Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 31 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches BolkSblatt. Zur f .Relehrung und Anterhattung auf jüdischem ZeKiete. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippsou in' Magdeburg.» [Xu. 31. 1860.] Bv» dlticr Zcilsibrin ersLrint wöchnttlich ei« Rnmmrr. Prei» de» Iah, gang, l Thir. »ieneljädrig 7 V. Ngr. Alle vuchhantlnngeir. Poslaml. und Aeiwirgsexvediiienrn nehmen Bestellungen an. . . [7. Lrkrg. 3. Quartal] Das Gleichniß vom Weinberge.! Iesaia« 5. | l Fortsetzung an; No. ss».t } Und innerhalb dieser Umzäunung „entsteinigte er ihn." Unter der Führung GorrcS hat der Mensch die Wälder verlassen und die Höhlen, har eine Gesellschaft gegründet, und in derselben entwickelten sich Sitte und Recht. Die rohen Leidenschaften, welche in dem Naturmenschen fessellos walten, in. denen er nur sich und seinen Borrheil und seinen Genuß sieht als den Zweck seines Lebens, wurden bezähmt und gebildet. Er stehet und duldet neben sich seinen Mit» menschen, ebenfalls Zwecke verfolgend, seine Kräfte anstrengend, seine Früchte sammelnd, ja, er vereinigt sich mit ihm in gleichem Streben, und so bilden die Sitte und das Recht, wie sie hervorwuchsen auS der Gesellschaft, und wie sie sich unter höheren Einflüssen immet reiner und edler gestalten, ein großes Band, das sich um die Völker, bas sich allmählig um die ganze Menschheit legt. Dies ist die große Enlste.aigung, die der Allweise auf seinem Weinberge vornahm und ausführte: daß die natürlichen Leidenschaften des rohen Menschen in der Gesellschaft gebändigt und unterdrückt und! adgeschliffen werden, damit die letztere ein großes, gegliedertes Ganzes bilde, innerhalb dessen baS Individuum seiner Be, stimmung lebe, während das Ganze ein großes, unaufhaltsames Fortschreiten gehe. Wie die Steine auf dem Boden .daS Keimen und Sprießen der Gewächse verhindern und erdrücken, wie sie zugleich denselben die Säfte des Bodens entziehen, baß sie verkümmern — also lasten die rohen, ungezähmten Leidenschaften, die Wildheit der Gesinnung, die Rohheit der Empfindung auf dem Boden der Menschheit, verhindern und verkümmern alles Edlere und Reinere, das Aufkommen alles Hohem, deß sie kein Bewußtsein haben. Aber auch damit harre der Herr in der Fürsorge um seinen Weinberg nicht genug. „Er bepflanzte ihn mir Edelrebe." Da bist Du aber gewiß nicht in Zweifel, mein Leser, waS der Prophet darunter verstand. Oer große Weinberg der Menschheit ist mit der Edelrebe der Religion, d. i. der GotteSerkennlniß, der Nächstenliebe und Heiligung bepflanzt. Der Allgütige rhat selbst dem Menschen kund von feinem Wesen, und waS des Menschen höchste Aufgabe ist. . Auf diesem fruchtbaren, umzäunten und entsteinigten Weinberg, in der mit so reicher Anlage gesegneten, nach den Maßen ihrer Kräfte umgrenzten und von ursprünglicher Roh- und Wildheit befreiten Menschheit, da sollte die Edelrede der Gotteserkennmiß, die Edelrebe der Nächsten- > liebe, die Edelrebe der Heiligung, mit einem Wort« die ■ Edelreb« der lautem Religion fröhlich und ungehindert ft* | wachsen, Knospen treiben, Laub und Blüthm entfalten und ' Fbüchte tragen: Za, es giebt viele Pflanzen und Weinstöcke in der Menschheit, die zu schätzen und zu pflegen sind, Künste, Wissenschaften, Gewerbe: aber die Edelrebe ist und bleibt die Religion, wie sie Erleuchtung, Humanität, alle Tugenden, und HerzenSfrv'mmigkeit in uns schaffet und er» ziehet und entwickelt unds festigt. So war der Weinberg wohl bestelle^ aber es bedurfte noch Mehrere-. Eine Warte mußte gebaut, ein Wachtthurm in seiner Mitte errichtet werden, auf dem man auSfchaue, wenn Gefahren, wenn Räuber und Plünderer, Menschen und Lieh dem Weinberg sich nahet«», und in den man sich flüchte, wenn Sturm und Ungewitter sich darüber gelagert. Diese -Hochwar^e im Menschen ist — da« Gewi ffen; jene innere-Stimme, die uns warttt, wenn wir dem Bösen uns zuneigen! wollen, die uns züchtigt, wmn wir uns dem Bösen zugeneigt haben.' JQta« ist es, da« Gewissen? Es ist das Ivon Gott unmittelbar in unsere Seele gelegte Gefühl des> Gutm und Rechte»: wie unser Ohr. das unmittelbare Girfühl der Harmonie und Disharmonie herbergt. Wie dieses Letztere kann auch das Gewissen roh und ungebildet, Lder stin und zarcgestimtpt sein. Immer aber ist es der Wächter,! dessen Ruf, dessen Mahn- und Strafwort zur Zeit vernommen wird, und ^ch Bahn bricht mitten durch den Sturm der Leidenschaften und das aufgeregte Meer der Sünde! — Was aber das Grwissm im Individuum, das ist &[« „ allgemeine Meinung" in der Menschheit'), die sich zusammensrtzt und herauSdildet aus der Meinung der Edelsten und Besten, und ihren letzten Ausfluß in der Weltgeschichte findet, die da ist das Weltgericht. Denn die Schleier werden immer zerrissen, und die Flore fallen ab;I was entstellt war, wird hergestellt, und die übergetüachken Farben und Fimiffe werdm von der Luft der Zeit abgedleicht und verzehrt, daß die nackte Gestalt sich dem prüfenden Äugt darstellt. Und „eine Kelter hie^ er hinein," ein« Kelter, -m die die I Trauben und Beeren geschüttet werdm,. damit der süße, belebmde Most daraus igepreßr werde. Kmnft Du dies« Kelter im Menschen? Kennst Du das Gefäß, in welche« alles Thun und Treiben des Mmschen zuletzt zusammenkömmt, um . den darin mthaltenen Most, fei er trübe und >, *) Ich sage nicht „bi* lössentliche Meinungdenn diese kann durch zeitweilige Erregung und Verblendung sehr irregesührt sein, \ wie daS Gewissen nicht mjnder. I