Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 16 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
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62 ftr an einen reichen Grundbesitzer verhekrathet war, hatte sie wbder kräftige Suppen, noch Weißbrot, noch selbst die Sorgfalt eines Arzte». Ihr Mann, der die Schnüre de« Geldbeutel» in Händen hielt, schränkte dle Ausgaben fo ein, daß nicht einmal Etwa« blieb, ein Stückchen Fleisch zu kaufen. Da» gewöhnliche Mittag-effen bestand in Kartoffeln in Wasser gekocht, mit geronnener Milch, oder Hauskäse. Nur am Sonntag gab e» entweder ein Stück Speck oder eine Scheibe Kuh- oder Ochsenfleisch im Gemüse gekocht; aber Bouillon niemals. Die beiden ältesten Tochter, die auf dem Felde arbeiteten, verkauften heimlich Getreide, Stroh, Klee, sogar Mehl, um die Kosten ihres Anzugs bestraten und Sonntags zu einem ländlichen Feste in der Umgegend gehen zu können. Ader Maringrete ging nicht auf das Feld und verließ ihre Mutter niemals. Diese letztere hätte wohl Mittel finden können, sich gute Nahrungsmittel zu verschaffen, die ihr ihre Nachbarinnen für ihre erschütterte Gesundheit anriethen, denn sie verkaufte Hühner und Eier; ja noch mehr, sie zog beinah zweihundert Francs jährlich aus den Früchten und Gemüsen der Wiese und des Gactenp; aber sie war eine solche schlechte Köchin, daß sie es nicht verstand, sich nahrhafte Kost zu bereiten, und ihr Mann hätte ihr niemals den LuxuS einer Köchin oder Wirthschaftexin gestaltet. —' Nachdem sie die Erzählung von Krlla'S Mutter angehört hatte, sagte sie zu ihrer Tochter, als sie nach Haus zurückgekehrt war. „Grete, mein Engel, hast Du veftiandens" .,2a," liebe Mutter, und mir sieben die Thronen imz Auge." „So werden die armen Leute, die nicht zehn Francs im Vermögen haben, gepflegt wie Millionäre, wie große Herren in der Stadt. Sie haben kräftige Suppen, Gebackenes, und was noch mehr ist, einen Arzt und erleichternde Mittel; denn Kella ist es durch ihre inständigen Bitten gelungen, den Canronalarzt zu veranlassen, ihren Barer monatlich zweimal zu besuchen. Und ich, die ich reich bin, ick sterbe him aus! Mangel an Fürsorge, au» Mangel einer kräftigen Nahrung." „Meine gute Mutter," sagte Grete, indem sie dieselbe zärtlich umarmte, „der gute Gott schickt uns diele Jüdin zu. Laß' mich mir meinem Baker sprechen'; ich habe einen Gedanken. Geh,-Mutter, Du wirst Deine Pflege haben, ich verspreche es Dir." „Du, mein Kind, Du-bist mein einziger Trost," erwiederte die Mutter, „ohne Dich lebte! ich schon längst nicht mehr." „Es ist wirklich wahr," rief Marinqreoe vor. ihrem Baker au», indem sie voller Zorn gegen Kella schien, „diese ruchlose Jüdin stielt un» Rüden! Hat man jemals solche Kühnheit gesehen!" „Ah, sie stiehlt mir Rüben!" erwiederte Jäkel. „Ich werde ihr schon ihre Rechnung machen," sagte Grete. „Heule Abend noch will ich ihr auspassen, ich verspreche es Dir, sie soll es nicht noch einmal versuchen." Am selben Abend zur Essenszeit verbarg sich Grete in einen Winkel der Scheune und bald darauf sah sie Kella die Hinterthür'aufstoßen, ekntreten, eine Rübe nehmen, und sie mit einem kleinen, an ihrer Schürze befestigten Messer schälen und schaden. „Was machst Du da?" rief sie fast unwillkürlich. Bei dieser Frage warf Kella, sich betroffen fühlend, die Rübe hin und floh. Und Maringrete ihr nach auf die Wiese. Kella, die sich in einer übelwollenden Absicht verfolgt glaubte,.fühlte sich ermatten und sank auf daS Gras. „Um Vergebung!" rief sie, „ich habe nur eine Rübe genommen!" „Ich weiß es," erwiederte Maringrete, die sie bald eingeholt harte, und anstatt ihr Vorwürfe zu machen, sie aufhob und in ihre Arme, schloß. „Aber Du bist mir doch nicht böse deshalb, Gretes" sagte Kella. „Ich, Dir böse sein, Kella! nein ich liebe Dich, ich bewundere Dich!" Die arme Jüdin konnte sich im Anfang nicht von ihrem Staunen erholen. Aber sich fassend und Treten näher anfehend, sagte sie: „Ich habe Unrecht. Es ist recht schlecht von mir, Eure Rüben zu nehmen. Aber Du hast rin gutes Herz, Du, ich sehe es in Deinen Augen." /.3a, ja," erwiederte Grete, die eine Thrane mit dem Rücken ihrer Hand trocknete. „Ich weiß Alles,, Kella, Deine Mutter hat uns Alles gesagt: Du bist ein Engel. Und auch ich liebe meine Mutter!" Jßti diesen Worten drückte Kella Greten heftig an ihr "Herz und rief: „Ach, Du verstehst mich. Du; Du liebst Deine Mutter, Du wirst mir eine Schwester sein." „Ja, Kella, ich will Deine Schwester sein. Auch sollst Du von jetzt an nicht mehr nöthig haben, Rüben zu Mittag zu essen. Höre, wa» ich Dir zu sagen habe. Meine Mutter ist krank und entbehrt der Pflege. Mein Baker ist geizig: er merkt nicht einmal, daß seine Frau leider. Wir sind reich, aber wir verstehen nur die Küche der Armen. Du aber verstehst die Kranken zu pflegen und ihnen kleine Leckerbissen zu bereiten. Nun wohl, ich werde Dir Geld geben, um für Deine Eltem gutes Essen zu bereitm, und zur Zeit, wo Du es ihnen bringst, werde ich mir meiner theuren Mutter zu Euch kommen." „Und Dein Vaters" „ Mein Vater darf nichts Davon wissen." „Aber, kann ich rechtschaffener Weise Dein Anerbieten annehmen t" „Du kannst Deine Herrin darüber beftagen. Alles, warum ich Dich bitte, ist. daß Du mir hilfst, meine kranke Mutter zu pflegen." „Ich nehme es an," erwiederte Kella, nach einem Augenblicke des Zaudern». „Es ist unmöglich, daß es unrecht sei, seine Mutter zu lieben und zu pflegen, selbst gegen den Willen eines Bakers." „Das ist recht, meine .Tochter," fqgte Jäkel, „Du > „Und dann," fügte Grete ganz erfteut hinzu, „Du wirst wenigstens bestiehlst mich nicht, wie Deine Schwestern! uns rufen, wenn der Doctoc zu Deinen Eltern kommt. Du vertrittst das Wohl und die Interessen! Deines Bakers." i denn mein Vater erlaubt keinem Arzte den Fuß in sein „Laß mich nur machen. Barer," sagte Grete, „und Hau» zu setzen; er sagt, sie seien alle Diebe. Und ich werde denke nicht mehr an diese kleine Diedfii. Sie wird schon i Deine Mutter lieben, wie Du die Meinige." ihr, Strafe bekommen." „Theure Maringrete," rief Kella mit Thronen in den 1