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Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 12 (1860) · p. Seite 46

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
12 (1860)
Date
1860-01-01
Page
Seite 46 (sequence 2)
Language
German
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— 46 gilt hier, sein eigen Selbst $m; auszuHehen, ura~t>m Gang der Menschheit in der Religion voruckheilslos zu deurtheilen. Denn hier ist H, wo das Resultat iw Ringen der Menschheit noch am unentschiedensten ist. Worauf soll man als ein Kriterium der Wahrheit Hinschauens Auf die,Zahl der Jahrhunderte? Auf die Zahl der Bekenner? Auf die Kraft, die ein Religionsdekennrniß auf di« Weltgeschichte geübt har? Aber oft ist der Jrrthum sehr alt, und lebt noch; oft ist di« Lehr« eines Geistes mehr werth als das blindlings nachgesprochene Wort von Millionen; und daß es immer nur eine theilweise Wahrheit ist, welche die Menschenwelt in Bewegung setzt und beherrscht, lehrt jeder Blick in die Geschichte, die zeigt, daß in e>in«-m Zeitpunkt verleugnet wird, was in dem andern noch als Höchstes aagestaunt ward. Ja, nirgends erscheint der Jrrthum und Wahn von so zäher Natur, als auf dem Gebiete der Religion, wo di« abstoßendsten, dem Wese» der Religion geradezu widersprechendsten Erscheinungen, wie Religionshaß, ReligionsfanariSmuS, Priesterherrschaft am längsten und immer von Neuem sich geltend machen. Wer da) sieht, wie Millionen sich noch in unseren Tagen um den offenbarsten,gröbsten Aberglauben zu schaaren, Millionen nach Götzendienst zu wallfahrten geneigt sind, in Ländern, wo Wissenschaft und Philosophie ihre Fackeln am hellsten angezündet haben — wie leicht kann der irre werden — an Allem! .Nur zwei Betrachtungen sind §s daher, die uns hier den Weg eröffnen und erleichtern, züerst: baß die Menschheit im Allgemeinen noch ein zu tuszes Leven verledr hat, als daß sie da, wo es das Verhällniß zum Urderirdischen gilt, schon zu einem vollständigen Resultate hätte gelangen können; alSdann: daß in a!len Beziehungen eine;ede Zeit sich für eine höchste, entscheidende halt, so oft auch daS Äegentheil durch die nachfolgend« Zeit erwiesen worben. Denn die erste dieser Betrachtungen wirb unS aufrecht halten, wenn uns die wirre Resultatlosigkeit der Menschheit in der Religion in Ralhlosigkerr versetzen wollte; die zweite, wird uns hinwegheben über die glänzenden Jrrthümer der Zeit, die sich für daS allein Rechte und 'Wahre geben wollen. Endlich müssen wir auch hier nicht vergessen, was wir in der allgemeinen Geschichte schon deodachttt-chaden: baß es Zeiten der Reacrion giebt, wo die Dunkelheit von bleuem über große Theile der Menschheit hereindricht, wenn nämlich ein neuer Theil der Wahrheit aus dieser Dersinsterung dervorgehen soll, für den die alten Glieder zu verlebt und abgestorben waren. Alle diese Erscheinungen dürfen unS nicht irre führen, wenn wir den Kern der Geschichte auch in religiöser Beziehung erkennen und kosten wollen. DaS Bewußtsein einer Gottheit, eines hinter dem Sinnlich-Wahrnehmbaren stehenden göttlichen Wesens, in welchem die Ursache alles Daseins ist, liegt' rief--in der Ramc des Menschengeistes. Die Wahmehmdarung einer Wirkung verlangt in der Organisation unfres Geistes sofort die Frage nach der U c sa ch e. Die Wahrnehmbarung des Daseins mußte daher von selbst die Frage nach der Ursache desselben hervocbringen, und Hirse Ursache des Daseins war nichts anders als — Gott. — Mil Nichten hat man sich daher zu verwundern, daß in allen Menschen, in allen Völkern der Begriff einer Houheit vorhanden war und ist; auch har man sich hierbei Durchaus nicht in mysteriöse Ahnungen zu versenken; es war das natürlichste, das norhwendigste: di« Beobachtung des Daseins mußt« dem Menschengeiste eine Ursache desselben erkenntlich machen, das ist Gott. 'Die Erkennrniß dieser Gottheit als Ursache alles Daseins, und das Verhaltviß des Menschm zu ihr. das ist Religion. Die Religion war daher mit dem «Menschen geboren, Mensch und Religion sind zwei untrennbare Dinge, sie gehören zu einander und bedingen sich von selbst«». — Finder daher irgend eine Entwickelung in der Menschheit statt, so muß sie auch in der Religion vorhanden fein, da diese ja das unmittelbarste Ergebnis seines Wesens ist. Worin muß nun diese Entwickelung bestehend Erstens in der Erkenntnis des göttlichen Wesens selbst, zweitens in dem Derhaltniß des.Menschen zu diesem. ES ist leicht einsichtlich, daß das zweite vom ersten bedingt ist, denn je unvollkommner die Erkenntnis Gottes, desto unvollkommnec muß-auch das Derhälrniß zu ihm sein, und jeder wahre Fortschritt in jener, muß auch in diesem größere Lauterkeit und Wahrheit verursachen. Es ist hier nun gar nicht der Orr, in die alten Fragen einzugehen, ob Die Erkennrniß Gottes in ihren Fortschritten stets daS Produkt des menschlichen Geistes oder einer göttlichen Offenbarung sei? ob die Erkenntniß Gottes Sache des Verstandes oder des Glaubens sei? Wir verstehen hier unter Erkennrniß Gottes nichts anders als die Vorstellung vom göttlichen Wesen, von wannen und wie sie auch erworben worden und werde. Das Verhältnis des Menschen zu Gott ist aber: inwiefern wir uns die Verdingung Gottes und des Menschm denken, und diese auf unser ganzes Sein und Thun Einfluß üben lassen. Da wird es uns denn nicht zu schwer, zu bezeichnen: was Fortschritt in der Religion sei? Je mehr wir uns einerseits Gott als Geist, als reinen, von allem Sinnlich - Wahmehmbaren entfernten Geist vorstellen werden, und je näher wir der Erkennmiß von der unbegränzten Vollkommenheit Gottes kommen werden; je mehr wir andrerseits dem Menschen als dem vollkommnen Gottesgeiste unmittelbar verbunden uns vorstellen, und dieses Bewußtsein einer unmittelbaren Verbindung uns durchströmen, uns erfüllen lassen werben, baß sie all' unsre Gedanken und Handlungm beherrscht: desto größer wird der Fortschritt in der Religion sein. Wir wissen sehr wohl, daß man gegen diese Bezeichnung de» Fortschritts in der Religion mit den Waffen der Sophistik noch wird streiten können. Denn sowohl der blinde Glaube an ein geschriebenes Wort — denn der fehende Offenbarungsgläudige wird immer zugeden, daß da» vorhandene geschriebene Wort vielfach durch Menschenwort verfälscht worden ist — als auch eine hyperkritische Philosophie wird mit den oben gegebenen Desinirionea Gottes als vollkommmsten Geistes, und des Verhältnisses zu ihm <sls einer unmittelbaren Verbindung nicht zufrieden fein. Aber hierauf kommt e» auch nicht an. sondem nur darauf: daß der allgemeine Verstand und daS allgemeine Gefühl, wie diese beiden im engsten Bunde sich aus der ganzen Geschichte der Menschheit und der Religion Herausstellen, mit Obigem üdereinstimmen, und dies zeigt sich uns klar, wenn wir daS Allgemeine aus allen Religion-- Parteien objektiv heraus- und zusammenziehen. Dann stellt sich uns aber auch, trotz der divergicendsten

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