Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 36 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 2)
- Language
- German
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142 Was mußten ihn auch die dürren Hand« der alten Minke so schütteln? „ Stehn Sie auf, um Gotteswillen, Herr Jauset," schrie das alte an .V) jähriger Heiserkeit labocirende Sramminventarium, „da- Wasser steht isn Hause, ich will Täubchen wecken, sonst ertrinkt das arme Kind!" Und mit diesen Worten war sie aus der Stube entschwunden fammt ihrem federbefpickten Pudelkopfe. Der Alte fuhr in seine Beinkleider und sprang ans Fenster. Wahr und wahrhaftig. Dow dem ober« Theil der Münzstcaße herab, in welcher er wohnte, fluchcte das Wasser mit allen Ingredienzien schlechtgepflasterter, ungelehrter Straßen und gerade auf das Tholr des schräg gegenüberliegenden Hauses. Da» war aber wohl verbarriradirt, mit Mist und' Erde jedes Ritzchen gut-verstopft — und in Jauset- Haudrang die. abprallende Flurh, die chama- . leonfarbige. Schrecklich! Ein versteinertes Jammerbild stand der alte Mann da! So muß Pharao vor Wurh und Adrn' gebebt haben, da er wohlgenährt, arbeitsscheue Ausreißer, Sclavenseelen trocken lustwandeln sah, wo ihn und seine» Heere- Herrlichkeit der kalte salzige Tod umfangen sollte. . In Prosa löst sich di« beschriebene Scene dahin auf. Die ganze Nacht harre es in H. geregnet, wie in den Tagen der altersgrauen Sündfluth.' Loch Ochsenberge schoß eherab in hundert Rinnen und Furchen und. alle Bächlein züngelten nach dem einen Hauptstrpm, bekksich durch die abschüssige Münzstraße ergoß. Früher war das auch alljährlich Ser Fall, aber den alten Jausel hatte es' nie betroffen. Der arme Leinweber in dem schräg gegenüber liegenden Hause mußte durch die untem Lücken seineschadhaften Thorweges alle- Wasser in seinen lief gelegenen Hof und Garten fließen lassen, und während dorr die Kinder kahnten und kleine Mühlen treiben ließen, stand Jausels Haus, w»e Noäd's Arche, stolz und unversehrt da. Der arme Leineweber! Er haue Respekt vor Jausels Freundschaft mit dem Jusiizamtmann, vor seiner Donnerstimme und — vor seinem Gelddeutel.! Dreißig Jahre und darüber hatte ft diese Servitut in stummer Entsagung getragen, dis sie ihn in rin ganz kleineaber trockene- Haubrachten. j Da- Dulderdaus aber hatte Jausel ^acquirirt und hatte edem Lohgerber Meier geschenkt, dfn er zum Manne seine- „Täubchens" erkoren haue. j Acht Tage nach Schewuorh follrej die Hochzeit sein. Minke hatte schon manchen Strauß nstt diesem und jenem Fleischer um Zungen und Brüste bestanden, siegreich war sie stets mit; den blutigen Trophäen! heimgekehtt. Di« junge Taubenbrut der halben Stadt war bereits.geködert, um Täubchens Festmahl zu verherrlichen. War sie doch die einzige Tochter des alten WtttwerS! Alle Truhen waren mit derbem handgrmachtem Linnen gefüllt — und vor der ersten, aber immer auch falsch?» Anstimmung des horuch in der «l»ß.n Plaudsrstunbe der verdammemden SabbarhSandacht, stritten die Wortführer der Kileh über die Hohe der baaren Nedunjch, ole nach der kühnsten Lesart 30V0 Gulden betragen sollte. Ein großes Wort in renen Tagen, in einer kleinen Stadt, so groß, daß selbst der Ehasan beim letzten Schiur kein Bedenken trug zu sagen: NDvre « *»ab i!mr 'po-vc. „Die Welt kann ohne Gerber nicht bestehen, wehe, wer Gerbereien treiben muß — ohne Geld." Die beiden letzten Worte, eine kühne Hypothese de- Exegeten waren nur der Ausdruck der Grmeindestimmung für die kolossale Mitgift, freilich mir obligater Aussicht auf das Kibuschimhonorar. Diesen Glan; hast Du nun getrübt, dieses Glück hast Du mir Frevler Hand selbst verscheucht, böser Meier, ja mehr als Meier, Wassermeier! Denn selbigen Namen hat Deine strafbare Handlung Dir und Deinen Nachkommen alS Kainszeichen ausgeprägt. Da steht Dein Schwiegervater und öffnet das Fenster, seine Augen sprühen Funken, die zorngeschwollene Stirnaber verkündet den Orkan. „Geschl, Kazifsgenosse, mach' den Mist weg, die Erde weg, mach' da- Tborweg auf." Meier erschien am Fenster mit einigen Gesellen. „Lieber Later, Du weißt ja, ich lasse den Hof pflastern, es verdirbt mir Llle-, schütze Dich auch wie Du kannst gegen da- Wasser, ich will Dir helfen, es verläuft auch bald. Ich dm im Rechte!" „Im Recht,, Schnorrer, in meinem Hause hast Du ein Recht?" „Jetzt ist es dameinige, ich bitte Dich, Du machst die Nachbarschaft aufrührisch, es wird Skandal." „Es wird Skandal? es ist Skandal, Weltskandal, Chilul, Hascbem, Unrecht, Sünde, Verbrechen — ich VpiU Dir zeigen, was Ilm und wa- Cliuzpeli ist." Damit schlug er da- Fenster zu, brückte die Nachtmütze fester über die Ohren, zog die Kanonenstiefeln an, warf den Schlafcock über und polterte die Treppe herab. „Barer, liebet Barer — laß mich mir Meier sprechen, ich bitte Dich, thu ihm, thu Dir keinen Schaden" bat ihn händeringend die eben erschienene Tochter, er schob sie bei Seite, watet« durch das im Hause angesammelte Wasser und sprang zur Hausthür heraus — plaotsch — da lag er. Im Feuereifer der wassrcbedeckken Stufen vergessend harre ec der ganzen Länge nach der bräunlichen Fluth sich überliefert. Weithin schallte das Gelächter der skandalsüchtigen Nachbarn, deren kleinstädtischer Langeweile das köstliche Intermezzo wie vom Himmel gerufen, kam. Die Nachtmütze schwamm,' wie ein kleiner Porzellanthurm, ruhig die Straße herab. Jausel, baarhaupt, erregt und erschreckt, wüthend und verschämt, plärschecre mit den Händen und stampfte mit den Füßen — was half ihm feine Wurh? Dem Unglück soll man einen Stuhl setzen, sagt ein Sprichwort. Er rhatnicht, er wollte in Meiers Haus, trotz Wasser und Fasttag den Erd- und Mistwall durchstechen, daß die Nrlfluth fruchtbar sich über Hof und Garten deS Schwiegersohnes ergösse — aber mitten im Straßendamm mußte wohl ein Stein liegen, der Alte stolperte zum zweiten Male und fiel rücklings nieder. „Bravo," riefen Meiers Gesellen schadenfroh zum Fenster heraus. Meier selbst aber stand schon neben seinem Schwiegervater. Mir nerviger Faust harte er Jauseln gefaßt und aufgerichtet. Als dieser da» trübe Wasser sich auden Augen gerieben hatte und seinen Retter erkannte, stieß er ihn mit Behemenz von sich und watete wuthschnaubend in sein Haus zurück.