Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 14 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 2)
- Language
- German
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fen« Mensch mit blondest, Haar und gebräuntem Gesicht. Er trug die elsafsische Tracht und eine Reitgerte in der Hand. Er kam von seinem Dorfe und ging nach Richstedt. Oer Vollmond sandte seine bleichen Strahlen zwischen da- Laubwerk des Waldes und als die jjungen Leute zehn Schritte ungefähr von einander noch entfernt waren, hatten sie sich '-erkannt und blieden unwillkürlich stehen. „Hast Du fo viel Glück, Kalman,* rief Tony mir ironischem Tone, „mit in dem Richstedjter Gehölz in der Geisterstunde zu begegnend" „Wenn ich Glück hatte," rief der Jude, „würbe ich Dir niemals begegnen. Und jetzt ist er^ glaube ich. daß zweite Mal seit vierzehn Tagen, daß mit die« passirt.". „Za, aber das erste Mal wareir wir nicht allein^ und Du kamst nicht von Straßburg die Taschen voller Hundertsousstücke." „Ich verstehe." erwiderte Kalman, ^willkürlich schaudernd, „Du verlangst meine Börse. Vie'llejcht willst Du mich ermorden; denn seit einiger Zeit hat der Dämon des Bösen sich Deiner bemächtigt: Du arbeitest nicht mehr.". „Wie viel Geld käst Du in Deine« Tasche?" fragte Tony, indem er sich Kalman näherte, btr nicht daironische Lächeln seines Fragestellers bemerkte. Kalman, ohne zu antworten, wich mehrere Schritte zurück, versenkte seine Hand in eine Seiteat»sche, holte daraus ein kleines Gebetbuch hervor, küßte es mit Inbrunst, und sagte mit leiser Stimme ein Gebet her, unterbrochen durch daS An.inanderfchlagen seiner Zähne, die auS Furcht klapperten. „Er hält mich wirklich für einen Böfetvicht," faßte Tony zu sich selber. „Laß' mal sehen!" rief «r. denn dieser Ge, dankeregte ihn an, „laß sehen; und wensi ich Dich'angriffe. Du würdest' Dich also nicht vertheidigen? Du bist also eine Memme!" Kalman, halb tobt vor Furcht, erhob fein bläue« Auge voll Sanftmuth zu Tony, wie das Lamnb seinen Schlächter tm Augenblicke des Todes betrachtet. „Wozu soll ich mich vertheidigen?" sagte er. „Du bist zweimal fo stark alS ich. Wenn Du mein Geld willst, hier ist meine Börse: sie enthält hundert-Francs. Ich bin davon fünf und zwanzig Francs siir drni Unterhalt meines armen BaterS schuldig. Wenn Du mich ermorden willst, mache eS schnell ab; aber vergiß nicht, daß mein Blut um Rache schreien wird, und daß weder Dieb, noch Mörder jemals dem Arme Gottes entgeht. De» Gott-, den wir lieben und anbeten, ist nicht derselbe, aber wohl -er Gott der Gerechtigkeit. Blicke zur Höhe. Toby. er siehe unS!" „Geh doch," sagte Tony, „Du sprichst wie ein Pfarrer." --.Und, ihn zwingend sich neben ihn auf «inen Baumstamm zu setzen, fügte er hinzu: „Wie, auch. Du glaubst mich eines Verbrechens fähige Du, der einzig«! Zude de- Dorfes, den ich liebe! Auf G>re! Du brichst mir das Her;." „Du machst Dich mit mir zum Nqrren, 'Tony, Du spielst mit mir wie die Katze mit der DfauS." Tony zuckte die Achseln. Ein wenig durch die Stellung Totzy'S beruhigt, der traurig und nachdenkebd blieb, siihr Kadnan fort: „Aber, was willst! Du endlich von-wir?" > .Lch habe zehn MancS nöthig." „Weiter nichts? Da sind sie. Aber gesteh«', daß Du Deine Zeit sonderbar wählst, und daß dijeS nicht;>rtn gewöhnliches Handwerk ist." [ „Höre mich an, Kalman, ich muß Dir Alles sagen; denn ich sehe'nach der Meinung, die Du über mich hegst, wohl ein, daß ich auf Abwege gerathen bin." „In der That," erwiederte der junge Zsraelit, „Du bist daS Räthfel de« Dorfes g/wocden. Wie, Du, der unermüdliche, der fröhliche Tony, der geschickteste Arbeiter des KantonS, wie konntest Du so schnell auSarten, und Dich vom Geiste des Bösen mit fortreißen lassen?" „Ader, Kalman, ich glaubte, daß Du eS wüßtest. Liebst Du nicht die kleine Kella, die Magd der Madame Cahen?" „Za, sie ist so zu sagen, meine Braut. Wir lieben unS seit drei Zähren." „Oh! ein würdiges Mädchen." „Worauf willst Du hinaus?" „Du weißt also nicht, daß Kella die intime Freundin von Maringcete, der jüngsten Tochter meines alten Brotherrn, ist?" „W«üy ich eS nun weiß, und dann?" „Nun wohl," erwiederte Tony nach einem augenblicklichen Stillschweigen, „da Kella so verschwiegen ist (und dies ist eine Tugend mehr, die ich an ihr schätze), so vernimm, daß die junge Maringrete mich seit zwei Jahren in ihr Her; geschlossen hat, daß während dieser Zeit ich nur bei ihrem Vater geblieben bin, um sie zu sehen, um ihr wenn auch nur mit einem Blicke sagen zu können, daß ich sie mehr liebe, als mein Leben. Und Alles in Allem, habe ich nicht gearbeitet wie ein Neger?" „Das ist wahr," antwortete Kalman. „Und weißt Du, waS ich damit verdiente? Hundert Francs jährlich, und ein Stück ungebleichte Leinewand zu einer Blouse! Dafür habe ich alle Pferde des Dorfes beschlagen, alle Räber mit glühendem Eisen wieder in Stand gesetzt; und selbst Schlosserarbeit gemacht. WaS hätte ich nicht AlleS getkan, um unter dem Dache Maringrete'S zu bleiben!" „Und Maringrete, liebt sie Dich?" „Ich glaubte eS. DaS genügte mir, das machte mein Glück auS. Ich glaube eS noch. Ich weiß, daß sie mei-! nethalden leidet, und mich vertheidigt." „AlSdann warte es ab, und arbeite." „Wo denn? hat doch der Vater, alS er meine Liebe für seine Tochter erfuhr, mich wie einen Bettler fortgejagt und selbst seine Tochter mißhandelt, alS ob eS ein Verbrechen > sei, von einem achtbaren Handwerker geliebt zu werden!" „Aber daS ist ja rin Ungeheuer dieser Jäkel! So ist ,S, i wenn man ohne GotteSftircht lebt! Zch, für meinen Theil, kenne vier brave Lauem. die er mit Hülfe meines Glau- > benSgenossen Zodek, der für seine Rechnung Wucher treibt,! zu Grunde gerichtet hat. Aber er liebt ja Nichts, nicht i einmal seine Kinder! Denn man sagt, unter unS anderen Juden, daß er feine beiden ältesten Töchter um das Erdtheil ihrer Mutter betrogen hat. Thut nichts, das ist kein Grund, Tony, um zu trinken, den ganzen Tag herumzulungem, und vor Allem nicht . . . ." > „Auch Du," rief Tony auS, indem er ihm scharf in'« , Auge blickte, „auch Du glaubst an diese schreckliche von Jäkel! herrührende Verleumdung! Geh, Maringrete glaubt nicht! daran; sie kennt mich zu gut. Weißt Du, wamm ich ■ zehn Franc« abverlang,? Wahrend ich in Jakel'S 1 Diensten stand, hat er mir eine schlechte Wiese verpachtet, , die ich meiner Schwester überlasten habe. Heute Abend