Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 11 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 3)
- Language
- German
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43 Folgen des Aberglaubens und der Leichtgläubigkeit. Bon Albert Rosenbaum. I. Gerschon war nun einmal ein furchtsamer Mann, und wenn e» Abend ward, so wurde ihm jeder Schatten ein Geist, jedes Geräusch die Stimme eine- Gespenstes; fiel ein Sandkörnchen zur Erde, so war ein Verstorbener da. Da er Viehhändler war, so mußte er oft über Land und gar manche Nacht in fremden Häusern übernachten. Eh' wir dem freundlichen Leser aber Gerschon» Abenteuer erzählen, müssen wir ihm vorher ein paar Worte über ein Wirrhshaus sagen, in welchem Gerschon oft einkehrre. Der Wirth war nicht nur ein freundlicher und ein tüchtiger, geschäftiger Mann, sondern auch ein liebevoller Familienvater, der einen kleinen Schwarm lieber Kinder besaß. Diesen hatte er eine schöne Freude dadurch bereitet, daß er ihnen ein kleineniedliche- Schafläinmchen gekauft hatte», welches nach und nach zu einem großen, starken und fetten Hammel herangereift war. Dieser Hammel war aber mit der Zeit so zahm geworden, daß er nicht nur den Kindern, sondern auch fremden Leuten auder Hand fraß, und sich fast großtentheils in der Wirthsstube aufhielt. De- Abend» schlief er nicht im Stalle, sondern vor der Stubenthür. Auch ein kleine-, allerliebste- Hündchen hielt der Wirth seinen Kindern, welches ebenfalls sein Quartier in der Wirthsstube genommen hatte. Rein und freundlich war ,S im ganzen Haufe, aber eng, und so kam e-, daß der fleißige Wirth feine Gaststube kn daerste Stock verlegt hatte. In diesem Hause kam Gerschon, wie schon so oft, auch «ine» Abends wieder an, ales schon dunkel war. Don der Reise ermüdet, warf er seinen Quersack ad, fiel in den ersten Stuhl, welcher vor ihm stand und machte mit dem Wirthe kurze Worte. „Bringt mich zu Bette, Wirth," sagte er, die Augen reibend. ,,„Elhut mir leid,"" «rerwiederte der Wirth, „„alle Zimmer sind schon besetzt — ich kann Euch heute kein Bett geben."" „Thut auch nicht»," lallte Gerschon heraus, „Hab' mir so oft schon die Knochen wund gelegen, kommtauch diesmal nicht drauf an. So macht mir eine Streu." Dageschah denn auch. Schnell besorgte der Wirth eine Streu, welche in der Wirrh-stube auSgebreitet wurde. Er drückte Gerschon die Hand, wünschte wohl zu ruhen und entfernte sich. Gerschon entkleidete sich, ließ da- Licht brennen, warf sich auf da» Strohlager und schlief»ein. Gegen Mitternacht erwachte er plötzlich, weil ihn ein schwerer Traum geweckt hatte. Amgstlich blickte er nach dem Fenster, um zu erspähen, ob es schon Tag fei — aber draußen war es finster wie in einem Keller. Da- Licht auf dem Tische brannte trüb. Da horch! waklopft da? Tupp, kupp, tupp, kupp! O Gott! dachte Gerschon, wenn» nur nicht spukt, wenn'- nur kein Geist ist. Er zog die Decke über die Ohren. Aber «S kuppte fort. Doch faßte er einen Augenblick Muth und sah wieder im Zimmer umher. Aber jetzt erblickte er da- Schrecklichste, wa< er je gefehn. Am Kamine stand «in Spinnrad, dessen Rad sich hurtig drehte; die Spule schnurrte hastig herum, und der Fadm von unsichtbarer Hand geleitet, löst« sich vom Wockm und wickelte sich aup. die Spindel. Niemand war im Zimmer. Also ein Geist, «in Spuk. Dicke Schweißttopfen lagen auf Gerschon» Etjrn, und da» Herz klopfte ihm, wie eia Hammer. Er wagte nicht zu arhmen. Rur verstohlen streckte er die Hand unter der Bettdecke, welche der Wirkt» ihm auf da- Strohlager geworfen hatte, hervor, zog seine Kleider herbei, und beschloß sich anzukleiden und da- Zimmer zu verlassen. Aber fo oft er einen Versuch dazu machte, so oft erschreckte ihn auf's Neue daschnurrende Rad und tupp, tupp, tupp ging ts nach wie vor. Endlich hielt er die Angst nicht länger au». Gefaßt sprang er mit einem Male auf, und stürzte, die Kleider unterm Arme, zur Thür hinaus. Doch Himmel! der böse Geist verfolgte ihn fürchterlich. Denn kaum harr« er die Thür geöffnet und den Fuß auf die Schwelle gesetzt, aler von einem haarigen, zottigen Wesen unter fürchterlichem Geschrei aufgehoben, wie ein Reiter zu Pferde sitzend die Treppe hinunkergetragm und im Galopp auf der ÄauSflur hin- und hergerissen wurde. Um nicht zu fallen, hieft er sich in den Haaren de» fürchterlichen Geist,» fest; ad»t ein über da» andere Mal donnerte er Hilfe und Feueij! durch da» Hau». Wirth und Wirthin, Gäste und Haurgrsinnte eilten mit Lichter« herbei, Gang, Treppen und Hausflur warm hell erleuchtet, aber statt Hilfe, Erlösung, Befreiung kam ihm Nicht» al» ein fürchterliches, gellmdes ZeSergeschrei und Hohngelächter. Und wie hätte da« auch anderkommen könnm? Denn der halb todte Gerschon saß im Hemd, ein Päckchen Kleider unterm Arme, auf de- Wirthe» kolossalem HaaShammel, und während der geängsteite Mann au» Furcht zu^iürzen sich in den Haaren de- | erschreckten Thieres festklammerte und um Hilfe schrie, jagte der geängstete Hammel blökend im Haufe herum, um sich der unerwanetm Bürde zu entledigen. Es war zum^ Ergötzm — solch ein Schauspiel sieht man selten. Der Wirth trat endlich hinzu und brachte die beiden erstreckten West« zur Besinnung. Nun erzählte Gerschon zitternd und bebend, wie Alle» gekommen sei, waer in der Stube gesehn, wie ihn die Angst hinau-getrieben, und wa» ihm ln der Thstr widerfahren. Man untersuchte nun die Sache ruhiger ursd iä ergab sich Fvlgmoes: De» Wirthe- Wachtelhündchen Haft1 sich an dm warmen Ofen gelagert und damüde jtotfgm auf da» Trittbrett des Spinnrade» gelegt. So oft e» nun eine Lewegung-machte, oder sich kratzte, wurde dev Kopf gewiegt und dathar dem unschuldiges Th'ierchen gut» Eblieb deshalb in der angmehmen Lage liegm, und ließ da» Brett auf-und niederschwanken, wodurch da» Rad bewegt und der Fadm obgleich unregelmäßig vom Wockm gelöst wurde. Bor die Thür hatte sich aber, wie schon so oft, der Hammel schlafen gelegt, und al» der vom Geiste verfolgte Gerschon in so großer Hast zur Thür heraus kan», war da» erschreckte Thier aufgesprungen und Gerschon saß auf dessen Rücken. Die ganze Sache wurde nun ein Scherz'— aber der auSgelachte Gerschon kratzte sich hinter den Ohron und sagte: „Si's nor gut, daß ich nit gefallen bin." II. Der Selig war „der beste Bruder auch nit," aber lustig ukd stet» froher, guter Laune war er, und listig wie ein Fuchs. Da» kam ihm bri, den dummen Bauern in und außer seinem Dorfe sehr zu, Gate; denn wenn er mit ihnen