Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 14 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Volksblatt. Zur Netehrung und Anterhattung aut jüdjitchem Gebiete. HeravSgegeben von lNo. 14. 1860.1 Rabbiner Dr. Vobtoig Philippsou *o» birfrr Zeitschrift erscheint wöchentlich ei« ft»» «er. Preis de« 0«dk- «aog« l Itzir. Bicrieijäsriz 7U ft^r. Alle Buch ^»rina^». Postämter U»r Zeit»«s»«k»editio»e» «r-»e» vestchtln-t« an. in Magdebu r. __ [7. Jahrg. U. Quartal.] Kella. Eine elsassische Dorfgeschichte, nach dem Französischen von Alexander Weilt. 1. Zwei Stunden von Straßburg, zwischen Richstedt und Hirt, befindet sich eine kleine Gemeindeholzung, die sehr in Verruf steht, obgleich seit Menschengedenken nicht das Geringste sich dort zugetragen hat. E« scheint alS ob diestS Gehölz vor der Revolution einer Räuberbande zum Zufluchtsort diente, welche das Nieoerelfaß beunruhigte. Um den Schrecken vollends groß zu machen, fand man dorr P.rfonen aufgehenkt, des Begräbnisses beraubt, deren Geister, wi, man sagt, zwischen Mitternacht und ein Uhr wiederkehren und Seufzer ausstoßen, bi« man bi« zum Gasthof zum Sterne in Richstedt hört. Mehrere Reisende, fügt man, ohne jedoch etwas genauer bestimmen zu können, hinzu, sind in diesem dichten Gehölz von Buchen und Birten^ angefallen und beraubt worden. Mit Recht oder Unrecht beschleunigen die Dauern ihre Schritte, wenn sie sich in der Dämmerung diesem Walde nähern; und nur die armen Hausirer aus der Umgegend von Sttaßburg wagen es, ihn noch nach zehn Uhr des Abends zu passiren. In einer frischen Seprembernacht begegneten sich zwei junge Leute desselben Dorfes in diesem Holze zwischen elf Uhr und Mitternacht. Der eine kam von Sttaßburg, wo er feine Lumpen, die er in den Dorfschaflen des KanronS gegen Peitschen, Hacken, Schaufeln und Striegeln für die Männer, und Halstücher, Taschentücher, ein Kreuz oder einen Ring für die Mädchen und Frauen eingesammelt, verkauft hatte. Jedes Mal wenn er einen Pack Lumpen dem Papierhändler zu Slraßburg adlieferte, machte er zu gleicher Zeit feine Einkäufe im Ganzen, um sein Gewerbe für einen Monat auf's Neue zu beginnen. Er nannte sich Kalman, war von zarter Eonstitution und drei und zwanzig Jahr« alt. Er war Jude und beobachtete seine Religion mit Eifer und Pünktlichkeit. Seine Sitten waren untadelhaft., sein Charakter sanft. Er ehrfurchtete seinen Gott von ganzer Seele. Nie» malS hatte ein Schwur feine Lippen besudelt, noch weniger hatte er BöseS von seinen Nebenmenschen gesagt. Mit den Bauern plauderte er über Geschäft, Regen und schön Werter, aber hütete sich vor jeder ReligionSstreitigkeit. Wenn er, aufs Aeußerste gedrängt, dennoch gezwungen war, sich über seine Religion auszusprechen, denn im Elsaß sind diese DiScussionen in der Unterhaltung wie daS täglich« Brot, so sagte er: „Meine Freunde, der Glaube ist Nicht«, da« Wert iss All,«. Thuet da« Gute, und Eure Religion ist göttlich.^ Mit den Juden betete er, aber machte keine Geschäfte njit ihnen. Sein Handel blühet«. Odschon er arm war.unbj keine andere Erziehung genossen hatte, als die biblischen Grundsätze seiner verstorbenen Mutter, ernährte er seinen alten Vater und sktne kleine sechsjährige Schwester. Vor kufter Zeit noch Hane er die Reife nach der Sendt mit einem Packet von,10 Francs an Werth, den er auf seinem Rücken trug, gemacht. Jetzt begab er sich dorthin mit einest Karren, delosden mir Maaren in einem Werthe von Iftö Francs, für die er ein wenig mehr als ein Drittel Nutzen gewann. Kalifian war im Besitz von drei hundert Franc«, und er hielt sich für reich. Es jwar an einem Donnerstag Abend. Er konnte seine Rückkehr nicht bis zum, folgenden Freitagmorgen verschieben, denn er harre in einem! T)orfe zu sieden Uhr Morgen« sich mir Jemandem wegen eine« wichtigeu^Geschäft« von mehr als zeh^ Franc« verabredet; und um fünf Uhr AdeadS mußte er schon gewaschen, gedürstet, gewichst, sabdathlich geputzt in der-Synagoge stehen,. um die Ankunft de« Sambachs mit den freudigen hebräischen Gesängen zu feiern, ^>on denen, e« ist freilich wahr, Kalman nicht eia einzige« Wort verstand. Der! andere junge Mann war Katholik und hieß Tony. Er übte mehrere Handwerke: abwechselnd^ war er Stellmacher, Schmied, Schlosser und AckerSickann. Wahrend dreier Jahre hatte er bei Jäkel, den^MkN den Geizhals und auih den Schwarzen wegen feiner schwarzen Hautfarbe nannte, gearbeitet. Jäkel war Besitzer einer Schmiede, einer Stellmacher«! und einer Sägemühle. Er hatte zwei majorensne Töchter au« erster Ehe, und eine minorenne von seiner ziveilen Frau. Abist seit einiger Zeit hatte Tony plötzlich Jäkel'« Hau« verlassen, Niemand wußte warum, seine Zeit in den Schenken mit Trinken verbringend und in den Wäldern heemnstreichend. Dunkle, aber falsche Gerüchte verbreiteren sich auf sein« Rechnung. May beschuldigte ihn eine« beabsichtigten Angriffs auf die Keuschheit, der aber durch die „Dazwifchenkunft" eine« Forstwächters vereitelt worden fei. Aber wa« wahr lyar, ist, daß man ihn in einem Zeitraum eine« Monats zweimal total betrunken vor der Thür feine« alten Patron« gefunden' hatte. „Tony, sagte man, ist auf dem Wege zum Galgen, et hat ihn da« „böse Auge" angesehen. Tony jvird seinen Weg machen, fügte.man hinzu, wohl ihm, h>rnn er nicht zu den Galeeren geht!" Tony war ein. großer, kräftiger, schlanker, hüdschgewach-