Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 29 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 116 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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* 116 heit leimS Kinoer in dem Heirigthum deS Herrn entbehren und darauf verzichten muffe, auf dessen Hasipt den vacerlichen Segen zu legen, sondem auch sein Kind, unter den Augen des VarerS, sich den Uedungen eines Anderen Glaubens hingeden zu sehen! Welche Derzweiflüng zu denken, daß selbst nach dem Tode sein Grad vereinsamt auf dem jüdischen Gottesacker fein würde, ohne Weid ünd Kind neben sich ruhen zu haben! Gott, halte Mitleiden mit seiner HerzenSa ligst, daS Kind war ein Knabe. Drei Zahre spater entvölkerte die Cholera RanteS, Madame Quevedo unterlag den Angriffen diese! Geißel. In dieser Zeit deS düstern und innerlichen Kampfes, hatte der Glaube Gabriel», ohne erschüttert zu fein, der beständigen Ei »Wirkung nachg,geben. Der Eifer, den er früher deseffen, war nach und nach zu eineii bedauernswürdigen Gleichgültigkeit geworden. Seine Geschäfte riefen ihfl wieder nacv B .. - Alte Erinnerungen nicht wieder auffrischen wollend, bezwang er sich, seine Verwandten von seinem Aufenthalten dieser Stadt nicht in Kennmiß zu setzen. Den zweiten tag nach seiner Ankunft führte der Zufall seine Schritte israelitischen Tempel. — ES war Nacht, das ernste Gebäude hob sich auS dem Schalten von taufend Dichtern erhellt. Ernste und feierliche Gesänge stiegen au» der Brust Taulend,c zumHim- Unb der Groß-Rabbiner sagte: „Oer Ewige wende Sein Antlitz Dir zu und gebe Dir Frieden!" Joseph Quevedo ging einige Augenblicke nachher zum Tempel hinaus, gestützt auf die Arme seiner beiden Söhne. Sein Haupt, das seit fünf Jahren sehr gebeugt, sehr gebleicht war, erhob sich wieder glücklich und heiter. Gott hatte ihm seinen vielgeliebten Sohn wieder gegeben. mel empor. — Der Groß-Rabbiner betete geben von allen Chafanim. — Ganz in die Töne de« selbst vor, um- Weiß gekleidet SchofarS hören e ffneten sich alle eifrig» Getreuer schickte sich der Tokea an, zu lass n. Es war Jom-Kippur Abend, die Stunde des Neilah- GedeleS. Gabriel war instinkrmaßig vorgeschritten; plötzlich, al» er zögerte in den Tempel einzulreten, Pforten zum Adendsegen. Eme Fluch stieß Gadriet in daS Innere. Einige Schritte von ihm entfernt, der itere sich Joseph Quevedo seinen anderen. seinen einzigen i ahn zu segnen! Die heiligste Stille herrschte in dem geweilten Raume. Der.Groß-Rabbiner sagte, dke Worte lai gsäm absingend: „Der Herr segne Dich und behüte Tlch." Und alle Herzen, alle Stimmen wiederholten diese 8>tte. Die Stille wurde noch größer, wahr« ad viele stumme Thränen fielen, denn viele Familien überßahlten ihre Glieder, und erinnerten sich der Fehlenden. „Der Ewige erleuchte Dich und sei der Rabbiner hinzu. Aber bevor diese letzten Worte aus konnte Gabriel, den Erinnerungen der Jugend, die oft ein Wort zurückeuft, na menden Gefühlen seines Herzens nicht widerstehen', feine Augen wurden feucht, sein Busen hob sich in Schluchzen; den Kopf gesenkt, schritt er gegen seinen Ltter vor. Joseph Quevedo, ohne sein Gebet zu unterbrechen, streckte seine mit dem Thalli» bedeckte Rechte gegm zweiten Sohn sanft gegen seine Link« schiebend, damit der Aelteste seinen gewohnten Segen erhalte.;r gnädig," fügte esprochen waren, stadheit und der zebend, den stür- Das Alenu-Gebet. Wie kommt eS, fragte jüngst ein Jude einen andern,; daß man am Neujahr und Versöhnungstag so viel Wesen» macht mit dem Gebet nnur: irra?, daß man eS zu den . heiligsten zählt, wahrend man eS daS ganze Jahr oft nur . so wegschlupperr, baß die Leute oft vor Alenu fortgehen und e» nicht adwarten. Können Sie mir diesen grellen Widerspruch im Bewußtsein der Menge erklärend O ja, erwiderte der gefragte Jude, ich will eS mit einem Gleichniß versuchen. Schon oft bin ich, wahrscheinlich wie Sie auch schon, in meinem Geburtsorte, wo ich alle Einwohner von Kindesjahren an kenne, vor Leuten vordeigegangen, die mir ganz gleichgültig sind, ich beachtete so wenig sie, wie sie mich. Al» ich aber einmal eine größere Reise ge- . macht und in eine mir ganz fremde Gegend gekommen war, wo ich seht wenig Bekannte hatte, da traf ich zu- ■ fällig einen Mann au« meiner heimarhlichen Gemeinde, i der dort ebenfalls sehr fremd und unbekannt war. Sie > können sich die Freude nicht denken, die wir da mit . einander hatten. wir unterhielten uns mit einander auf» Beste, und vewießen uns, um unsere Geschäfte dort ab» zumachen. Wir waren unS in der Heimarh ganz gleichgültig. wir beachteten uns nicht im mindesten, gingen theilnahmsloS an einander vorüber und doch hatten wir in der Fremde eine große Freude aneinander, wir sahen unS al» Bekannte an. So gehet es uns mir dem Alenu-Gebet. Da« ganze Jahr gehen wir gedankenlos an ihm vorüber, es ist gleichsam der letzte Angehörige unserer Herrsch, weil der letzte Theil des täglichen Gebets. An dem nur einmal im Jahre widerkehrenden Neujahrs- und Dersöhnungsfesie, wo die andern Gebete unS alle gleichsam al» Fremde anschauen, da haben wir alSdann mit dem Alenu I als einem Bekannten aus unserer Heimalh eine besondere Freude. Allgemeine Zeitung de» IudeuthumS. No. 28. 1860. Leitende Artikel: Ein MnstonshauS in Berlin. — Eine alte Behauptung immer wieder erneuen. — Ein AuSwanderungsvereia für Israeliten. Historische Notrzen: Die Juden in Griechenland rc. Zeitungsnachrichten: L'esterreiLischer Kaiserstaat: An» drpchau, TemeSvar. Marokko: Pari«. Zu beziehen durch jedes Postamt und jede Buchhandlung. Jährlich 3 Thaler, vierteljährlich X Thaler. Verantwortlicher Redacteur: K. Nabe. Bertaz »tu Bau «gär Shu»MBMmg in Leipzig. — Druck von <3. Sreysiug in