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Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 18 (1860) · p. Seite 70

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
18 (1860)
Date
1860-01-01
Page
Seite 70 (sequence 2)
Language
German
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70 Viertelstunde schon wußte, wie er sich zu verhalten habe, hat« ihnen erlaubt, hundert Schritte vor ih« vorauszugehen, damit sie nicht das Ansehen von Verbrechern hatten, und nicht den Blicken und den Pöbelwitzen der Bauern in den Dörfern, die sie pafsiren mußten, um zur Stabt zusgelangen, ausgesetzt seien. , Tony -und Kalman wurden, obgleich eines Verbrechenangeklagt, beinah eine Meile weit von der ganzen Dctsjugend begleitet. Und, weit entfernt, zu seufzen'und za weinen, wiederholten sie im Chore und aus vollem Halse den Refrain aus jenem Volksliede. VI. | Lvay hatte noch nicht bas Dorf verlassen, als Maringrete, instinkrmäßig fühlend, woher der Schlag auSgegangen, zu ihrem Later lief, den sie in der Scheune fand. „Mein Baker," sagte sie, mit festem tone, obgleich mit zitternder Stimme, „ich war Euch stets gehorsam. Ich habe EuH niemals Vorwürfe über Euer Benehmen gegen meine Mutter gemacht, der Ihr sehr weh gethan habt, noch über Eure Undankbarkeit gegen T»ny, der Allein Allem Euch treu gedient hat." Jäkel erhob den Kopf und sah seine Tochter mit Staunen an; denn niemals hatte Macingrerr es gewagt, ihm die geringste Einwendung zu machen. „ Ihr konntet Tony fortweisen," ssrhs Grete fort/„ihm Eure Tochter verweigern; aber ihn verleumden, ihn vor dem Gerichte eine- Verbrechens anklagen, das ist zuviel. Mein Vater/- Ihr werdet vor Gott eine schreckliche Rechenschaft abzulegen, haben." „Was willst Du von mir?" fragte Jäkel in rauhem und trockenem Ton. „Ich komme, um Euch zu bitten / von Eurer Klage adzustehen und Tony sowohl als Kalman, der Eurer Tochter da- Leben gerettet har, die. Schande zu ersparen." „Du.bist eüt Kind. Du glaubst »lso in Gefahr gewesen zu fein? Narrenspossen da-! Das geschah Alles, um mir mein Geld zu stehlen und mich zu Grunde zu richten, damit ich gezwungen sei. Dich, Tony, als Zuschlag anzudieren. Das ist ein vollendeter Spitzbube. Was Kalman bettiffr, den Freund der kleinen Jüdin, , der ist ein Heuchler. Ich mißttaue einem jungen Manne, der drei Mal täglich zu Gott betet. Zodek, sein Glaubensgenosse, und der ihn sicherlich nicht fälschlich beschuldigen wird, hat sie zusammen pvischen zehn und elf Uhr um bas Haus schleichen sehen. Wer weiß? Tony hatte vielleicht die Absicht, Dich zu entführen. Deine Unschuld und Dein Vertrauen zu mißbrauchen. Deine Schwestern haben ihn verhindert, die Treppe heraufzusteigen. Uebrigens wollte man den verborgenen Schatz rauben, während man mich audem Fenster warf, unter dem Borwand, mich zu retten. Was willst Du denn? wenn sie unschuldig sind, um so besser für sie. Das ist Sache des Gericht-." „Barmherzigkeit," rief Maringrete, die Hände über dem Haupte ringend. „Mein Vater, Ihr wißt eben fo gut wie ich, daß die beiden jungen Leute eines Verbrechens unfähig sind. Erbarmen! saget ein Werl; denket an die Schande, die Ihr sie erleiden lasser. In diesem selben Augenblicke nimmt man sie fest, um sie zu. Fuß und mit geschlossenen Händen durch fünf Dörfer, Oberen Bewohner sie alle kennen, zu führen. O, mein Vater, das ist schrecklich^" „Um so besser!" erwiederte Jäkel kalt. „Das wird ein wenig ihren Stolz Niederschlagen." „Vater, ich lieb« Tony." „Ich weiß es." „Und ich werde niemals einen anderen jungen Mann heirarhen." „Gut, meine Tochter. So wirst Du einzig und allein, da ich Dir meine Eclaubniß nicht geben werbe, Deine Volljährigkeit abwartrn, und mir, wie es Deine Schwestern unlängst gethan haben, den Gehorsam aussagen." „Sie lhun wohl daran!" antwortete Maringrete aufgebracht. „Ich hatte Tony verboten, mich zu sehen und zu sprechen, weil ich wußte, daß es Euch mißfiele, obgleich er Euer treuester Diener war. Ich sagte ihm: „Warte es ad, wie ich es abwarte." Aber wenn Ihr glaubt, mich von ihm trennen und mir meine Liede zu ihm durch schändliche Mittel rauben zu können, wenn Ihr glaubt, daß es genüge, ihn ungerechter Weife zu erniedrigen, damit ick vor dieses Erniedrigung zurückbebe, fo irrt Ihr Euch. Ich sage Euch, daß Tony, wenn er selbst verurtheilt wird, stets bef Verlobte meines Herzenbleiben wird; baß ich ihm überallhin folgen werde, ich ganz allein. „DaS ist natürlich," fügte sie mit verändertem Tone hinzu, „ich allein kann bei ihm bleiben, denn ich allein weiß, daß er unschuldig ist." „Ich hielt meine Maringrete nicht für so verderbt," erwiederte der Vater, erschreckt durch die Beredtsamkeit feiner Tochter; eine Beredtsamkeit, die aus der Logik des Herzens entspringt, und die sich überall findet, besonders auf dem Lande im Elsaß, wo die Bildung mehr verbreitet ist, als in den französischen Dörfern. „Lehrt Dir Deine kleine Jüdin diese schönen Sachen? Man sagt, sie habe, eine geläufige und spitze Zunge; muß man sie etwa auch anzeigen?" „Unglücklicher!" rief Marie; „Kella anzeigen! Selbst die Hölle würde sie verlheidigen. Ihr wißt nicht, was sie für ihren Barer, fiir ihre Mutter gethan har, für meine Mutter, ja, für meine Mutter, die Ihr habt umkommen lassen vor Hunger, und die ohne Kella ein Jahr früher gestorben sein würde, ohne Kella, die meine einzige, meine innig geliebte Freundin ist." „Es ist gut! es ist gut!" rief Jäkel ungeduldig; „geh;um Teufel, und laß' mich in Ruhe." „Es wird eine Zeit kommen, wo Ihr mich rufen werdet, wo, anstatt „Geh, geh!" Ihr „Komm, meine Tochter!" sagen werdet. . ." Dann, plötzlich anhaltend und fürchtend eine Lästerung zu sagen, rief sie schaudernd aus: „Vater, Ihr glaubt nicht an Gott!" „Nein, meine Tochter, ich glaube nicht an den Gott der tugendhaften Juden." „Ihr glaubt an gar keinen Gon, Vater; denn Tugend ist Tugend für eine Jüdin sowohl als für eine Katholikin. Niemals hat mir Kella einen Rath gegeben, der unsrer heiligen Religion zuwider liefe. Man sagt, Vater, daß Ihr Wucher treibt; daß Ihr mit Zodek, Eurem Freunde, mir ihm, obgleich er Jude ist, falsche Wechsel fabricirt; daß Ihr Euer Geld zweimal verlangt, wenn Ihr voraussetzet, daß der Schuldner seine Quittung verloren habe. Man sagt, ja, man hat mir gesagt, baß Ihr Euren zwei ältesten Töchtern das Erbtheil ihrer Mutter auf eine schändliche Weise geschmälert habt."

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