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Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 29 (1860) · p. Seite 115

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
29 (1860)
Date
1860-01-01
Page
Seite 115 (sequence 3)
Language
German
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115 Ich hörte ihn eine- Tagevon der frommen List erzählen, mir deren Hülfe er di« Schreckenszeiten der französische« Revolution durchgemacht, ohne ein einzige- Mal seine Tefillim und seine Zizit zu vernachlässigen. „Aber," sagte einer seiner Zuhörer zu ihm. „Ihr ri-kirter da Euren Kopf!" „Gewiß," erwiederte ihm Joseph Luevedo, „ader ich rettete dafür meine Seele." Denn dieser gotte-fürchtige Mann war einedieser muthigen und festen Herzen, die unbeirrt auf dem Pfade ihrer Ueberzeugung weiter schreiten, sollte dieser Pfad sie auch zum Märtyrertobe fihren. Dieser achtungswerthe Israeli! hatte zwei Söhne, denen er seit ihrer zartesten Kindheit den väterlichen Glauden-und eine religiöse Erziehung eingepflanzt hatte. Der älteste, Gabriel, durch seine Geschäfte nach Nantes gerufen, hielt sich dort eine längere Zeit auf. Al- Mann» von Geist und Tact wußte er dort bald in sehr achtbare' Beziehungen zu treten. Einige Monate nach der Abreise seines ältesten Sohneerhielt Joseph Quevedo «inen, Brief, besten Inhalt ihn, so zu sagen, wie ein Blitzstrahl traf. Gabriel theilte ihm mit, daß ihn eine erwiederte Zuneigung zu Fräulein Marie D...., einer der ersten Familien von Nantes angehörig, fessele, daß er deren Hand erbeten und erhalten habe und daß er, seinerseits, seinen Dater ersuche, zu dieser Heiralh seine Zustimmung zu geben. Fräulein Marie D.... bekannte die katholische Religion. Sobald die Niedergeschlagenheit, in die ihn eine solche Neuigkeit versetzen mußte, etwas gemildert war, antwortete Joseph Quevedo seinem Sohne in den zärtlichsten Ausdrücken, setzte ihm auseinander, 'wie gefährlich für feine Zukunft der Weg, den er einzufchlogen im Begriffe sei, werden müßte; gab ihm die vernünftigsten Rathschläge, und «rkärte ihm endlich, mit Festigkeit, daß er niemals seine Einwilligung zu dieser Verbindung geben würde. „Mein theurer Sohn," sagte er ihm zum Schlüsse, „ich habe Dich immer als einen guten Sohn, der Du stetfür mich gewesen, und als denjenigen, der den verehrten Namen meines Varers trägt, geliebt. Wenn ich zum Himmel flehe, so bete ich mehr fiir Dich alfür mich; aber wenn Du eine solche Verbindung schließen würdest, so wäre Alles, was ich von Gott erflehen könnte, meine Tage abzukürzen und mir die Kraft zu verleihen, Dir nicht zu fluchen." Einige Tage nachher empfing Joseph Quevedo eine gerichtliche Aufforderung, welche ihm zur Ertheilung der, Autorisation nur «ine kurze Zeit Aufschub gewährte. Als dies« verflossen war, verheirathete sich Gabriel — auch ohne väterliche Zustimmung. Die Leidenschaft ist eine vortreffliche Sophistin; besser alder geschickteste Redner weiß sie di« dornigsten Fragen zu umgehen, sie unter «in ihren Planen günstiges Licht zu stellen, und ihnen nur allzu oft zum Siege zu verhelfen. Gabriel, obgleich im Grunde seiner Religion anhangend, ließ sich durch die Fürsprache seiner Wünsche fortreißen, die ihm in seiner Herrsch nichtals eine einfache Ueberschreitung, die keine seiner Glaubeaspunkte ernstlich berühre, erblicken ließ. Als die Handlung geschehen, vermochte er die Tragweite ernster zu prüfen, er fing an klarer zu schauen in den begangenen Fehler. Er batte die Liebe seines Vaters verloren; konnte die Familie seiner Frau ihn dafür entschädigen? Er harre sich mit der Hoffnung geschmeichelt, daß er wie bisher alle seine religiösen Pflichten werde erftllen können. Aber als er am-Freitag Abend vom Gottesdienste nach Hause kam, brannte die Sabdathlampe nicht in seinem Hause. Lebt wohl ihr frönen Gesänge, die er ehedem an ’ dem väterlichen Tische gesungen; verschwunden waren alle die freundlichen und erhebenden Gebräuche, welche in dem väterlichen Hause sei« He!rz beruhigt und erffillt hatten. Es begegnete ihm ofl, daß er auf dem Antlitze seiner Frau einen Schein von Ironie beim Anblick irgend einer ceremoniellen Uebung, die sie weder begreifen noch billigen konnte, wahrnahm; auch! gab sich diese ihrerseits, plquirr über die Anhänglichkeit, d^e ihr Mann seinem Glauben bewahrte, einer Frömmigkeit hin, die bis dahin niemals in ihren Gewohnheiten gelegen. l Jederman weiß, daß^ie im Jahre 32L auf dem Concil szu Nicäa versammelten Bischöfe die Feier der christlichen 'Ostern auf den Sonntag! nach dem vierzehntm Tage des Mondwechsels aüf'die Nachtgleiche des März bestimmt haben, waS dem Monat Nissan! und in unsren Mondschaltjahren dem Monat Deadar entwricht. Nach einer Bestimmung dieseselben ConcilS ist diese Feier, auf acht Tage verschoben, wenn sie ohne diesen Aufschub mit den israelitischen Ostern zusammenfallen würde.. Dieses letztere Fest aller, oder in den Schaltjahren das P^rimfrtz. fallen also mit den letzten Tagen der christlichen Fchkenzei! zusammen. Also von der einen Seite der Familie hatte man Trauer und asketische Uebungen, während der Gatte genöthigt war, seine Freude und seine Danksagungen! zu unterdrücken. Gabriel konnte außerdem wegen der sorgfältigen Beobachtung der strengen Vorschriften für tag Osterfest nicht auf seine Frau vertrauen; er war genöthigt in einem fremden Hause dieses echte Familienfest zu begehen. Seine Frau hatte ih^» oftmals geneckt uIer di« strenge Weise, in der er den Sabbarh beobachtet-^ Alsie sah, baß ihr Mann dabei dehürrre, hörte sie auf, mit ihm dar- : über zu sprechen, aber sie entivickellr an diesem Tage gerade eine doppelte Thätigkeit,;um sich am folgenden, mkkemer ° nicht minder demerkenswerchen Affertation, einer überttie- ' denen Ruhe hinzugeben, die die christliche Religion selbst ihr nicht einmal gebot. * Rach und nach Einer vom Andern sich immer mehr lösend, endeten die beiden Gatten damit, einzusehrn, daß sie, da sie einmal an einander gekettet, das Leben auf zwei Parallellinken zu durchwandern hätten, und daß di« Verschiedenheit der Religion sie sLr immer verhindem würde, sich zu vereinigen. Eine- . Tages kündigte Madame Quevedo ihrem Manne an, daß s!e der Hoffnung lebe, Mutter zu werdet». Diese Nachricht, die Gabriel in jedem anderen Verhältnisse zum glücklichsten Mvüne gemacht haben würde, ließ in seinem Herzen nur eine schmerzliche Unruhe zurück. Nach einer bei gemischten Ehe« sehr gebräuchlichen Stipulation, sollten die daraus entsprungenen Knaben dev-väterlichen Religion folgen, die Töchter ader in der christlichen Religion erzogen werden.' Gabriel fühlte, wie viel er zu leiden haben würde, wenn er die religiöse Schranke,! die ihn von seiner Frau trennte, zwischen sich und feiner Tochter sich erheben sähe, und fie^ ihm, so zu sa^en, entfremdet würbe. Welcher Schmerz, wenn er nicht dlos an tjen heiligsten Festen die Anwesen-

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