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Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 38 (1860) · p. Seite 151

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
38 (1860)
Date
1860-01-01
Page
Seite 151 (sequence 3)
Language
German
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151 feine Hauptschwäche. Mühsam hatte er die von seinem Anwälte concipirten Klagen abgefchrieben, wiederholt hatte er sie dem Chasan vorgelesen und dadei da< unvergleichliche Lob geerntet: „es sei nicht eine Peginah drin," ja, fast auswendig hatte er sie gelernt — und nun so blamirt zu werden vor seinem gelehrten Freunde! Es regte sich der Zorn, des Grimmes Schleusen öffneten sich und heranbrauste der verderbensschwangere Sturm. Vom Stuhl wie aufgeschnellt, wollte er au^ Meier losspringen, doch der Justizamtmann hielt ihn am Rockzipfel fest, der Advocat vertrat ihm den Weg. Aber man konnte ihn nicht hindern, zu rufen: „Herr Amtmann, Herr Amtmann, nehmen Sie zu Protokoll, daß der Verklagte ein Lügner ist!" Meier stand sprachlos vor Scham. Er wollte erwiedem, das Bild der Geliebten zog an seinem umdüstertea Blicke vorbei — er schwieg. Nicht so sein Sachwalter. „Revociren Sie diese Aeußerung, Herr Jaufel," sprach er im entschiedenen Tone. „Ich revociren, ich — Sie junger Mann, ich mit grauem Haar )" „Um so schlimmer, daß Sie sich so vergaßen." „Gehen Sie mir weg mit Ihren Narrenspossen, Herr neugebackener Advocar, mich dauert das Geld, das Ihr Doctorschmaus gekostet hat, wenn Sie denken. Sie wolle» sich an mir Ihre Rittersporen verdienen." Der Amtmann klopfte heftig auf den Tisch — einen Augenblick trat »Pause ein. Mil größter Seelenruhe sprach Meier'S Anwalt. „Herr Amtmann, ich bitte um Protokollirung der letzten Aeußerung und Bestrafung Zausel'S nach dem Edicte über das Verhalten der Parteien in Terminen." Der Amrmann entfärbte sich. Ein kleiner Kobold summte ihm in- Ohr: „Lebt wohl, ihr Ganselebern und Tauben, Oster- und Laubhüttenkuchen, Wechsel-Prolongation und häuslicher Friede." Ader was sollte er machen? Er war Richter, ein Rechtsgelehrter war zugegen, der Antrag war begründet. Er klingelte, Pfau trat ein. „Wegen ungebührlichen Betragens vor Gericht und vorj behältlich des Rechts des Herrn Advocaren . . ., die weitere , Bestrafung zu beantragen, ist der Kaufmann Jaufel 24 Stunden in Arrest zu bringen." Pfau traute seinen Ohren nicht. „Der Herr Amtmann haben sich wohl versprochen)" „Nein, sageich, der Termin ist aufgehoben." Der Gefangnißrhurm lag in einer andern Straße, dicht daneben Pfau'S Dienstwohnung. Oben war eine Stube für Vagabonden und Verbrecher, Wechselgefangene und Nachtschwärmer. Und dahin der Parniß, ohne dessen Wissen und Willen kein Licht in der lieben Schul brannte, vor dessen Baltephillahruf selbst Rosenthals Neid verstummte) Und so am Hellen Mittag in Begleitung des Büttels ) hui. wU mir die Haut schaudert. Und der schadenfrohe Gesell, 0W Felbel muß noch dem alten Mann zum Gelächter aller Zuhörer Nachrufen: „Wenn Sie im Thurm Kri' Schema leinen, rhut sich Meier bei Täubchen bene." Was umhüllst Du Dich nicht Sonne mit mittemachrigem Dunkel) Solch ein Tag deS UngW^M^Jammers ist der Gemeinde hoch nie erschienen. ' „Er hebt das Weh. an, werden'- die andern enden')" (ftcnic$nn* solgl.) Worte eines sterbenden Israeliten. Um das Sterbelager des alten David waren die Söhne und Freunde versammelt. Es war nicht Altersschwäche, die den Lebens- und Leiber-Helden gebändigt, auch aücht eine plötzlich hinraffende Kxaakheir, die sein Haupt auf die Brust gebeugt — sondern jerer sonderbare Tod kräftiger Greise, der unvermuther und s nber Uebel hereinrritt, als wenn er sagen wollte: „Gott griß dich! Ich habe an Dich gedacht, darum bin ich gekommnl" Da verbleibet denn das Bewußtsein bis zur Minute der Trennung, ja es eilt derselben noch voraus, und weiß, wann sie eintritl, und schein t zu wissen, was nach ihr kommt auf Erben. Die Menschen stehen herum, verehren! >, und beten den Gott an und die Unsterblichkeit, die sich in der Seele des ^Scheidenden unsichtbar noch lauttr offenbaren, als sichtbar im Leide d<S Neugebornen. Der Sterbende hall! ein kräftiges Leben durchgeardeitet. Von armen Eltern ged)ren, des VarerS in der zartesten Kindheit beraubt, in bei Trauerscenen der Dürftigkeit und Krankheit groß geworden, harre ihn später sein männlich errungenes Glück allerd! ags fast nie perlassen, aber er hatte mit dem Unverstand de Menschen so viel m jedweder Zeit zu kämpfen, und ihm zu begegnen, daß sein überschauender Geist dazu gehört!, nicht zu ermüden. Auf seiner Lebensbahn harre sich n chr feiten sein Glaube ihm hemmend in den Weg gestellt, un > er, der die Zierde des gesellschaftlichen Lebens gewesen wt re, lebte darum zurückgezogen, höchstens von untergeordnet ren Geistem umgeben. Sein Grab aber sollte er finden unter den Gräbern der Seinen. Denn auch das hatte ihm da! Schicksal nicht erspart, die Geliebte feiner Jugend in den Schoß der Erbe zu legen, und zwei, . drei Kinder neben sie.' j „Der Todeskelch ist nicht bitter,, meine Theuem, den mir der Herr reichen läßt, aber ich weiß, daß ich ihn trinke^ hob er jetzt an. „Dai Sterben hat sich mir anstatt auf das Haupt, auf die Fü ie gelegt, und steigt hinauf, anstatt hinab; darum den? ich uckd spreche ich noch, während ich schon sterbe." ' 1 „Werth ist in den Augen des Ewigen der Tod seiner Frommen-" erwieberieeltr Gotte-gelehrter mit demPsalmisten. „Warum)" frug dpr Sterbende.. „Weil er ihn, seinen Zeugen, j ungern von der Erbe scheiden sieht, ober weil er ihn gern zu sich gelangen läßt, ihm seine ganze Herrlichkeit zu zeigen, oder weil es ihm schwer wird, das Leiden des Todes ihn erfahren zu lassen, ihn, wie den Böfewic!>t, dem Moder der Erde zu übergeben. Unsere Weisen ind uneinig, welcher Meinung sie deitreten sollen." „So mögen sie alle gelten," erwiederle der Sterbende, „denn der Gerechte weiß, baß die Gerechtigkeit nicht ausstirdt, nach ihm, und die Bro>ken des Erdenglücke- und der Erdenerkennttuß genügen ihm des,Lebenwerden ihm längst nicht mehr, und die Mühen leicht, ob derer, die er im Leben getragen, und weil er fch bald ihrer erlebigt weiß, und wie

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