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Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 41 (1860) · p. Seite 162

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
41 (1860)
Date
1860-01-01
Page
Seite 162 (sequence 2)
Language
German
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162 „Ist da« seine Liebe zu Dir, daß er nicht einmal Deinem alten Vater Nachgeben fann?" ' „Den.Mann bestimmt die Ehre und ehrlos handelt, wer Verzeihung erbettelt, wo ihm Dank ßedührt. — Werde nicht döst, Vater, ich will ruhig sein, «ein« Sachen einpacken und mitfahren." Die alte Hamburger Kalesche fuhr Nachmittagvor, Christian saß bedächtig in hellgrünem Kalmukrock auf dem Bocke und Minke überreichte der einsttigenden Herrschaft die nöthige Reifezehrung. Dabei weinte sie so bitterlich, ohne auf die Scheltworte ihregestrengen Dienstherr« zu achten. Hatte sie nicht Grund dazu? Da rollte der Wagen zum Thorr hinaus und drin der alt« Starrkopf mit der schönen' Dulderin. Waspinnt er den theuren Erisfaden immer weiter und macht um so ein Bißchen Regmwasfer ^a- Glück feine- Kindezu Wasser? „Erst suchte er den Stteit auf und firhrre ihn bei sich eia, nun verfolgt er ihn sogar und sucht ihm anderwärt- Eingang zu verschaffen." — Solche Gedanken waren ewohl auch, denen Minke am Freitag Abend aachhing? Ihre Herrschaft war nicht wieder gekommen und doch hörte sie schon deutlich auder nahe gelegenen Schul den Lechododigesang. „Ja Frieden komm Du Schmuck de- Herrn, ln Freuden auch und Jauchzen, willkommen Braut, willkommen Braut, umgeben von den Treuen all' deliebgeweihten Volke-." ,^Komm mit, o Freund, enaht die Braut, nimm auf de- Sabbath- Schöne!" Wenn nur dem armen Kinde kein Unheil widerfahren ist. Sicher kommen sie heute nicht wiedrr, der Herr fahrt keine Schabbe-ecke ab, wie die neuorthovorea Juden. Und nun kein Christian da, um da- Licht au-zupusten! Alle diese Sorgen quälten sie. Der Tisch war so nett gedeckt, daweiß« Linnm glänzte, noch mehr die wohlgescheuerten zinnemen Teller. Sie trat an'- Fenster. Kein Stern am Himmel, in dichtm Klocken fiel der Schnee. Eiskalt überlief sie die Erinnerung au ihre Jugendzeit. Solch eia Freitagadmd war es, da sie al- Kind mit ihrer Mutter durch di« große Haiden ging. Weit und breit kein Hau-, kein Mensch. „Da- Judenbettelweid" war am frühen Morgen vom Schulzm deletztm Dorfezum Dorfe hinau-gewiesm, die rothbäckigm Bauerknaiben ängstigten dadleich« Judenkiad mit eisigen SchneebLllen und brüllten dazu unablässig ihr „Manschet, Hep, hep und Schalmachei." Eist noch so weit zur aächstm Stadt, wo wieder Juden wohnen. Kein Wegweiser, kein Führer in der Nähe. Di« Mutter ttägt da- Kind. Wie knistert der festgefroren« Schnee unter dm Schritten, di« immer matter werdm, wie peitscht ihr der Sturm die dichten Flockm in'- Gesicht, daimmer heftiger von Kalte brennt. Sie kommt vom Wege ad, sie sinkt in eiam Gcabm. Gebrochen ist ihre Kraft. Fester drückt sie dazittemd« Kind an sich und schlägt um dasselbe ben dünnen, fadmscheinigen, zerrissenen Mantel. Kind und Mutter schliefen eia. , Die Mutter sollte nicht wieder erwachen, sie war erfvorm. Der Förster des gnädigen Herrm fand am andem Morgm die beibm Unglücklichm. Er brachtt dahalb erstartte Kind zum Lebm zurück, legte esammr der Leiche der Mutter in dm Jagdschlittm und übergab beide dem Vater Jaufel«, dem damahgen Conful de^ Jüdischen Republik zu H. Da- Kind'war zwar nie hübsch, aber groß und klug gewordm, ebimte dem Vater und ward alt bei seinem Sohne. Blodaran dachte Minke, fmchtet diese Erinnerung allein ihre Augen? Nein, ebm solch ein Freitagabend war e-, alder kleine freundliche Menke, der beim Pferdehändler Hirsch diente, ihr die Eröffnung machte, daß man ihm den Schutzbrief nicht geben wolle, wenn er nicht eine Jüdin auder Gemeinde heirathe. Und dabei gab er ihr da- Sparcassenduch zurück, bäsie ihm eingehändigt hatte, um mit dem Erlös« zum erstm Male auf eigene Faust den Z. Pferdemarkt zu besuchen. Sie hat ihn immer so lieb gehabt, den kleinen lustigen Menke. Run ist er ein stiller Mann geworden, seitdem sie ihm auf der Rückkehr vom Pferdemarkt km Teufel-grund aufgelauert, ihn beraubt und getödtet hattm. Räuber und Mörder! — der Gedanke machte sie beben. Sie stellte die beiden silbernm Leuchter in »in tiefe- Waschgefäß, damit die abbreunenden Lichter keinen Schaben anrichteren, kettelte die Fensterläden an, überzeugte sich von dem Verschlüsse der Thurm, und legre sich, nicht ohne Angst und Sorgen, auf da- Sopha, um im Falle der Noch sofort zu Hand zu sein. Einmal in der Nacht war eihr, alknistere etwain ihrer Nähe, dann war Allewieder still, daletzte Licht war dem Verlöschen nahe. — Meier - Hund mußte aber besser hörm, er schlug laut und immer heftiger an. Meier stand auf. und sah zum Fenster heeau-. Schneehelle Nacht, aber Niemand auf der Straße. Vor Jausel- Hause sah er eine Leiter. Schnell weckte er seine Gesellen. Mit den Schaareisen bewaffnet stiegen sie langsam die Leiter herauf und in eine dunkle Stube. Don da ging eleise in . die obere Flur, die Treppe herab nach dem Ladm. Die Ladmthür war gewaltsam erbrochen, aber von innen;ugeschnürt. Ein matter Lichtschimmer, der durch die Thüröffnung fiel, ließ Keinen im Zweifel, daß Diebe dem abwesendm Jausel einen Besuch zugedacht hatten. Hier konnten nur List und Vorsicht helfen. Jede Attaque auf die Thür hätte die Diebe, ehe andere Hilfe kam, zum Ladmfmster heraus nach der Straße verschmcht. Schnell ward ein Gesell denselben Weg zurückdeordert, den sie getommm warm. Er holte den immer schlafenden Nachtwächter herbei und beide postirtm sich.auf der Straße vor da- Ladenfenster. Meier und ein anderer Gesell ergriffen mit nerviger Kraft eine schwere Linnmkiste und schobm sie schnell von der andem Seite der Hau-flur vor die Ladmthür. So warm die Frevler gefangen. Denn nun stieß draußen auch der Nachtwächter in- Hom, und al-dasd kam anderweiter Surcur-. Die beidm frechsten Einbrecher der Umgegend wurden io flagranti betroffen. Nicht viel später durfte die Hilfe erscheinen, denn Jausel'- Geldkiste stand schon erbrochen da, ihre« gaazm Inhaltberaubt. Aber wo bleibt Minke? Pach langem Suchm fand sie Meier im Kohlenstall, an Händen und Füßm geknebelt, dm Mund mit einem Pechpflaster zugeklebt. Der herbeigerufene Arzt erklärte ihren Zustand in Folge der körperlichm Mißhandlungen und der psychischen Einwirkungm für bedenklich. Sie ward ln Meier'- Hauzur weitem Pflege gebracht, währmd dieser die Bewachung deeigmm einem Gesellm anverttaute. In solchem Zustand« hatte er da- Hauder Geliebtm, die alte, ttmbewährte Dimerin wieder sehen müssen. Einen Blick kn Täubchenstille fteundliche Stube werfend, sah er fein Bild noch am alten Flecke über dem Sopha, ftisthbekränzt. Die treue Seele! Sie hatte nicht vergessen, daß vor einigm Tagen sein Geburt-tag war und hatte mit stiam Liebling--

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