Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 37 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/4908862-5999354-6026377--1712-4910213- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 1× ep/1004827
OCR text
146 matte Aechzen achtet der Feind nicht. Mutlosigkeit ist der RechtStitel für Tyrannei. Am Leben liegt nicht immer Alles und oft blutwenig an Geld uyd Geschäft — aber Kraft ist Dasein und Ehre der Daseins Krone! Wer sich ruhig bexounnajelteclieo ’[a$t, der darf sich nicht wundern, wenn man ihm dar andere Mal wie rinem Hund einen Fußtritt giebt. Freilich, wie wüßte ich eS nicht, was meine Glaubensgenossen in tausendfachen Rüancinrngen und Abstufungen zu leiden haben, rettungslos leiden müssen. Der Wahn ist allmächtiger Herrscher und die Dummheit ist Mitregentin. ES giebt Behörden, die so alderne Verfügungen gegen Juden erlassen, daß sie sich eigentlich vor jedem Quartaner schämen sollten, — aber ihre Scham hat sich bei der Intoleranz verdungen oder ist Buhldime in der Pfaffenwirthschaft geworden, so daß ihr beschränkter Verstand an der Heerstraße sitzt und Ehausseesteine klopft für die Zweigespanne geistlichen und weltlichen Blödsinns. — Es war recht so Meier, ganz recht. Der alte, nie nüchterne ThemiSbote wird das nächste Mal Dir gerade so artig begegnen, wie einem christlichen Gerbermeister, ebenso wie der Herr Justizamtmann vor Dir jetzt Manschetten hat. Meier hatte ihm bie Ableistung «ineS ZrugmeideS verweigert, weil ihn die Form desselben anekelte. Solch« schmachvollen, stetteritz- und bedlamwürdigen EideSnormen mir einem widrigen anekelnden Wust« kindisch bummer Ad« monitionen giebt'S zwar auch jetzt noch viele im heiligen, zopfgefegneten römischen Reiche undman sollte meinen, auS der Hand, die sie geschrieben/ fräße kein Hund wieder ein Stück Brot, ohne sofort toll zu werden, ja man kann'« mir glauben, der ich die Sache aus langer und vielseitiger Praxis kenne, so ein Judeaeid ist ein reineS Brechmittel für einen zartfühlenden Richter und rechtschaffenen Juden. 1 Meier war nicht Advocar, bloS Gerber — aber er dachte eben so. Er verweigerte den Eid,, bezahlte Geldstrafe und ließ sich 4 Wochen inS Gffangniß werfen — biS man ihn frei ließ und den Eid modificirte. Mobisieirte? Wie in vielen andern Ländern. Legislatorische Quacksalber haben ein rosenrythes Schönpflasterchen auf da» Krebsgeschwür gelegt und lassen gestohlene Thalmuds¬ oder Bideldrocken ein Menuett um ihr OpuS tanzen. Menuetts Der reiize St. BeitStan; ist'S, der alte Kohl mit dünnerer Sauce, ein großes Thema schauder- und stümperhaft verritten und verhunzt, ein Wechselbalg aus der Mefaillance der Jurisprudenz und Theologie. — Und der Justizamtmann hatte noch einen Wischer obenein erlangt. ~ i Meier hatte die Vorladungen so j lange und so oft unerbrochen zurückgefchickt, dis man vor dem Worte „Gerbermeist«" die Bezeichnung „jüdischer" weggelassen hatte. Welche Dummheit auch, als ob hie heidnischen Juristm an ein christliches Recht, an einen Evangelisch-lutherischen, römisch-katholische», meanonitisch-qu^kerigen Justizamtmann gedacht hätten. , DaS Odergericht hatte MeierS Verfahren gebilligt und dem Justizamtmann aufgegeben: Niemanden, wo es nicht unbedingt erforderlich fei, nach feiner Religion zu kennzeichnen. Aber nun au« der offenen, mit Judenhaß geschwängerten Straße einer kleinen Stadt zurück hl MeierS Stube, auS dem Aetmmoderduft zum erfischenden Lohgeruch. Zum dritten Male öffnete sich di« Thor. Herein huschte sylphidcnhaft die schöne Minke, wie sie sich an den seltenen Tagen nannte, an denen sie sich eines reinlichen Putzes erfreute. Die gerötheten Augen bekundeten bitter vergossene Thräaen. Den Schürzenzipfel ergreifend, um einen etwaigen neuen ThränenqueU zu trocknen, laatschke sie in ihren zerrissenen Pantoffeln di» dicht vor Meier und setzte sich hier dann erschöpft und jagsend auf-einen Stuhl. „Ach, Hnr Meier, begann sie nach einer Weile, die Tauben sind krepirr, das Fleisch ist an arme Leute verschenkt, der Herr sitzt hinten in der Stube und will Sie und Ihr HauS mcht wieder sehen, Täubchen weint, und S:e"sind eia geschlagener Mann — und ich gehe, aus dem Dienste. DaS hatte ich nicht aus. Kein- Antwort, keinen freunbichen Blick, und muß mich todt laufen zu Pfau und zum Ämrmann and zum Advocat — und gerade immer wenn ich fort bin, kommt der sthlemilige Chasan zum Porsche» oder daS Mtlchmädchen, denken Eie, gestern früh soll ich Posipapier holen, weil Er an Sie schreiben will, frißt der schwarze Kater — Sie wissen doch, ec gehört dem Kelew von Nachbar — den Hammelbraten auf — ach Gott, Herr Meier, das habe ich nicht verdient und an Allem sind Sie schuld. „Ich, Minkes Sie verurtheilen schnell!" „Nun ja, was braucht'» da großes Urtheil, Sie sind jung und er ist alt. Sie kriegen eine Nedunjeh und er giebt sie, Ihr Hau» war fein HauS, Ihr Täubchen ist sein Kind, folglich sind Sie auch im Unrechte. Kom> men Sie, bitten Sie Ihr Unrecht ad, damit wieder Frieden und Ruhe im Hause wird." „Nein, liebe Minke, bei Leibe nicht. Dein Herr würbe mich erst recht beleidigen, die Kluft zwischen unS würde dann unauSfüllbar werden. Ueberlasse der Zeit die Sühne, sie versirhr dieses Amt am besten." „O, ihr starrköpfigen Männer, der eine schlimmer, als der andere. Bleiben Sie nur böse, Täubchen» Herz wird bald nicht mehr schlagen — und dann kann die Chewrah gleich bei mir bleiben." Mir diesen Worten verließ sie schluchzend und unwillig die Behausung Meier», nicht aber, ohne zweimal zurückzukehren und leichenblaß dem Gerber durch die halbgeöffnete Slubenrhür zuzurufen: „Denken Sie an mich, Sie werden» bereuen." (frmUtu,» felgt.) Ein Sonnabend in Pesth. Bom Rechtsanwalt Di-. (Salm. E< würde der genauen Kennmiß der Jüdischen Zustände äußerst förderlich sein, wenn Reisende die Wahrnehmungen, welch« sie in dieser und jener Gemeinde gemacht haben, veröffentlichten. Freilich kann man von Geschäftsreisenden folche Betrachtungen nicht vttlangen, r» fehlt ihnen dazu an Muße und GemüthScuhe, auch nicht von de« vielen Badereisenden, welch« da« kranke Israel contingentweise entsendet. Sie haben mit ihren Vergnügungen und ihrem Staate, mit Flamren und Gähnen, mir Hervorbräagen und Prahlen