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Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 30 (1860) · p. Seite 118

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
30 (1860)
Date
1860-01-01
Page
Seite 118 (sequence 2)
Language
German
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118 einer religiösen Ergebung getragen und et sogar vermocht, ihre stillen Thränen wahrend der Stunhe, die ihr jeden Tag erlaubt war, bei ihrem Gatten zrtzubringen. zu ersticken; aber als sie ihren Mann verlorsn hatte, brach sie in Schmerzensgeschrei, in bedrohliche Wnthanfälle aus, in denen man bald die Symptome der Geistesverwirrung, erkannte: diese letztere wurde so heftig, daß sie in ein Irrenhaus gebracht werden mußte, wo Gott sich ihrer erbarmte, und sie bald zu sich rief. Nichts ist im Stande den furchtbaren Eindruck auf David Blum zu beschreiben, als er diese schrecklichen Nachrichten in Spanien, wohin ec seinem Regimente gefolgt minot, welcher die französische Division befehligte, diejenigen der tapferen Grenadiere, die bei der Dertheidigung der Kirche nicht gefallen waren, und denen der Erfolg des Tages zu danken, war, vocstellen. David wurde ihm als Derjenige bezeichnet, welcher sich ganz besonders durch seine Unerschrockenheit ausgezeichnet. „Wie heißt Du fragte ihn der General. — „David Blum, elsässischer Jude, den man Ihnen vor vier Jahren als schlechten Soldaten bezeichnet." — „Du bist ein Tapferer, David Blum, ich mache Dich zum Officier." — „Dank, mein General, ich begehre dies nicht; ich habe gekämpft, weil es sich um bas Leben meiner Waffenbrüder handelte, aber ich habe Nichtfür Euren Kaiser war, erhielt. Eingeschlossen in den eisersten Kreis des Militärdienstes, konnte er seinem gerechten Schmerze keinen freien Lauf lassen; er hätte sein Leben darum gegeben, seinen Barer vertheidigen oder seine Mutter >trösten zu können; aber da- Gesetz kettete ihn an die Fahnen, und es war ihm nicht einmal der traurige Trost gestattet, auf ihrem Grabe weinen zu können. Er verfluchte den Kaiser, hauchte seine Wuth in vergebliche Drohungen und seinen Haß in unnütze Verwünschungen aus, und in seinen A»gen brannte fortwährend bas düstere Feuer der Verzweiflung, wahrend die heiße Lava der Rache in feinem Herzen, wie' in-einen» Feuermeere kochte. Ec schien bald toöq für das wirkliche Leben; er that seinen Dienst mit Pünftlichkeit, aber"mafchinenmaßig; er ging in« Feuer und zus Parade mit derselben lässigen Gleichgültigkeit; eine gr^rsame Erinnerunghatte sich seines ganzen Wesens bemächtigt, und da- Leben war für ihn eine nur durch feinen Dienst unterbrochene Lethargie. Eines Tage« bei einer Jnfpbctionsrevue fragte der General Guilleminot, betroffen von jem Aussehen dejungen Soldaten, den nächsten Officieri nach der Ursact-e davon, dieser erwiederte voller Verachtung: „Das ist ein elsässischer Jude, ein ziemlich schlechter Soldat, ohne Kraft und Muth." Bei diesen Worten -stieg -»dessen David das Blut bis in die Srim; er richtete sich! mir Lebhaftigkeit auf, indem er dir-Hand konvulsivisch an! seinen Säbelgriff legte; aber dieser Blitz der Belebung verschwand sogleich wieder und das blasse Gesicht der Waise nahm s.iNe gewohnte -Gleichgültigkeit wieder an. Seit dieser Zeit vermochte Nicht« den bleiernen Schlaf, der die Zähigkeiten David Blurn's feffeltse, zu stören; und als er vier Jahre später bei dem Brände von Moskau zugegen war, verläugnere sich seine Ruhe und seine Gleichgültigkeit inmitten der taustnd Gefahren keinen Augenblick. Einige Tage nachher, es war am 24. Oktober 1812, befand er sich an den Ufern des Lugaflusse« mir einer Division der kämpfenden und im Rückzug begriffenen und lebhaft von den Russen unter Kutusoff verfolgten Armee, als: der französische General, der. sah, daß seine Division von der russischen Artillerie vernichtet werde ( einige Hundert Grenadiere in «ine Kirche, welche am Wege lag und diesen beherrschte, werfen ließ. David war unser diesen hundert Tapfern, welche sich in der Kirche verschanzten, und sich mit solcher Tapferkeit dort vertheidigten, daß str fünf Mal durch ihr wohl angebrachtes Feuer die feindlichen Colonnen durchbrachen und fo der französischen Division dije Zeit verschafften, sich in der Tiefe eines Grabens zu samtnela, wv sie bei der Zahl von 18,000 Mann 50,000 Russen Widerstand leisteten und diese vollständig zurückschlvgen (Historisch). Nach dieser glänzenden That ließ sich der General Guillegethan, der meine Familie zu Grunde gerichtet, entehrt und hat umkommen lassen." Einige Wochen darauf trat die französische Armee in völliger Unordnung ihren unglückseligen Rückzug über die Berezina an und die Kälte und der Hunger bedeckten das Eisfeld mit Tobten und Sterbenden, als Napoleon, der, um sich zu erwärmen, an das Feuer eines Bivouacs getreten, über die Ordnung und die gute Haltung, welche dieser Haufen Soldaten, inmitten der schrecklichen Unordnung der übrigen Armee, bewahrt hatte, sich verwunderte. „Ihm, unsrem Kameraden David Blum verdanken wir unsren Bestand; seine Energie hat die unsrige aufrecht erhalten; sein Muth uns bei den Ueberfällen der Kosacken gerettet, und seine Klugheit hat uns immer Nahrungsmittel und Feuer verschafft." — „David Blum," sagte der Kaiser mit jener Stimme, welche die europäischen Throne erzittern inachte, und die er, wenn er wollte, so sanft und gewinnend zu machen verstand: „David Blum, Du bist ein guter Soldat, und Dein Platz ist von heute ab in der alten Garde." Dann löste er das silberne Kreuz, welches seine Generaleuniferm schmückte, ad, überreichte es dem jüdischen Soldaten, welcher von dem alten Haß, der sich in ihm regte und zu gleicher Zeit von der achtunggebietenden Furcht, welche Allen die Gegenwart des Kaisers einflößte, ergriffen, mir Festigkeit erwiederte, obgleich fein Antlitz die lebhaftcste Erregung ausdcückke: „Sire, ich bin elsässischer Jude und kann weder Avancement noch Decoration annehmen, denn das hieße das Blutgeld für meine durch daverhängnißvolle Decrer vom 17. Mär; entehrte Familie annehmen...." — „Ah," erwiederte der Kaiser, mit unzufriedener Miene; „man har mir schon davon gesprochen." Dann fügte er mit kurzem Tone hinzu: „Sie haben mich wieder einmal getäuscht über dies Kapitel, aber wir werden eihnen lehren; und eine Wolke legte sich über feine Züge, ein« riefe Falte auf feine breite Stirn; und als wolle ec sich eines unangenehmen Gedankens entschlagen, schwang er sich auf sein Pferd und sprengte im Galopp davon, gefolgt von seinem schweigsamen Stade. David Blum war aufrecht stehen geblieben, mit der einen Hand militärisch grüßend, mit der anderen das LegionSkreuz, welche« ihm der Kaiser übergeben, haltend; seine Fähigkeiten waren wie gelähmt; sein Kopf voll eines verworrenen Getöses; sein Herz schlug heftig, und als seine Kameraden ihn zu sich gebracht hatten, schien es ihm, alS wenn er au« einem Traülne erwache. Aber ernstere Angelegenheiten zerstreuten bald die aufgeregten Gefühle seiner bewegten Seele: eine Bande Kosacken erschien in der Ferne, und nach einem verzweifelten Kampfe, in welchem daS französische Deraschement fast gänzlich aufgen'ebea ward, wurde David verwundet und zum Gefangenen gemacht.

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