Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 31 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
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122 sauer, oder fuf und hell, frei zu machen^ Es ist das Herz des Menschen, die große, geheimnisvolle Kelter im Menschen, das Herz, das des Göttlichen ach meisten enthalt im Menschen, und das feine Fäden am Zartsten in das überirdische, verdeckte Reich hiuübersendet. Und sei auch der Mensch hart wie Felsen, diese Kelter äst doch hineingeh»«en, eine klopfende Stelle hat selbst der härteste Mensch, wo sem Herz liegt, wo er zu fassen und zu erweichen ist, baß der Most der Gefühle daraus hervorfl^eße. So har Ver Prophet wohl geschildert bfe Sorgfalt und Fürsorge, die der Herr auf seinen Weinberg verwendete, daß er mit Recht ausruft: Wawar' zu tbun an meinem Weinberg, DaS ich nicht thal an ihm? Und wenn wir all' dies mit einem Blicke übersehen, die ganze Fülle, den Rrichthum, den Gott der .Menschheit ver» liehen: die großen, erhabenen Anlagen, die, sichere Begrenzung, Sitte und Recht, die wilden Leidenschaften bezähmend, die Edelrede der Religion, der Wachtchurmi de- Gewissens, die tief« Kelter des Herzens — und denken uns dazu Gott, den allgütigen und allweisen als Pfleger des Weinbergs, als Freund und Liebling — und erwägen tnpn bei uns, wie nun die Menschheit hatte werben müssen holler Liede und Friedens, voll Gerechtigkeit und Erdarmenis, voller reiner Freuden und edelsten Sttedens, eine Pflanzung göttlicher Wonne, ein Weinberg, der köstliche Trauben trüge.1aber wir sehen, den Eigennutz, die Selbstsucht herrschen, den Haß kämpfen und tobten, die Habsucht und den Ehrgeiz ringen, Neid und Lüge untergraben und verdrängen, Herrschsucht blutige Opfer dringen, Ungerechtigkeit und Bedrückung und Ueppigkeit und Wohllust, daß das Leben der Menschen eine Kelle von Mühsal, ein Feld von Sorgen und Aengsten geworden, darunter das Her; selten frei apfathmet, selten oer Luft seines Gottes aufjauchzet, selten voll Befriedigung nach oben schauet — — wir werden woht mit dem Propheten ausrufen: '! Da harrt' icb, daß er Trauben trüge, Doch trug er Heerliuge. Und; Warum bamn’ ick, daß er Traubeu trüi e, Doch trug er Hcerlinge?! Und, wie er weiterhin ausruft: -! Ich harrte auf RechlSiprucb, und siche dja Morbstuch,! Auf Heil, uud siebe da Geheul! *) j j Im Geiste des Propheten, im Herzen aller wahrhaften 1 Menschenfreunde, aller derer, welche die Menschen so'gern glücklich und rein sehen möchten, begreifen! wir den tiefen, Alles überwiegenden Schmerz, der aus dilefer Anschauung dervorqüillt. Wissen wir etwa nicht, wie! leicht sich. FriedenSliebende verständigen? wie leicht sich Duldsame-selbst bei Meinungsverschiedenheit ertragen? wie leicht Freunde der Gerechtigkeit Jedem zuertherlen, waS ihm gfhört? wie leicht *• 3<f. 5, 7. Die treffliche Parouomafie wird von Grsrnius so ausgedrückt: Ich harrte auf Gunbar, und fsiehe da Blutbad, vuf Beglückung, und siehe da Bedrückung — »fa* aber dem Urtext nicht ganz angemeffeu istl Mäßige und Keusche das recht« Maß inne Haltens wie leicht diese ihre Bedürfnisse befriedigen durch geregelten Fleiß und Anstrengung? Und wissen wir nicht, daß die von der Gottheit unmittelbar und allein ausgehenden Schicksalsschläge nur die wenigsten der Uoglücksfälle sind, di« den Menschen betreffen? So wissen wir, daß die Menschheit ruhig und sicher im blühenden Garten des Lebens wandeln könnte, nun aber zumeist in die Wüstenei hinauseilr, in die „Oede gräßlichen Geheuls," wie die Schrift sagt, und am Abgrunde -steht, in den sie schonungslos Millionen ihrer Kinder hinadstößt. Wohl vermag uns die Vernunft manch' Trosteswort zuzuflüstern, wohl weist uns die Geschichte auf die große Entwickelung der Menschheit hin, die mitten aus dem Kampf und Drang hervorgehl und ihren sichern, wenn auch abge» messeuen Gang schreitet — aber die zahllosen zerdrückten Menschenhrrzen, die getrübt« Gegenwart, die vielen von der Sünde verpesteten Geister — sie können uns der Klage nicht entziehen: Da bartt' ick, daß er Trauben trüge, Und er trug Heerliuge. «.Schluß folgt.) Wie die Menschen — so die Thiere. 3^ kennt doch den Bemhardineckcebs, in der Sprache der Naturforscher Papuru»? Unähnlich den anderen Krebsen, die sich begnügen, in ihren eigenen soliden Schalen zu leben, -wohnt dieser Bernhardinerkrebs in der leeren Muschel irgend einer Molluske. Er blickt grimmig auf die Welt hin auS der offenbar unbehaglichen Tonne, dieser Diogenes der Crustaceen, und hat solchen Ausdruck von bewußter aber trotziger Dieberei, als wisse er, der rechtmäßige Eigenthümer des Hauses oder seine Verwandten könnten jeden Augenblick kommen, um es wieder zu erobern, und ec seinerseits dachte sich, sie sollten eS nur versuchen. Der ganze Vorderleid dieses Krebses, mit Einschluß feiner Scheeren, ist durch die übliche feste Krebsrüstung geschützt, aber sein Hinterleib ist weich, nur mit einer zarten Haut bedeckt, in der freilich der Anatom Anfänge von Schalenplattcn findet. Ein so streitsüchtiges Individuum nun würde in dieser Welt des Kampfes mit seinem zarten Rücken schlecht fahren, wenn er nicht ein Mittel hätte, -um das Unrecht, was ihm bei seiner Geburt widerfahren, wieder gut zu machen; er wählt sich also «ine leere Muschel von entsprechender Größe, steckt seine verwundbare Partie hinein, hält sich mir den Haken an jeder Seile seines Schwänzchens fest, und so im Rücken gedeckt krabbelt er durch die See, ein grotesker Räuber, aber ein Philosoph. Der Leser fragt, woher diese Neigung des Bernhardinerkrebses, die Gehäuse anderer Mollusken zu bewohnen, stamme? Entweder müssen wir annehmen, daß er ursprünglich so geschaffen wurde, mit der ausdrücklichen Absicht und dem entsprechenden Bau, oder — und dies ist wohl die vernünftigere Annahme — daß er ursprünglich auch am Hinterleibe mit Schalen versehen war, daß er aber (vielleicht zum Schutz gegen stärkere Feind«) sich in fremde Muscheln flüchtete, was denn jetzt eine förmliche Gewohnheit der ganzen Art geworden ist und allmählig die Hinteren