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Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 36 (1860) · p. Seite 144

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
36 (1860)
Date
1860-01-01
Page
Seite 144 (sequence 4)
Language
German
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144 Drpder der jungen Ehefrau, die unterdessen schon zwei Kinder harre, nahm seine Schwester mit ihren Kindern zu sich. 'Mit dy Entfernung der Eheleute von einander nahm auch die gegenseitige Abneigung nach Grabe zu^ je länger sie von einander entfernt waren. Rach Verlauf einiger Jahre schickte der Bruder, sei es, weil dessen Verhältnisse es nicht gestalteten, länger seine Schwester mitihc^n Kindern zu ernähren, sei es. weil er gehört hat, daß jtin Schwager ein Geschäft in Commandite übernommen, diesem seine Frau und Kinder zu. Hierdurch in Besorgniß gesetzt, nahm der Eigenthümer des Geschäfts Herrn B. die eben anvertrauten Waaren wieder ad. War schon der Männ früher in einer bedrängten Lage — denn, von allen Mitteln entblößt, konnte er nur kümmerlich sein Leben fristen — so kam er hierdurch vom Regen in die Traufe: er sollte fortan auch für Frau und Kinder sorgen. Um sich audieser Verlegenheit zu ziehen, trug er -auf Scheidung an, wnrde aber von dem königl. Kreis-Gerichte hiesrlbst wegen nicht hinlänglicher Schridungsgründe zurückgewiesen. Doch der Frau und den Kindem war dadurch wmig geholfen; denn, „wo Nichts ist, har auch der Kaiser sein Recht verloren " Durch vieles Hin- und Herschreiden kam eS endlich dahin, daß der Bruder die Ehefrau des Herrn D. wieder nach M. nahm, nach kurzer Zeit jedoch diesem seine Kinder wieder zuschickre. Run war guter Rath theuec! Troydem die hiesige Gemeinde, welch« nur wenige Mitglieder zählt, schon ohnehin sehr belastet ist, wollte sie sich dennoch der Kinder annehmen; jedoch hätte dies nicht für die Dauer bestehen können, weil es zu große Opfer erheischt. Ader, wo die Roth am größten, ist die Hülfe Gottes am nächsten! Vor einiger Zeit bildete sich hier »ämlich ein Verein, der zum Zwecke hat: hülf- und obdachlose Personen und Kinder, deren Eltern keine Mittel haben, sie zu erziehen, in einem dazu bestimmten Hause aufzunthmen, zu verpflegen und mit allem Nötdigen zu versehen; auch den Kindern die größte Sorgfalt angedeihen zu lassen, daß sie eine moralisch gute Erziehung und den für ihre BildungSfähigkeir erforderlichen Unterricht erhalten. Di^ Mitglieder unserer israelitischen Gemeinde wollten, weil die Statute» des Vereins nur die Aufnahme christlicher Personen und Kinder festgesetzt, sich bei der Eonstituirunq des PereinS nicht daran derheiligrn. Ungeachtet dieser Bestimmung stellte in einer Stabwerordneten-Sitzung der Präses des Vereins/- Herr Bergrath Karsten, einer der hochherzigsten und edelsten Menschen unserer Zeit,, den Antrag: „die Kinder des B. sollten auf Kosten des Vereins erzogen und verpflegt werden!" Es sollten nämlich die Kinder bei einet gebildete«, achtbaren Decennien wohnte am hiesigen Otte gar kein Israelit. Der erste, der hier sich etabliren wollte, bekam bei keinem Bürger hier eine Wohnung. Rach vieler Mühe gelang es ihm endlich bei einem Handwerker eine Wohnung zu bekommen; doch in demselben Jahre schon mußte ihm sein Wirth die Wohnung kündigen; denn die fammtlichen Kunden sind, weil er einen Israeliten in seinem Haufe ausgenommen hat, von ihm adgegangen! Derselbe kaufte sich außerhalb der Stadt ein Grundstück und eS dauerte gar nicht lange, so wurde er ehrenvoll als Bürger dieser Stadt aufgenommm. Jetzt wohnen hier schon 12 israelitische Familien, und aus obenangeführtrr Thal läßt sich wohl schließen, daß eine weit mildere Gesinnung gegen unsere Glaubensgenossen gegenwärtig hier herrscht. Aber zum Lode der hiesigen Gemeindeglreder sei es gesagt: sie haben sich stets so würdig und in jeder Beziehung so tadellos betragen, daß nicht nur die angeecbten Vorurtheile schwinden mußten, sondern stehen sie auch in größter Achtung und bestem Ansehen: ja in diesem Jahre wur^e sogar unser Vorsteher, Herr Salomon Böhm zum Sladtverordneteo gewählt! Ich kann nicht umhin, mit dem Ausrufe zu schließen: Ehre dem edeln und hochherzigen Herrn Bergrath Karsten! Ehre diesem Biedermanne!') I. Cohn, Lehrer. *) Der Herr Corr. hat aber vergesien anzugeten, wo denn nun die Kinder ontergebrackt worden sind? Wir unirevseit» können es nickt unterlaffen, auch darin einen großen Eonrrast zu finden, daß ein chriftlicker Verein die Kosten für die Erstehung jüdischer Kinder tragen will, und keine jüdisch« Familie sich findet, welche die Kinder annehmen will! Wo bleibt da die gerühmte jüdische Barmherzigkeit! Die Redaction. Anekdote. Zwei Juden stehen vor ejnem Rabbiner (in Galizien), der, um dem irrsn (Bestechung macht blind) vorzubeugen, gewöhnlich eine Brille trägt, zu Gericht (rryai v^); Beide sind anscheinend mit leeren Händen gekommen es wird daher der Ungerechte verurtheilt. Dieser raunte nun dem Rabbiner ins Ohr: „Redde, ich Hab' Euch auf die Feiertage zwei fette Hkndikes (Indianer) gebracht und bereits der Reddezin übergeben!" Der Rabbi wendet sich hierauf mit lauter Stimme zu demselben: „Warum habt Ihr mir das nicht gleich gesagt? wenn Ihr zwei so gewichtige Zeugen habt, nimmt freilich die Sache eine andere Wendung. Geht nach Haus«, eS geschieht Euch nichts!" jüdischen Familie, wo sie moralisch gut erzogen «erdm, unierqebrachl werden. Indem aber in unserer kleinen Gemeinde keine Fan,ili, sich damit befassen wollte, war die Red«'davon, die Kinder einer siristlichen Familie zur Pftege und Erziehung zu überqeden; da erklüereHrrr Bergrath Karsten: die Kinder müssen durchaus bei einer irischen Familie mttergedracht «erden; er wolle bei einem spatem »Taigen ikebsrgaoge zum Christenthume den Vorwurf auf sich nicyl laden, die Veranlassung dazu gewefm sein! Welch ev» Contrast aber auch zwischen jetzt und ungefähr vor 30j Iah««! Bor drei Allgemeine Zeitung de« Judenthum-. No. 35. 1k60. Leitende Artikel: Denkschrift des königlichen Staatsministeriums über die Gleichberechtigung der Israeliten in Preußen. — Die Badener zweite Kammer. — Donaufürsteathümer. — Die israelitische Bibelanfialt. Zeitonasuachrichten: Deutschland: Karlsruhe, aus Unterfranken. Preußen: Peckelsheim, von der Oder, von der Oder. Oesterreichischer Kaiserfiaat: Au« Mähren. Italien: Turin. Zu beziehen dnrch jedes Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 3 Thaler, vierteljährlich % Thaler. - I _—-- Verantwortlicher Redaeleur: St. Rabe. Srrlag »em La»«gfirl»er's BnchbandlnnA ln?ri»jig. — Druck »ob <8. Kreysing in?cipji|.

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