Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 43 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/4908862-5999354-6026385--1742-4910237- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
170 den Kopf und will verdächtigen Riewehrt den Riesen eine unter feinem ingk sie mir den zählt die Pulsschläge, schüttelt bedenklich ihm die Jacke asizkehen, die mit allerhan» men besetzt ist. Jausel weigert sich und ad. Dieser stellt sich in Positur, ergreif: Rock versteckt gehaltene Keule und s' ' Worten: > „ Der »einen Bindern gibt ta4 Brcr Unk leibet, dabei selber Norh -j- Den lcblagt man mit der Xeu^e tobt." Doch! — die Keule sinkt, er schminkt ^ie Jacke: „Wer einem Kinde gibt ieiik-.^au^ Und siedet dann noch selber ah» — Ist werrh für jede« Narrendaps" Die Jacke fliegt dem. alten Jausel in's Gesicht, es war eine Zwangsjacke, der Maskirte aber verschtvand. DaS konnte nur Feibel thun. Die Freiheit deS heutigen Abends erlaubte eS ihm, dennoch verdroß es den Allen. : Wahrheit schmeckt bitter. Er hatte selbst daran schon gemacht. In einigen Tagen sollte Hochzeit fein — und dann wollte er sein Haus räumen, damit es als Sieger vor den» Augen der Welt, servitulberechtigt dastehe. Und doch war es ihm. so lieb. Auf dem Platze-fütterte ec die Tauben^ hier setzte er der Katze ihr Futter vor, dort stand sein Sorgenstuhl, nicht weit davon hing der Pfeifenschrank, eine permanente Sfuckah war im zweiten Stock deS Hintergebäudes — und alle diese lieben, süßen Gewohnheiten und Bequemlichkeiten sollte er verlassen — um das Phantom eines «^»geblichen Rechtstitels { In seinen allen Tagen wandern, Vas Haus verlassen, in dem sein Barer gelebt, sein treues Wejb gestorben ist! — Soll er aber nicht, auszieben, sollen dielStraßenwoqen seinem Hause wieder «nen Besuch abstat^en, zur Schadenfreude der ganzen Nachbarschaft? Sein! HauS soll leiden, das rechtlich das herrschende sein müßte i |£)b*r soll er wieder prozessiren, und mit welchem Erfolges ^Solche trüben Gedanken überkamen ihn mitten im Jubelndes jüdischen FastnachtsfrsteS. Da klingelt es wieder. Wohll eine neue MaSke i D, nein, eine Standesperson trat ein, d^r Bücgemeister der Stadt, ein lieber humaner Mann, l^r grüßte die Anwesenden und ging dann auf Jausel gü, der ihn herzlich dewilltommnere: | „WaS schafft meinem Hause Hie Ehre, zur Abendzeit, Herr Bürgemeisters" „Da Freund Jausel, da, lesen Sie bas Papier, ich gratulire. Sie bleiben, im alten Hause, Herr Meier dort in dem seinigen, er dämmt das Wasser picht mehr ab, und Siebaden nicht darin, fassen Sie nur ben Hochzeilskuchen backen/ Wirklich! da stand es, schwarz auf weiß, daß sich di« Väter der Stadt enschlossen, in Anbetracht der alljährlichen Uederschwemmungen der Münzstraße den; Straßendamm zu bessern, an JauselS Hause entlang auf städtische Kosten eine tief« Gosse anzulegen und ihr einen verdeckten Abfluß bis zum Stadtgraben zu geben. Der Nachbar Meiers hatte sich schon gerichtlich verpflichtet, gegen eine bestimmte, ziemlich hohe Summe die Legung des Canals durch sein Geschäft zu dulden — auf ewige Zeiten. Das war doch eine gute administrative Auflösung eines prozessualischen Sepri- : menaccords, die allen Herzen wohl that. i Also eine Gossei — und vor Iau sel's Thür. Glücklicher Purimtag! Aber ’ noch schöner der Morgen, an welchem unser alter Jausel zum Fenster heraus die Rauchwolken blies und vergnügt den Steinsetzern zusab, welche den Straßendamm aufrissen, um ihn auszubessem und den tiefen Laufgraben vor seinem Hausr zogen. So lange die Arbeit dauerte, lieferte Jausel den obligaten Schnaps, und mit Argusaugen behütete er dm Warnungspfahl, damit kein Wagen die Arbeit störe. Nun mag Hochzeit sein, das ist doch ein anderer Ausweg als der Rosmthalfche auS dem Labyrinthe der prozessualischen Aergemisse. Die Hammerschläge klingen noch viel besser, als die von Purim. Und so warb's und blieb's. Die ganze Gemeinde feierte die Hochzeit mir, und Jeder war dabei froher Dinge. Der Srarrkopf Jausel war weich' wie ein Kind. Sie neckten ihn' zwar auS allen Tonarten, aber es verdroß ihn nicht. Er sah sogar die Nachtmütze ruhig an, die Feibel dem Bräutigam am Polterabend mit komischen Nebenbe- Ziehungen auf ihre am Schewuothfeste ertrunkene Mutter dedicirte. Eine Gosse wurde oie FriedenSstifrerin zwischen zwei Familien — von so geringen Ursachen hängt menschliches Wohl ab. Der Gemeinde aber wurde sie zu einer Prozeßbarriere. Wer einen Streit beginnen wollte, dessen AuSgang zweifelhaft, dessen Dauer langwierig erschien — „JauselS Gosse" hieß es bann wie auS Einem Munde — und der Sturm legte sich. Und so ist es noch heute. So habe ich eS als Kind gehört, so fand ich eS noch, da ich als Student auf einer Ferienreise meinen Verwandten Jausel besuchte. Ec als ehrwürdiger Greis auf seinem Sessel, zu seinen Füßen ein blühmder Enkel, Trotzkopf wie der Großvater. Von Bier und Bällen, vom Spiel und Theater wußte ich Manches, vom jus verteufelt wenig. Ich logirle bei dem Alten. Kaum hauen dir Seinigen ihn am erstm Abend verlassen, da zog er einen alten Schubkasten auf, und gab mir rin Actenstück zum Lesen, indeß mir Minke das größte Stück Kuchen prasentiren mußte. „Was sagst Du zu dem Erkenntnisse. David?" frug er, als ich fertig war. Meine Professoren waren es, die damals wider ihn erkannt hatten. Mit dem ganzen Respekt eines HochschülecS von drei Semestern erwiederte ich, einen gelehrten Ton kerauSdeißend: „Ganz den Acren gemäß." — „Amhoorez" brummte der Alte mich an, wandte mir verächtlich den Rücken und hat nie wieder über Juridica mir mir gesprochen. Friede feiner Asche! Er hat die tiefe Verachtung gegen die —er Professoren mir in'S Grab genommen und bis zum letzten Augenblicke von seiner Theorie über daS Wasserrecht keinen Deut aufgegeden, möge ec eines Bessern belehrt sein und mir den Amhoorez adbitten, wenn ich in der ewigen Heimach dereinst mit ihm zusammentreffe. Aus dem Scheiterhaufen. Kategorische Anrworten an die Gegner deS Zudenthums. Nach dem Französischen deS Alexander Weill. « aonsetzuilg aul No. 12.; Was ist denn nun im Judenrhume, das den Haß der Dichter aller Zeiten und aller. Länder erregt, und die Der-