Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 28 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 2)
- Language
- German
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110 treffe." Indessen Herr Anwalt, Sie kknnn» sich von allem Diesem leicht überzeugen. Dieses ungastliche -and, von dem Sie sprechen, existier wirklich; eS Ist Ihnen ganz nahe, im Herzen Europa's; und diesen barbarischen Gerichtshof kennen Sie nicht t Es ist derselbe, der so viele Scheiterhaufen angezünber, so viele Opfer verschlungen, der ganze Völkerschaften verfolgt hat, der die Geheimnisse deS Gewissens, das sich gegen jeden Zwang empört, entdecken und bestrafen will, der sich, mir einem W^rte, das Heilige Officium zu nennen wagt. „Jederman weiß, sagt die Perseveranza, von wo daS berüchtigte |>o.ssunnis auSgcgangeu, und wo man raub geblieben ist bei der Stimme deS Mitleids, beim Aufschrei der Nar >r selbst." Der Gerichtshof von Bologna hat in der Thit, wie sie eben gelesen. den Angeklagten in Freiheit ge 'etzl, indem er also anerkennt, daß derselbe in Uedereinsti inmung mit höheren Befehlen gehandelt habe. Der dem Pater Kelerri günstige UrtbeilSspruch ist die gerichtliche Beryrtheilung der hohen römischen Inquisition. Dabei kommt wahrlich nie ein Leben in Gefahr. Doch jedeSmal muß ich die Hitze schwer bereuen. Weil jene meine Thar in alle Ohren streuen; Wa» in der Schul geschah, läuft schnell von Mund zu Mund, Und jede Lästerzung' thut es der andern kund, Und macht gewöhnlich noch da6 Urdel zehnmal schlimmer, AlS es die Wände sah'n in meinem Arbeitszimmer; Mein schwacher Rurhenstreich, geprägt zur Misscthar, Aommt so in kurzer Zeit vor deS Vorstandes Rark, Und ich muß reuevoll Den um Verzeihung bitten — Ach, solcher Fälle Hab' ich manchen schon erlitten. Noch and're Leiden hat mein mühevoller Stand: Mein redlich Streben wird gehindert und verkannt; Will ich der Schüler Geist zum raschen Fortschritt treiben. So schreit bas dumme Volk: „Laßt uns beim Alten bleiben! „Vor fünfzig Jahren har man besser noch gelebt, „Da man nicht so wie jetzt nach Neuerung gestrebt. „Doch heutzutage will der Sohn den Vater lehren, ^,Oer Knabe will den Greis durch Wissenschaft berhören, „Sieht ihn verächtlich an und schillt ihn einen Thor, Klagelied des Schulmeisters Jeremias Kümmerlich.. (Nach dem Sckiw. Bolks'ckulbl bearbeit«.) Ihr guten Geister, hört den armen Pädagog, Den des Geschickes Macht zu solchem Amte zog. Ich werfe tiefgebeugt, im Staub vor euch mich nieder; Erhebt dprch eure Huld und Gnade neu mich wieder; Denn ibr erhört stets den, der gläubig zu euch ruft; So mach' ich einmal allen meinen Klagen Luft: Wohl hat ein jeder Stand sein Joch, und-feinen Frieden, Doch dem Beruf, den mir das Schicksal hat beschieden. Kommt keiner auf dem ganzen Erdenrunde gleich — So müh- und sorgenvoll und an Beschwerden reich: Wer hat wohl mehr als ich zu streiten und zu kämpfen ( In; KindeSher; sollt' ich die Macht des Bösen dämpfen; Wenn auch, durch meinen Fleiß, das Weizenfeld gedeiht, So ist'S der böse Feind, der neues Unkraut streut; WaS heut ich eingeschärft den jungen, flüchl'gen' Sinnen, DaS flieht bis morgen oft, gleich cinemj Traum von hinnen; Und so vollend' ich nie den angefaag'hen Bau, Da« macht um zwanzig Jahr zu früh das Haar mir grau. Wenn ich, gerecht empört, mich kaum inehr weiß zu fassen. Darf ich des Zornes Wuch doch nimjner walten lassen; Denn im Gesetze sind die Schlage nicht erlaubt, - Und kaum berühren darf ich eines KistdeS Haupt; Ich sollte jeder hefigen Wallung gänzlich wehren. Da» wird in kurzer Zeit mein Lebensmark verzehren; Da sollt' ich, hiagebannt an meinen ISchreibepult, Der Buben Possen seh'n mir wahrer! Lammsgeduld. Doch, wenn Fra»; Blumenthal mein Thema irre leitet, Led'S MostS hinterrücks mir Eselsohren deutet, DeS Pameß Herschelchen nur Haselnüsse knackt, Zosil auS seinem Sitz schuhlange SpZne hackt, Wer könnte da nicht auch bisweilen sich vergessen? Den Rangen nicht ein paar gesunde Hiebe messend Die jungen Taugenichtse zupfen an dem Haar? — „Und witz'ge Fragen legt das Kind der Mutter vor. - „Die neue Lehre hat verdorben unsre Jugend, „MischnajeS nur und Rafchi zeigt den Weg zur Tugend. „Die Alten wußten auch nichts von Geographie, „Und an Grammatik dachten sie gar nie." So muß ich, um die Gunst des OrtS nicht zu verscherzen, Und um die Menschen solchen Sinnes nicht zu schmerzen. Mit meiner Lehrmethode immer stille steh'n, Und eher, gleich dem KrebS. noch weiter rückwärts gehn; WaS Hab' ich schon gebetet und geflucht im Stillen! Wie manchen Kampf Hab' ich mit der Gemeind' gehabt. Doch ach, an diesem Volk, das tief im Finstern tappt. An diesen dlindgebor'nen und verstockten Thorzn Ist Hopfen sammr dem Mal; für alle Zeit verloren. Nicht klüger werden darf das Hänschen als der Hans, Dem Gänschen ist bestimmt, zu werden eine GanS. So hält' der Uebel ich noch manches zu erwähnen; Barmherz'ge Engel! seht auf meine heißen Thränen. Befreiet gnablg mich von diesem Karten Joch, Vor welchem mancher schon zur Elle sich verkroch. Enthebt bei Zeiten mich durch einen sanften Tod Dem traurigen Geschick, das meinem Alter droht; Legt morgen oder heute noch mich auf die Bahre, Damir ich nicht den Undank dieser Welt erfahre. Was Hab' ich zu erwarten für die vielen Müh'n, Wenn einst die Kräfte meines Hagem Körpers flieh'«? Nichts anders, als daß dann der Gassenjungen Rotten DeS armen LekrerS mit dem kahlen Schädel spotten; Daß die selbst, denen ich der Weisheit Pfad gezeigt, In deren Herzen ich des Wissens Frucht erzeugt, Die'treulich ich gewarnt vor Ladern und vor Fehlern, Mein karges Gnadenbrot verbittern und noch schmälern; Daß der, der vielleicht mir sein LedenSglück verdankt. Vom Platze mich verdrängt, Suspension verlangt; Dann muß ich weiter ziehn, gestützt allein vom Stade, Zleh'n um die letzte Gunst — um Raum zu Meinem Grabe. Ihr hehren Geister all', dort in deS Himmels Höh'n! Könnt den Schulmeister ihr in solchem Elend seh'n!? O sinder euer Licht in all' die finstern Seelen, Die gegen meinen Stand sich stets so arg verfehlen;