden war, wozu sich noch die furchtbare Geißel des Typhus, dieses Genossen des'Krieges, gesellte. Zwar bestand in dieser Zeit noch jene ScheibungSlinie zwischen zwei Religionen, welche weder die Revolution noch die Kaiserzeit gänzlich hinwegzuräumen vermocht hätte; aber es hatten doch Christen und Israeliten so viele Jahre zusammen gelebt, harten zusammen gekämpft, geblutet, daß der Haß der Gleichgültigkeit gewichen war. Wenn der französssche Israelit noch „Jude" genannt, wenn dieses Wort in der Unterhaltung noch bisweilen in etwas beschimpfendem Sinne genommen wurde, so hatte doch die Resignation, die Liebe zur Arbeit, Ordnung und zum Frieden, welche die Personen, die der Fanatismus mir jenem Ausdruck kränken wollte, erwiesen hatten, längst ihnen die Achtung der aufgeklärten Männer gewonnen: schon begann der freisinnige Geist zu keimen, welcher im Elsaß seitdem so schone Fortschritte gemacht. Jndeß konnte doch der geringste Dorfall die beiden Religionen in gegenseitige Reibung bringen: die alten Krieger von der Loire waren zu ihrem Herd zurückgekehrt; sie waren sehr empfindlich; und unter ihnen gehörte eine große Zahl den Israeliten an, denn den Bedürfnissen Napoleon's mußte sich Alles anschließen, er wußte an seinen Eroberungen Völker und Religionen Theil nehmen zu lassen. Dies war die Stimmung der Gemülher im Oberrhein, als ein Verbrechen nicht weit von Colmar begangen wurde. Ein Pächter, der einen Wagen Getreide nach dieser Stadt zu Markte brachte, war ermordet worden, sein Geld ward unberührt gesunden, sein Wagen war stehen geblieben, es ergab sich, daß nur ein einziger Sack Getreide genommen worden: das Elend, das Bedürfniß war es also, das dieses Verbrechen begangen. In dem Städtchen Harburg wohnte ein Israelit, Isaak C...., der trotz seinen sechSzig Jahren eine große Körperkraft befaß; dieser GreiS, der sein Feld bearbeitete, seine Familie im Glauben seiner Väter erzog, wurde von Allen geliebt. Vor Kurzem war sein Sohn, zu Portiers entlassen, mit dem dreizehnten Dragonerregiment, nach Hause zurückgekehrt, wo er nur das Elend gefunden; seine Mutter, feine jungen Schwestern hatten in ihm eine Stütze gewonnen, aber die Gemeinde nur einen Zehrer mehr, und das Brot fing an zu mangeln. Die Leiden dieser Familie mußten sehr groß sein, weil aus ihnen ein Verbrechen entsprang: eines Morgens konnte die Frau Jsaak'S Bror backen, aber das Brok war mir Blut befleckt. Daß diese Familie Brot hattt mitten in der allgemeinen Hungersnolh, erweckt« Verdacht; die Neidischen setzten sich in Bewegung; der Diebstahl jenes Kornsackes traf mit der Rückkehr ihres Uederflusses zusammen; die Justiz bekam davon Kennt'niß. AlSdald wurden Isaak und sein« Sohn arretirt; fern davon das Verbrechen zu läugnen, erklärten sie mir der Aufrichtigkeit, welche den elsasfischen Bauern charakrerisirt, daß dtr Hunger allein sie zur Schuld gebracht; sie sagten aus, wie der Pächter sein Eigenthum vettheidigt, nachdem er taub für die Bitten eines Familienvaters geblieben, und daß der Tod dieses Menschen Folge eines Kampfes, nicht eines Angriffs gewesen. Die Crlminalunrersuchung hatte ihren Fortgang: die Folge war, daß die beiden Schuldigen vor den Assisen des Oberrheins erscheinen mußten. Am Tage des Urtheils fand sich der Verhörsaal §u eng für den Zufluß der Menge; indeß waren doch die gulmüthigen Elsass,rinnen, die nicht nach starken Aufregungen begierig sind, nicht gekommen einem Schauspiel beizuwohnen, wo zwei Menschen ein Vergehen, das aus dem Elend der Zeit hervorgegangen, mit dem Leben bezahlen sollten. / Damals trugen auch Noch nicht die Journal« das geringste cynische Wort, die unedelste Geberde eines Verbrechers kl?" an die Enden Frankreichs, um nur Nachahmer zu wecken, welche nach dem träurigen Vorrecht,- einen Augenblick cher Gegenstand der Gespräche zu sein, lüstern find; dieser Prozeß blieb daher außen unbeachtet: Isaak antwortete ruhig auf die Fragen, die man ihm vorlegte, mit Hülfe eines Dolmetschers, denn er sprach nur das verborgne Deutsch, welchebei seinen Glaubensgenossen gebräuchlich war. Ein einziger Zwischenfall ereignete sich; der öffentliche Ankläger hatte so eben seine Gegenrede gehalten, als der Exdragoner sich eine Zeitlang mit feinem Daker lebhaft, aber leise besprach. Auf die . Frage des Präsidenten erklärte der Dolmetscher, daß er aus diesem Gespräch etttnehme, wie der Sohn aus reiner Hingebung darauf beharre, das Schicksal v' seines Vaters zu theilea; aber daß-ber alte Isaak behaupte, daß er allein schuldig sei, daß er allein ln dem unglücklichen Kampfe den Pächter getödtet, daß sein Sohn indieser Nacht daväterliche Haunicht verlasseu, und daß dieser, als er seine» Vater entdeckt sah, dir Todesstrafe auf sich zu dringen gesucht, um seinem Vater das Lebe» zu erhalten. Diese Erklärung machte einen tiefen Eindruck auf die Der-