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Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 46 (1860) · p. Seite 182

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
46 (1860)
Date
1860-01-01
Page
Seite 182 (sequence 2)
Language
German
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I - 182 plötzlich wieder her. Jedeandere Organ, selbst das Rückenmark nicht ausgenommen, kann plötzlich oder allmählig in Wegfall kommen, ohne daß die Seelenthätigkeit unmittelbar beeinträchtigt werde. 2) Der zweite Beweis liegt darin, daß Empfindung und freiwillige Bewegung in jedem Korpertheile sogleich verloren gehen, wenn sein Zusammenhang mit dem Gehim durch Unterbindung oder Zerschneidung der Nerven gestört wird. 3) Endlich lehrt es uns schon da-.natürliche Gefühl, daß die Thätigkeit de- Bewußtseinim Gehirne vorgeht. Jede- Denkm fühlen wir im Kopfe, bei scharfem Nachdenken greift die Hand nach dem Kopfe, runzelt sich die Srirnhaut, beim Erkennen eine- Jrrthums schlagen wir die Hand vor die Stim, starke Geiste-anstrengung verursacht Kopffchmer; u. dgl. Dagegm, daß die Empfindung ebenfalls vom Gehim ausgeh«, führt man an, daß Reize oft nicht im Moment ihrer Einwirkung, sondern erst nachträglich in'S Bewußtsein treten, so Haß sie also auch ohno Bewußtsein empfunden werden, z. B. ein Wort wird überhört, und gleichwohl erinnern wir. unnachmals, egehört zu haben'; Jemand geht, während wir in Gedanken verloren sind, an uns vorüber, wir sehen ihn nicht, und dennoch erinnern wir uns nach einer kurzen Zeit, ihn gesehen zu haben- Allein dies beweist gar Nichts, denn daS Vorherrschen eineandern Gedankens verhinderte nur das völlig klare Bewußtwerden der Empfindung, aber nicht dieses ganz und gar, denn sonst würbe enachträglich nicht vorhanden sein können. Die Empfindung ist keine einfache LebenSthätigkeir, sondern zusammengesetzt aus einem desondem (spezifischen) Wirken der Sinnesnerven und einem eben so desondem deS Gehirns. Da- Sinnesorgan nimmt den empstmgenen Reiz nach feiner Individualität auf und gestaltet thtt, da- Gehim empfangt ihn vom Sinnesorgan und dringt ihn zum Bewußtsein. Ebenso machte man Einwendnngen, daß das Gehirn der Sitz des Willensei. Geköpfte Thiere sollen noch zu regelmäßiger Ortsbewegung befähigt gewesen sein. Allein in die Beobachtungm ist noch viel Zweifel zu setzen, indem die Thiere durch einen fehlerhaften Schnitt einm Theit des Gehimbehalten haben können; ftmer eS eher anMnehmen ist, daß hierin ein unwillkürliche- Fortgehen der Maschine zu erblicken ist. Man hat jenebei geköpften Hühnern beobachten wollen, und da» ist höchst unwahrscheinlich, weil nicht einmal Frösche nach Entfernung des Gehims sich selbstständig bewegen können. Kurz, alle Bewegungen von Thieren, denen das Gehirn genommen worden, sind Folgen der Gesetzlichkeit, nicht aber freie, dem Willen mtspmngme. Gerade, daß die mrhimren Thiere auf den einwirkenden Reiz ohne Ausnahme rragirm, beweist, daß da- Gehirn der Sitz de- WillmS ist, denn dalebmdige Thier setzk dem Reize seinen Willm entgegen, und reagirt nicht immer. Jndeß muß man zugeben — dienimmt aber unsrer bi-herigm Entwickelung Nicht-, sondern bestätigt sie vielmehr: daß bei den niederen Thieren (wo da- Gehirn höchst unentwickelt ist) da- Gehirn nicht ausschließliche- Seelenorgan ist. Die Gliederthiere machen nach Wegnahme de- Kopfe- Bewegungen, welche Willeu-thatigkeit vorau-setzen. Geßöpfle Fliegen und Käfer fliegm und laufm nach der Operation oft ziemlich weit und lange, wobei sie noch dazu ganz frei in Flug und Ruhe wechseln. Geköpfte We-pen stechen auf eine Weise, welche ihr Streben zu stechen kaum verkennen läßt, denn der Stachel des Thierewird nicht etwa ganz mechanisch vorgeschoben und eingezogen, sondern bas Thier bemächtigt sich mit den Füßen eines Gegenstände-, hält ihn fest und sticht hinein. Eist daher wahrscheinlich, daß bei den Insekten der s. g. Bauchstrang am Seelenleben allerdings Antheil hat, und bei den Würmern ist dieganz unzweifelhaft, welche zerschnitten in beiden Hälften fortleben. Einige Naturforscher, besonders Lichat, wollten den L e iden schäften -und Affec len einen desondem Sitz in 1 den. Eingeweide»') und deren Gangliennecven anweifen, und so das Hirn als Seelenorgan nur beschränkt gelten lasten. Die Wirkungen der Affecte spiegeln sich insbesondere in den Eingeweiben wieder, z. B. Schreck, Angst wirken auf den Unterleib; so wie wiederum die vegetativen Prozesse der Eingeweide den Leidenschaften die Farbe geben, so daß z. B. Laune, Verdrießlichkeit rc. aus dem gestörten Zustande der Eingeweide hervorgehen. Bichat bemerkt, daß, wie z. B. der Denker die Hand nach dem Haupt, so führt sie der liedeschwörende Jüngling nach dem Herzen. So, fügen wir hinzu, fühlen wir beim Mulh, beim Aecger eine eigentümliche Bewegung in der Brüst, im Herzen. Alle Sprachen haben Wörter aufzuweisen, welche, wie „gallig" für „ärgerlich", „Herz" für „Muth" rc., den Ursprung der Leidenschaften in den Eingeweiben andeuten. — Hiergegen wird nun mir vollem Rechte angeführt: Eia Zusammenhang zwischen Hirn und Eingeweide einerseits, und Seelenleben und vegetativer Thätigkeit andrerseits, kann nicht befremden, vielmehr versteht es sich bei einem Organismus von selbst, daß alle Theile und alle Functionen in Wechselwirkung stehen, gegenseitig auf einander wirken und mit einander berührt werden. Es ist hier die Frage: ob ein Eausalve rhälrniß zwischen Leidenschaften und Eingeweiben angenommen werden müsse, daß die Eingeweide unmittelbar die Organe der Leidenschaften sind? Dies ist aber nicht der Fall. Allerdings werden durch die Reizung her Leidenschaft die Eingeweide in Bewegung gesetzt, aber nicht immer Ein Eingeweide durch Eine Leidenschaft, sondern oft mehrere; nicht immer dasselbe Organ durch denselben Affect, svndem verschiedene; nicht immer bloS Eingeweide, sondern auch andre Theile: Hände, Füße (Zittern), Kehlkopf (Würgen und Veränderung der Stimme), ja selbst die Haare, welche von Sorgen ergrauen (bisweilen von einem furchtbaren Affect in kurzer Zeit). Bestände ein Caufalverhältniß zwischen den LedenSlhatigkeiten der Eingeweide und den Leidenschaften, so müßten gleiche Thätigkeiten mit gleichen Leidenschaften zusammenfallen, während wir sehen, daß Herzklopfen mit Zom, Angst, Liebe, ja mit jedem heftigen Streben sich verbinden kann. Man wird ferner kein Beispiel finden, daß eindringende Desorganisation der Lunge, d^r Leber, de» Herzenda- Auftreten einer Leidenschaft unmöglich gemacht hat; hingegen erzeugen Desorganisationen des Gehirnmit Stumpfsinn eia gleichzeitige- Verschwinden aller Affecte. Affecte und Leidenschaften sind also gesteigerte Sensationen und gesteigerte Strebungen, die vom Hirnleben abhängen, welch« aber vermöge ihre» Gesteigertfeins mit den Thätigkeiten der Brust- und Baucheingeweid« in einem lebendigen *) Unter Eingeweide versteht man die Organe der Brust, und Bauchhöhle.

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