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Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 36 (1860) · p. Seite 143

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
36 (1860)
Date
1860-01-01
Page
Seite 143 (sequence 3)
Language
German
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143 Im untern Geschosse plätscherte das Wasser lustig durch Flur und Stuben. Die schönen, grüneü Maien! Bor einigen Stunden prangten sie noch in den Ecken der vordern Hausflur in wohlgescheuerten Kübeln, jetzt schwammen sie im Hofe — kreisend umher. Soweit der erste Act der Tragikomödie. WaS an diesem Tage weiter erfolgte, kümmert UNS nicht. ES war zwar keine rechte Stimmung im Gotteshaufe. Jaufel, 'der Pamiß, fehlte ja, auch der Bräutigam Meier war nicht da — und die Gemeinde selbst war in zwei streitende Lager getheilr, von denen das eine still kichemd dem Schwiegersöhne Recht gab, das andere den Alten laut in Schutz nahm und schrecklich« Dinge weissagt,. Wir befassen uns mir diesen Weissagungennicht, wir gehn sofort zu den spätem Ereignissen über. x tSorNey»», felgt) Aus den Donausiirstzuthümern. *) I. Ab- und Einsetzung von StaatSdienern. Ein Grieche, welcher in Bukarest unter seinem nationell griechischen Namen — französischer Sprachmeister bekannt war, kehrte nach einem kurzen Aufenthalte in Parimit einem französischen — Docrordiplome, urft> was da» Auffallendste sein mußte,'mit einem echt französischen Namen in die walachische Residenzstadt zurück. Hier ist aber Nichts auffallend. Ich sah einmal einen alten Bojaren an einem und demselben Tage bald mit einer blonden, bald mir einer schwarzen Perrücke coiffirl, ohne baß Jemand sich darüber gewundert hätte. So fand man es auch gar nicht auffallenb, daß der Grieche, der z. B. früher KaratibeS hieß, sich nun Robert Macaire nannte. Der fcanzösirle Neuhellene etablirte sich also als Arzt und verlangte vom PcotomtdicuS einen CommissionS» arztsposten. Er bekam jedoch eine abschlägige Antwort, weil sammtliche Stellen bereitoccupirt waren. Da wird aber eineschönen Morgender ProtomedicuS zu einem der höchsten walachischen Geistlichen citirt, allwo ihm bedeutet wird, daß der französische Hortoc sofort die angesuchre Stelle eines CommifsionSphysiku« erhalten müsse, west — ihm derselbe von dem einflußreichsten Pascha auS Konstan-! tinopel empfohlen worden. j Auf die Gegenrede des ärztlichen Chefs, daß in diesem! Augenblicke grade keine derartige Stelle zu vergeben fei, er-1 widert der Prälat: eS fei ihm zu Ohren gekommen, wie j ein Israelit nebst der Professur am hiesigen Gymnasium l noch eine CommissionSarztSstelle bekleide. Diese Accumula-1 tioa der Aemter sei reglement-widrig, der Franzose müsse den angesuchten Posten «chatten «nd verdiene derselbe schon deßhalb den Vorzug, weil — er kein Jude sei. Gegen solche Argumente konnte der ProtomedicuS selbst mit der Versicherung Nicht« auSrichten, daß dieser Jude durch eine Reihe von Jahren in, der SanitälSpflege, Wissenschaft und Literatur namhafte Äerdienste um die Walachei *) AuS der höchst interesianten Schrift: „Land und Leute in der Moldau und Walachei von W. Derblich seinem jüdischen Arzte)." Prag.!«&>. sich erworben, während die Doctorschast degallisirten Griechen noch sehe in Aweifet stehe. Binnen 48 Stündest erhielt Here vr. Robert Macaire die CommissionSarztSstelle^ vr. B. aber — feine Entlassung! BiS hieher ist die- «ine gewöhnliche Geschichte, die in der Walachei so häufig sich ereignet, daß sie kaum erwähnt zu werden verdiente. Nun kommt aber «ine in den gegenwärtigen politisch-sinanziellenVerhältnissm der Türkei fußende Verwicklung! „ Der demlttirte Doctor B. besitzt nämlich in Konstantinopel einen Anverwandten, welcher Agent deweltberühmtesten BanqukcrhaufeS ist, und der eben ein StaatSanlehen mit der Türkei adschließm sollte. Dieser Agent begibt sich gleich nach Erhalt der Nachricht von der Absetzung seine« Anverwandten zum türkischen Minister, stellt ihm die, seinem Schwager widerfahrene Ungerechtigkeit vor und bittet um Adhülfe.; Der Minister kann Natürlicherweise dem Agenteh eines Krösus, welcher dem „kranken Manne" mit seiaen^Goldpillen da- Leben verlängern soll. Nichtabschlagen. Er telegraphirt alsogleich an dennämlichen hohen Geistlichen, welcher, um demselben Minister Pascha dienstbar zu sein, den in Frage stehenden Doctor seine« Amteentheben ließ, ungefähr Folgende-: | „Ehat sich da- Gerücht verbreitet, daß Ew. Eminenz Beweise von grasser Intoleranz an den Tag gelegt, indem Sie einen der ausgezeichnetsten, vielverdienten, walachischen Gelehrten auconfess, -der confusionellen Rücksichten entlassen haben. Dieser Art der Unduldsamkeit in einem Momente, in welchem da« Land Alleaufbieten sollte, um durch Mäßigung dec Leidenschaften, Unterdrückung der Vorurtheile, durch Aufklärung und freiere Gesinnung die Sympathien Europa'« zu gewinnen,-kann der Walachei nur Nachtheile verursachen. Ew. Eminenz wollen daher ungesäumt die Wieberanstellung deverdienstvollen, wenn auch mosaischen Doctorveranlassen, bevor diese mißliche Affaire von den Schlingen der politischen Debatten erfaßt werde." Man kann sich leicht denken, daß Doctor B. unverzüglich in feine früheren Akmter wieder eingesetzt wurde. Aber auch der vom türkischen Minister früher anempfohlene Grieche mußte umsomehr in einem Amte verbleiben — aler — Franzose geworden! D« man jedoch in aller Geschwindigkeit keine neue CommissionSarztSstelle creiren tonnte, so mußte ein deutscher Arzt, der Wieder einen Pascha zum Protector, noch einen Rothschild'schen Agenten zum Schwager hat, Knall und Fall entlassen werden. Fallen^ sagt Goethe, ist de« Sterblichen Loo«! Correspondenz. Waldenvurg in Schlesien. Vor ungefähr sieden Jahren etablirte hier ein junger Mann, nachdem er-di» Tochter achtbarer Eltern.au« dem Städtchen M. in Schl. theirathete, ein Destillationsgeschäft. Anfang« ging e« sehr gut. die jungen Leute verübten in Einkrache und Frieden einige Jahre. Aber nicht lange lächelte ihnen da« Glück; e« wollte im Geschäfte nicht recht, vorwärts, und Herr B. verlor fein ganze« Vermögen. Der

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