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Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 36 (1860) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
36 (1860)
Date
1860-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Bolksblatt. Zur Belehrung und Anterhattung auf jüdischem Gebiete. Hexausgegebcn von > Rabbiner vr. Ludwig Philippsou in Magdeburg. — lNo. 36. 1860.] «ca tiefer ZeirfchrUl erfefceiat wöchentlich ein? Nummer. Prei« de« 2aibrgang» » Thir. Vieneljährig 7 '4 Ngr. Alle Buchhandluugeu. Pvstauiter »uv Zeitunftsexpetiiione» pehme» Beftelluuge« »n. [7. Isdrg. 3. Quartal] Jausels Goffe. Dom Rechtsanwalt Ur. D- Calm- I. Ein wunderlicher Kauz der alte Jausel. So ein echter Äernmensch, eine naturwüchsige Erscheinung. Das war einer von der alten Garde, die Heuer nur wenig Köpfe zählt. Hie und da lugt wohl noch so ein knorriger Rüsternbäum über das niedere Gestrüpp, aber er erblickt keine Eichen -und Buchen mehr, nur glattschälige Birken und langaufgeschossene Pappeln. Einsam und verlassen stirbt er ab. Früher war die kleinste Gemeinde eine wahre Musterkarte origineller Charaktere, in Sin' und Kleidung, im Sprechen und Handeln — die moderne Bildung hat das alles ausgeglichen, Frack und Crinoline haden's nivellirt. Eine matte fischblütige Jugend beclamirt, wo die Baker gehandelt haben, und feilscht und handelt, wo jene geruht und gebetet haben. Es ist nun aber einmal so. Mit allen „Ach und Wenn" raisonnirt man'S nicht weg — und wer tiefer blickt, mit geschichtlichem Auge unser Treiben ansieht, der mag Stockjobderei und Badereisewuth, LuxuStram und FSrenschwind«!, Ordenshascherei und CommerzienrathStitelsucht ins Pfefferland wünschen, im Ganzen und Allgemeinen muß er sich aber gestehen und auSrufrn: „Gott sei Dank, daß Israel da hält, nur immer so weiter im stetigen Fortschritt, ohne Ueberstürzung und Geschrei. Der alle Jausel dachte freilich nicht so. Der hielt am Alten wie eine Klette, anS Hergebrachte klammerte er sich mit allen Fasern seines Denkens. „Platz da dem "Erprobten, die Hand weg vom Bestehenden," — das war seine LebenSregel. Er hat zwar nie über das Recht des Besitzes' geschrieben, wie Savigny, noch über Gewohnheitsrecht, wie Puchra, — dafiir gingen abkr seine Theorie und Praxis in solcher Harmonie, daß von einer Controverse gar keine Rede sein konnte. War's seine Schuld, wenn böse Nachbarn sein Trauf» recht bestritten, wenn der neue Rabbiner die uralte Herr- *) Unsere Leser müssen nachsichtsvoll entschuldigen, wenn unerwartete Hindernisse augenblicklich die in No. 34. begonnene Novelle fortzusetzen nicht gestatten.' Der Ersatz, d e n wir hiermit beginnen,' aus der Feder des sv sehr beliebten Erzähler-, macht uns jedensfall» die Entschuldigung, überaus leicht. Die Redaction. schaft deS Jekum purkost angriff, wenn die Separationsbehorde ihm die fchöt^ll! Wiesen nehmen wollte, die schon seinem Großvater den ehrenvollen Beinamen: „Wiesenmendel" verschafft hatte»? Nur darum mußt«, er so oft prozessiren, auS keinem andern Grunde. Da« ivußten auch alle Juristenfacultäten in Deutschland. Hatte er je einen Prozeß verloren? Nie, nur seine Advoraten, w«il sie auf feine Instructionen nicht Acht gegeben hatten. Wenn einmal das Justizamt seine Anträge nicht deferirte, war da nicht der neue Assessor, schuld.? Der alte Justizamtmann konnte fm nicht Unrecht geben. „Jausel hat immer Recht," pflegte,dieser schon lächelnd zu sagen, wenn die markige Gestalt des Juden mit hohen Krempelstief,ln und dickem Bambusrohr zur Gerichtsstube hereinwankte und mit einem „guten Morgen" eine frische Prise aus dem silbernen] Dosenkahn dem Srorch darbot. Dann sah unser Helld so stolz und seldstvergnügt auf den jungen Referendar herab, Äs sollte ihm jede Miene sagen: „Nimm'S Dir sä oolsw und mach' keine Böcke, wenn Du mit mir zu thun hast.^ - Der alle Gerichtshof Pfau lebte mit ihm in-schönster Harmonie, und das war in den alten Tagen der seligen Justizämter viel werth, ha die Boten noch zu sagen pflegten: „Wir haben erkannt, >wir befinden u. s. w." Diese Harmonie stlnd auf festem Grund und Boden, auf einem Pump, der tpU eine endlose Schraube, über all« Jahresabschlüsse des Jastselschen Manufacturwaarengeschäfrs wegging. — , . In so glücklicher Situation lebte unser Held bis zum ersten Pfingstrage des Wahres >8 . . . Es war noch früh Morgen. Die Lerchen im Felde schmetterten zwar schon ihr Jubellied dem „Bräutigam entgegen, der auS seinem Zelte getreten war," aber unser Jausel, der an Werkeltagen mit muntern Augen die aufgehende Sonne sonst begrüßt«,!lag heute noch lm festen Schlafe. Ihm träumte, er stünhe am Sinai und Mos« wolle eben hiuansteigea auf den rauchenden Berg. Da gewahrte ihn der Gorresmann und rief ihn zu sich heran und flüsterte ihm ins Ohr: „Dir Dringe ich einen Codex mit, daraus sollst Du richten über Israel, Du, und kein Anderer, mein Knecht Jausel!" Und der Rauch des Berges ward zum Nebel und das Wasser schoß herab i» Strömen und Wogen. — Das ganze Lager Israel wa!r geflohen — nur er stand allein in der Wasserwüste. Jiqmer höher stieg die Fluth, dis an sein Haupt —. da erwachte er.

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