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Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 30 (1860) · p. Seite 119

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
30 (1860)
Date
1860-01-01
Page
Seite 119 (sequence 3)
Language
German
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119 unb da er der Anführer seiner kleinen Truppe war, hielt man ihn für einen Officier, und dieser Rücksicht verdankte er da- Leben und den Schmerz, nach Moskau geführt zu werden, von wo er nach langen Qualen nach Sibirien geschickt wurde. Zn eine Mine im Uralgebirge, neunhundert Meilen von Petersburg, wurde der unglückliche Gefangene geführt bei der grausamsten Behandlung. Indem er in dievorzeitige Grab hinadstieg, mußte er seinen Namen, sein Vaterland, feine Persönlichkeit zurücklassen, und sein Dasein war zwischen Arbeit -und Knute gerheilt. Zn dieser von einigen hundert moralisch tobten Lebendigen bevölkerten Wüste lebt man nicht, man leidet; da hak der unterirdische Arbeiter weder Familie, noch Freunde, er hat nur Thränen und Wuthanfalle. Da hängt der Verbannte mit der Welt nur durch den ungreifbaren Faden einer Erinnerung, der jeden Tag dünner wird, zusammen; da entschlummern Hen« ker und Opfer, unter demselben Joche gebeugt, einer an der Seite deanderen zu dem ewigen Schlafe, und die Wüste, welche die Generationen der Verbannten dahin gehen sieht, schaut niemals ihre Rückkehr zur Freiheit. David Blum verbrachte achtundzwanzig Jahre bei dieser unterirdischen Arbeit, achlundzwanzig Jahre, wahrend welcher er weder Bedauern, noch Langweile, noch Verzweiflung empfand: denn feine Seele war im Leiden versteint und sein zerrissene- Herz seit langer Zeit von so vielen Schlägen zerrieben; um noch neuen Wunden zugänglich zu sein. Eine- Morgens, als man ihm sagte, daß er frei sei, verstand er Anfangda- Wort nicht, daauseinem Gedächtniß ausgelöscht war; bann aber leitete ihn der menschliche Instinkt und er begann aufrecht geradeaus zu gehen. Wohin er ging, er wußte es nicht; aber er war erstaunt, allein zu gehen, still zu stehen, wann er wollte und zu jeder Stunde den Himmel schauen zu können; wie fühlte sein. Her; sich voll unauslöschlicher Freuden! Er segnete den Regen, den Wind, die Kälte, denn allediewar für ihn dawieder erlangte Leben. . . . Aber ach, mit der Vernunft kehrte ihm da- Gefühl seiner Leiden zurück! Er sah sich herau-gerisscn auder Kette der menschlichen Gesellschaft und schauderte vor der Einsamkeit und Oede zurück, in welche er versetzt worden; er hatte sogar einen Augenblick den Gedanken, in diese Alternative der Arbeit und der Knute, die ihm feit achlundzwanzig Jahren al- Existenz gedient hatte, zurückzukehren; aber bas Wort Frankreich erweckte wie durch Zauber seine fast bewußtlose Seele, und er durchwanderte fast ganz Europa mit einem Muthe, der sich nicht einen Augenblick verläugneke, aleinzigen Besitz seinen Wanderstab; al- Stütze den Beistand großmüthiger Herzen; al- Führer jenen Polarstern, Vaterland genannt. Eine« Morgen-, im Monat December im Jahre 1840 kam er in seinem Heimathsdocfe an; er, so schön ehemals, alec da- Elsaß verließ, so stolz damals mit weiten Zügen dafrische Leben, daseine Jugend ihm in Aussicht stellte, einzuathmen, kam dahin zurück mit gebeugtem Rücken, abgemagenem Körper, erloschenen Auges und schwankenden Schrittes. Im Anfang schaute ec mit erstaunten Mienen um sich; denn man sagte ihm, er sei angelangr, und doch erkannte er hier da- Dorf von ehemals nicht, weder das väterliche Haus, noch den Nußbaum, unter welchem er einst Schutz nährend eine- Gewittergesucht. Wo ist denn der niedliche Bach, dessen launischem Laufe er al« Kind gefolgt war? Wa» ist auden grünen Fensterläden geworden, die die Vorderseite de- Hausezierten? und dieser Garten, Zeuge feiner kindlichen Spiele,!und diese Blumen, die er fiir die Sarah, seine Braut pflügte? .... Ach, alle« Dieses ist verschwunden; da- , Dorf ist eine kleine Stadt geworden, Fabriken sind dort erstanden. Alle« sieht verändert au-, und David fühlt zum ersten Male seit' achtundzwanzig Jahren eine Thräne seine Augen Hetzen, eine Wehmuthst^äne wegen der goldenen Vergangenheit, die vom Hauche de- Unglückverweht worden. Die' Bevölkerung des Lande« har sich ebenfalls sehr geändert^ die Alten waren gestorben, und die Jungen ihm fremd gewirben, und David fand nicht eine Hand, um die seinige \u drücken, und begegnete nur besorgten Blicken und verdächtigenden Mienen. Er begab sich auf das Grad seiner Eltern, um dort zu beten, und wandte dann seine Schritte genlParis, wo man mit den. Vorbereitungen zur Beerdigun zsfeier de- Kaisers beschäftigt war, und wo der alte Soldat irgend einem alten Waffenbruder zu begegnen hoffte.' Am nerzehnten December kam er in der Hauptstadt voller Ermüdung, voll Hunger« und Kälte, ohne! Papiere, ohne Geld, unl nicht wissend, was aus ihm werben sollte, an. Er irrt» lange in den Straßen der großen Stadl umher, oft auf?eute stoßend, die von den ruhm-; würdigen Zeiten des Ka serreichspmchen, und esich nicht einfallen ließen, daß -i hr. an ihrer Seite die Roth eineder alten Werkzeuge diese- Nationalruhm«- aufried. Die j Nacht kam, und da er keine Zuflucht hatte, wo er sein , Haupt niederlegen konnte-, streckte er sich auf einen eisbedeck- I ten gefrorenen Stein im-Schutze einer Theaterthür hin; i und da er nur nothdürftig bekleidet war, litt er mehr Kälte,! als er in Sibirien bmpstrnvrn. Er konnte nicht schlafen, | und düstere Gedanken .beunruhigten ihn während seiner Schlaflosigkeit: „Was hatte er noch hier unten zu thün? weshalb war sein ganzes Lebe»! dem Unglück geweiht? Weshalb überlebte er allein seinen Vater, seine Mutter, sein« Braut, > seine Waffenbrüder, seinp Officiere, und hatte in der ganzen i Welt weder Freunde, nvch Vermögen, noch Arbeit, Nichtwas seine Seele an die! Hoffnung zu fesseln. Nichtwas seinen Körper auf Erden aufrecht zu erhalten vermochte! Und alles Diese«, weil, es eine- Tage« einem getäuschten Fürsten gefallen, die elsässischen Juden außerhalb der Men-! schenrechte zu stellen; wttl er, die Willkür an die Stelle der Gerechtigkeit setzend, sie zugleich ihres Vermögens und ihrer Kinder beraubt hatte; endlich dieser muttermörderische Sohn der Freiheit es sich zur Aufgabe gemacht zu haben schien, da« Erbtheil seiner Mutter allein zu seinem Nutzen auszubeuten.In diesem Augenblicke schlugen die zahlreichen Rufe: „Es leb« der Kaiser!" an David« Ohr, und ließen ihn erzittern, wie den Wanderer, der seinen Fuß oben auf eine Schlang« gesetzt hat, die sich pfeiffend aufrichret: das war die Menge am frühen Morgen, die zum Jnvalidenhause strömteum dem Helden, der ihr Abgott gewesen, eine letzte Huldigung darzudringen; der alte Soldat folgte ihr und wurde bei dem imposanten Anblick, welchen die Elys£e$ darbotv«, von Bewunderung ergriffen. Die Pariser Bevölkerung kasii bald, um das Leichenfest zu begehen, in schwarzen Massen aus allen Enden herbei und jeder Zugang spie fortwährend neue Haufen aus, bis endlkch eine Masse Köpfe die Tuillerlen mit dem An* ■ de - ITStoil«* vereinte; man hätte sa^en. können, ein wogende- Meer, in das sich zwanzig übersiuthende Strome brausend stürzen; alle Stände, alle Classeü waren bei dieser Trauerfeierlichkeit

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