Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 12 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksvlatt. Zar Reiehrung und Anterhattuni] aus jüdischem Gebiete. HerauSgegetzen von Rabbiner Vr. Ludwig Phili-Pson in Magdeburg. r j n 4 n/»A 1 Vo, rtNer Zrichbrifl er^bet»r wScheuttich rl»e N»»«rr. Preis r«i A-i>rr~ .v * . ,A . , , [ No. 12. 1860.] ‘ SgSS’SL1 I7- 1. Quartal.] Die Erfahrungen der Menschheit. v. öcklug au» Rc. 10.) Ein große», ausgedehnte» Feld dor der Menschheit zum Anbau, zur Entwicklung, zum Fortschritte die Gesell» schaftlichkeir dar. Dom Beginne de» Menschengeschlecht» an offenbarten sich in ihm zwei entgegengesetzte Triebe, der eine zur Zerstreuung, der andre zur Vereinigung. Die Wanderungen de» Menschenvolkc» gingen und gehen über den ganzen Erdboden, bi» e» ihn gänzlich in Besitz genommen; dann aber fchaaret e» sich wieder zusammen in staatliche Verbände. Aber diese Gesellschaftlichkeit mußte in ihrer Entwickelung die verschiedenartigsten Verhältnisse her- Vorbringen. Sie mußte vor Allem zur Herrschaft führen, die da» Individuum über andre Individuen, da» Volt über anders Völker übte, au» welchen Zuständen wiederum herauSgestrebt werden mußte. Hier nun könnte der Zufall, oder die zufällige Gestaltung am meisten zu wirken scheinen; hier könnten dieselben Leidenschaften, dieselben Kämpfe und Siege zu allen Zeiten und aller Orten vorhanden geglaubt werden — und siehe da! hier ist e», wo nur der Vorur» thellSvolle, nur der, welcher an dir Menschheit und an seine Zeit sogleich die Forderung der höchsten Lösung stellt, den, allerdings allmähligen, aber doch durchaus sichtbaren Fortschritt leugnen kann. Bon dem patriarchalischen oder asiatisch» despotischen Staate bi» zu dem unsrigen geordneten, überall nach Gesetzmäßigkeit und angemessener Freiheit strebenden — welch' ein Weg! Bon den kleinen griechischen, städtischen Republiken, die in sich den Mittelpunkt der Welt erblickten, bi» zu unseren großen, umfassenden Staaten; von dem mittelalterlichen Feudal» und Zunftstaate di» zu unserm in gesetzlicher Gleichberechtigung und freier GewerbSthätigkeit feinen Schwerpunkt besitzenden — welch' ein Weg! Man braucht die Augen vor den vielen und großen Mängeln, die auch unseren staatlichen Gesellschaften ankleden, gar nicht zu schließen; man kann auch glauben, daß der Menschheit noch zahllose Kämpfe hierin bevorstehen, und daß sich noch viele staatliche Formen aufthun und durchardeiten werden — dennoch wird man gestehen müssen, daß der Fortschritt in der gesellschaftlichen Verbindung der Menschen groß und sichtlich ist. Die Bürden, die der Mensch adgeworfen hat, fühlt er nicht mehr, und halt darum die nur für groß, die er noch zu tragen. — Und dann in allgemeinen Beziehungen: da» Sklaventhum ist bereit» au» vielen Gemarkungen der Menschheit gänzlich verschwunden, und große Thängkeit ist vorhanden, e» au» der ganzen schwinden zu-machen; da» Völkerrecht, welche» selbst Nationm gegen Nationen verpflichtet, wird auf immer festere Basen gestellt; da» Gleichgewicht, und daran» der Frieden gewinnt Zimmer festere Grundlage, cknd tausend unsichtbare Hände arbeiten daran, | ihn in der Menschheit gänzlich herzustellen und unerschütterlich zu machen; Gerechtigkeit und Billigkeit erlangen in der , öffentliche« Meinung, unh-durch sie bei den Machthadem 1 und Führern der Völker immer mehr Einwirkung und Kraft; - Barbarei, Unmenschlichtzeit, Brand und Plünderung werden immer mehr verabscheu», und verringern sich selbst in bim Kriegen der Menscheast<tmme; hingegen schlägt die Barmherzigkeit immer siegreicher ihren leuchtenden Thron auf, und sucht die Schäden der Menschen zu verbinden und zu heilen, die wohlthätigen Anstalten und Vereine, die Priüar-! und öffentliche Wohlthätigkrit wachsen an Umfang, an! Energie und Wirksamkeit, und sind sie auch lang« noch nir im Stande, dem PauperiSmu» entgegenzuarbeiren,'so ■ wie di« Lehr» und BesserungSanstalten^der Unsittlichkfit: so .ist e» doch auch nicht erwiesen, daß si, e» nieMil» auf wirksamere Weise vermögen werden. Wenn all,» Die» j aber zusammen genommen nicht unendliche Fortschritte auch : in der menschlichen Gesellschaftlichkeit bekundete, so fehlte! dieser Begriff gänzlich. Derjenige nur, welcher au» der menschlichen Gesellschaft ein Ideal bilden wollte, noch dazu ohne die Kürze der Zeit zu bedenken, welche doch am Ende jene erst zurückgslegt Hatz, kann daran zweifeln; und «ohl^ muß man erwägen, wie allerding» immer die neuen Z«ständ«, j wenn sie auch, gegen frühere, bedeutende Fortschritte sind,! dennoch auch neue Uebel erzeugen, di« erst wieder über- , wunden sein wollen. — j -5. j Haben wir somit die Fortbildung der Menschheit im | Zusammenhänge ihrer einzelnen Theile, in Wissenschaft,! Kunst und Gesellschaftlichkeit beobachtet und erkannt: so i bleibt on» noch, sie in ihrer höchsten Sphäre, in ihrem j Derhältniß zu Gott, in der GotteSerkennrniß und > Religiosität überhaupt, zu betrachten. ' Wer sich au« diesem Gebiete einm klaren Einblick verschaffen will, hat eigemhümliche, große Schwlerigkeiten zu überwinden. Nirgend» ist e» schwerer, sich auf einen i objektiven Standpunkt zu versetzen. Die eigene Crkenntniß, j die Konfession, der er zugehörig, so wie all' die Nebel der 1 Zweifel und Unzuverlässigkeit, die de» Menschen Geist in! i seinen religiösen Beziehungen umgeben, werden ih« hindern,; I sich auf den odzectiven Standpunkt der Menschheit, der ja!alle Glauden-schaltirungen angeboren, zu versetzen. E»