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Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 37 (1860) · p. Seite 147

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
37 (1860)
Date
1860-01-01
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
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147 fo viel zu chm», daß ihnen für ihre Brüder keine Zeit übrig bleibt. Gut aber ist es wirklich, wenn auswärtige unparteiische Stimmen laut werden über Gute- und Böses in Israel. Die heimischen Berichte strotzen gewöhnlich von wohlfeilen LobeStiraden oder sie sind mit jenen schamlosen Jnvectiven gespickt, welch« selbst die Referate und Schriften mancher unserer Koryphäen verunzieren und allwegs auf Eigendünkel zurückzuführen sind. Es kommt nicht immer auf vielen Detailkram an, auch vermag oft das tiefste Studium und Hkneinleden die Wirkung deersten Eindrucks nicht zu schwächen. Wer nur unbefangen sehen will, findet auch bald das Gute und Schlechte heraus.- Nachdem ich bei dem lebenSfcischen, geistesrüstigen Mannheimer in Wien mich verabschiedet und Wien selbst ein Lebewohl gesagt hatte, kam ich auf einem der schönen und comforrabeln Dampfschiffe der DonauschifffahrtSgesellschaft, Freitag, am 3. August c., gegen 8 Uhr AbendS in Pesih an. ES haben beffere Federn jene wunderbare Schönheit geschildert, welche der Anblick der Schwesterstädte Pesih und Ofen bei Sonnenuntergastg dem entzückten Auge dieter. Von meinem Fenster auS im Gasthofe „zur Königin von England" versenkte sich mein Auge in die Wonne dieser Scene, bis daletzte Abendglühen verblichen war, dis der Mond über oen „Blocksberg" herangezogen kam, seinen silbernen Abglanz in die Donau tauchte und Aauberringel auf den tiefvunkeln Bäumen drS am äußersten Horizonte verschwimmenden „KaiferbabeS" malte. Am andern Morgen wandelte ich schon früh durch schlecht gepflasterte Straßen, vorbei an unreinlichen Fleischduben und über GemüsemarktSraume, bis ich gegen 8 Uhr in der Tabaksgaffe vor dem Ttmpel stand. Eia imposantes Gebäude, weitaus das fthenswerrheste in Pesth. Aufge, führt im edelsten maurischen Styl, auS bunten Backsteinen auf einem Fundamente von rolhem ungarischen Marmor, mit vergoldeten minaretartigen Kuppeln, im Innern eben so prächtig alS geschmackvoll auSgestattet, eindrucksvoll durch kaum übersehbare Läng« und luftige Höhe, vom riefen Gelddunkel am Eingänge zur blendenden Halle am Aron hakadosch fortgleitend — ist es wirklich „die erhabenste und prächtigste Stätte (wie Melsel an demselben Tage erwähnte), welche Israel ln der Neuzeit dem Herm errichtet har." Es waren nur wenige Männer versammelt, langbärtige Gestalten im Kaftan, der Gottesdienst hakte noch nicht begonnen. Nachdem ich den erst« großartigen Eindruck überwunden hatte, und noch länget Zelt hindurch genossen den Anblick des prächtigen Frontispizes vom Borhofr auS, entfemre ich mich, um gegen 10 Uhr wiederzukommen. Die auf dem Hofe sich tummelnde Jugend, worunter auch mit Ehorrock und Barett bekleidete Chorknaben, zeigte mir an, „daß man leine." Denn um diese Zeit pflegt auch hier, wie in Berlin und Frankfurt, i» Hamburg oder Wien Alles von der keine zu fein. Der Tempel war mit Tausenden von Männern na* Frauen gefüllt — und in immer neuem Andrange wogt« sie massenhaft herein. Meisel sollte heute zum ersten Male nach seiner Rückkehr aus Macienbad predigen, zudem war seines SohneS Barmizwahfeier und der heurige Sabbath war der Jahrestag seiner Antrittsrede. Ich trat ein. Dumpfes Gemurmel und Drängen unten, leises Kichem und blühende Conversarion auf den Dammgal,rien. Trotz meinescharfen Gehörs^ trotzdem ich den heutigen Bibel, adschnitt j:nr>«i ziemli h kannte, verstand ich kaum einige Worte. Auch von Mischuderach kamen nur stoßweise einige Laute an mein Ohr. Üad der Chasan hat ein kräftiges, sonores Organ. Das ist der Uedelstand unserer großen Synagogen, auf den ich später kommen »verde. Als nun der kleine Meisel einen Sidrahadschnirr oder die Haphrorah vorrrug — ich hötte nicht das Geringste davon 7immer neue Schaaren zup» Tempel herkinkamen uno sich nach vorn drängt«, da faßte ich auch ein Herz, ließ mich von einer Menschmwoge vorwärts drängen und nahm ziemlich vorn Posto. Die Thorah wurde beigesetzr. Unter den erhabenen und mächligm 2ö„« der Org<l und des Hodogesauges rollte sich der Vorhang auf, und vergoldete Thüren wurden geöffnet und unter einem rothen, in einer Krone zusammenlaufmden Baldachin wurde die „Braut Israel-, die Tochter MosiS, der Liebling des Herrn" deponirt. Die vergoldeten Thüren schlossen das Pfand ein, der Vorhang rollte von oben wieder zu. Meisel, der rechts, vom Eingang« aus mit seinen Collegen in der Näh« der sogenannten Bundeslade steht — zur andem Seite stehen die in geschmacklosen Dreimastern sigurirenben Echulcommissare — verließ seinen Platz und degad sich auf die braune Kanzel. Dieser gegenüber befindet sich eine andere weißüberzogene. Meisel ist eia Mann von sehr angeathmem Aeußern, feine Statur ist würdevoll, nicht maniri« und theatralisch, sein Organ ist sonor und fließend, seine Sprache correct, klar, oft echt poetisch, seine Bilder sind nicht gesucht noch weniger schwülstig, er ist ein braver Kanzelredner von tüchtiger Memortrungsgab«. Ich bin mir dergleichen Lobeserhebung« äußerst karg und mache sehr bedeutende Anforderungen, habe auch unzählige jüdische und christliche Kanzelredner au» ihren mündlichen und schriftlichen Predigten studirt — und ich gesteh« es frei heraus, Meisel hat mich erbaut. Das will um fo mehr sagm, aler nicht eine eigentliche Predigt, fondem mehr eine Ansprache hielt, eine Erinnerung an den Iah, resrag seiner ersten Rede, eine Begrüßung nach längerer Abwesenheit. „Alles h«lbe er draußen gefunden, nur keine glückliche Welk, eine haftig arbeitende, eine rastlos thatkge, eine in leeren Vergnügungen sich abmühend,, wie «ine mir den erhabensten Geilleskfäft« ringende, aber ruhelos, unstät, nicht gottbesetigt." > Suche dm Ewigm, Deinm Gott und Du wirst ihn findet, so Du ihn suchest mit Deinem ganzen Herzen und Deiner ganzen Seele — *a» fti da« Geschenk, welches er se^er Gemeinde mitbring«. Nach Schluß der Rede und nach gesprochenem -Segen über dakaiserlich« Haus, den Statthalter Benedeck, die Gemeind« und ganz Jft iel entfaltet« der wackere Geistliche ein Papier und fordert im Auftrag« de» Vorstandes Hie Gemeind« zu Beiträgen!für die Nationalakademie und für die syrischen Christen auf. Beides hat mich unangenehm berührt. Beides gehört nicht auf die Kanzel. Wo ist dl« Grenze? Wenn es nun dem Vorstand« in einer sturmbewegren Zeit einfiel,, den! Prediger zu veranlassen, für Creirung eines PreßorgaaS, für Beschaffung eines Ehrensäbels zur Dekoration eines Generals, oder einer Fahne für ein Hanvedcorps seine Stimme zu erheben — soll er bas auch thun, oder soll er sich dtffen erwehreü? Gebt den syrisch« Christen, den fanatischen, unchristlichen, mit jüdischem Her-

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