Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 18 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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» Jüdisches Bolksblatt. Zur JJefeQrunij imf) Hiilpröüfluiu) auf ilihifrf)pui stpkiptp. Herausgegebeu von , Rabbiner Dr. Ludwig Philisipsou in Magdeburg. lN°. 18. 1860.1 <iov bikicr Zcik1«drin er<«deioi wöchcviiich ^me -iummrr. Pr«i< dc« ^>frgauq« t Ltir. Biericij^dri,, 7-tgr. Alf« «»»b-ariua^», Pos^mt.r u»k .-iein»v^«exvktincm«» »rd«e, r>ci>cüu»qc» a». s7. Islirg. 2. Husrts!.^ Kella. Eine kliaisilcb« DorjgeiLichle, „ack dem Franzöfiicbeii von Alexander Weili. V. Am folgenden Sonmag versammelte sich die katholische, indische und protestantische Oorfjugend nach Beendigung der Messe auf dem Marktplätze, um Tony und Kalman ein Fest zu bereiten. Zwei Klarinetten, ein Waldhorn und eine Diollne aus der Umgegend hatten ihre Dienste angeboren; Kalman und Tony wurden mit bedeutenden Blumensträußen geschmückt; man heftete Bänder an ihre Hüte, und begleitet von sämmtlichen jungen Leuten, die Musik voran, begaben sie sich vor da- Haus der Madame Cahen, um eine Ronde zu ranzen und Chorgesänge auSzuführen zu Ehren KeUa'S und Maringrrte'S, welche letztere feit dem Abend der Feuer-» brunst da- Kämmerchen ihrer Freundin nicht verlassen haue. Sobald die jungen Mädchen bereit waren, setzte man sich in Marsch zu der Schenke „zum Pflug". Auf dem Wege dahin stimmte die Jugend vierstimmig ein elsassischeS Volkslied an. Während de« kurzen Weges und Gesanges gaben sich Tony und Kalman goldenen Träumen hin. Sie sahen sich nicht allein als glückliche Gatten von Kella und Maringrete, sondern, gehoben durch den Gedanken, eine gute Thar vollbracht und ihr Leben für ihren Nächsten gewagt zu haben, träumten sie sich mir Orden geschmückt, angestellt und von der Regierung pensionirt. Der Maire, von den Notablen des Dorfes veranlaßt, hatte schon zu ihren Gunsten «Nun kurzen Bericht abgefaßt, der nach der Präfektur abgehew sollt», als sie sich in dem Augenblick, wo sie in der Schenke „zum Pflug" ankamen, sechs GenSdarmen zu Pferde mir einem Brigadier gegenüber sahen, die auf der Landstraße vom Walde hergekommen waren. Die GenSdarmen ritten an ihnen vorbei und stiegen vor dem Hause deS Maire ad. Sie waren schnell von einem Haufen Neugieriger umgeben, die ihnen gefolgt waren, um sogleich die große Neuigkeit in ihrer ganzen Frische zu verschlingen, und sie sodann mit aller noch möglichen Schnelle weiter verbreiten zu können. Di, Fragen fielen wie Hagelkörner auf die GenSdarmen, die im Elsaß die Landessprache sprechen; und alS man durch eine JndiScretion de- Brigadier-, denn die anderen waren stumm wie die Fische, erfuhr, daß eS sich um Tony und Kalman handle, so glaubte man einen Augenblick lang, daß die Regierung de- HauptorteS Kunde erhaltm von der Hel» denmüthigen Handlung dieser beiden jungen Leute und sich beeilt habe, sechs bewaffnete Repräsentanten de- Gesetzeabzusenden, um ihnen ihre Zufriedenheit zu bezeugen und sie im Triumph nach der Hauptstadt der Provinz zu geleiten. AlS man. aber nach Verlauf einer Viertelstunde durch den Maire erfuhr, daß hie GenSdarmen nur zu dem Zweck gekommen seien, um Tpny und Kalman zu arrettren, da dieselben angeklagt seien, an Jäkel« Haus Feuer gelegt zu haben, in der Absicht^ ihn zu bestehlen und bann nach Paris zu fliehen (sie hatten sich nicht genirl, Jedem, der es hören wollte, zu sagch, daß sie wirklich adzureisen Willen« seien), waren der ^drecken und der Unwillen allgemein. In einem Augenbliffe .schien da- Dorf wie zerrüttet. Alle Welt lief, schrie, tzerorirre. Mehrere junge Leute verließen schnell die Schenkt, überlegten auf offener Straße mit gedampfter Stimme, 6iej Köpfe zusammen steckend, ob man sich mir bewaffneter Haad der Festnehmung ihrer so fälschlich angeklagt,n Freunde widersetzen solle, oder nicht, alder Brigadier von diese« Sach« beuachrichter, ganz allein auf diesen Bienenschwarm lo-schritt; der auf- Lebhafteste umhersummte, bereit beim ersten Signal zu stechen. „Meine Freunde," lsagre er auf Deutsch, „kein, Unbesonnenheiten; Gewalt muß dem Gesetz verbleiben! Diese jungen Leute sind nur erst anzeklagt. Vielleicht schon morgen sind sie vom Gerichte freigesprochen und ihr tonnt sie dann fttiren nach Herzenslust Aber' jedenfalls muffen sie mir heute nach Straßburg fslgen. Ich würde e« sehr bedauern, sichanstatt zwei fortführen zu müssen, aber ich wiederhole. eS Euch, die Gewalt gehört dem Gesetze; und wenn wir nicht zahlreich genug sind, um unS Gehorsam zu verschaffen. so werde ich moilgen mit einer ganzen Schwadron wiederkommen." I Diese kleine Rede r^ar ihre Wirkung, um so mehr, da Kalman, die Schenke verlassend, ankündigte, daß er sich als Gefangener stellen und Bürge für-seinen Freund Tony sein wolle. Die Haufen zerstreuten sich, ohne eine Sylbe zu erwidern; denn auf der» Dorfe frägt man wohl die Gensdarmen, aber antworte^ ihnen niemals. Man weiß, daß das geringste Wort, di«s geringste Bewegung von ihnen in dem einen ober dem »nberen Sinne angebracht werden, und daß sie ihren Chefß, wenn auch keine schriftliche, doch mündliche Berichte adstutten. Bald darauf erschieß der Maire, hoch emporgerichrelen Haupte-, seine Schärpe tragend, und fünf Minuten später befanden sich Tony un» Kalman arretirt. Sie hatten ihr Ehrenwort gegeben, den GenSdarmen zu folge«, ohne den geringsten Bersnch zur Flucht zu machen, und der Brigadier^ eifi feiner Spürhund, der nach einer