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Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 10 (1860) · p. Seite 39

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
10 (1860)
Date
1860-01-01
Page
Seite 39 (sequence 3)
Language
German
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39 und göttlicher angefchürt hatte. . . Dann ging efort, und um die Ecke herum, vor einem Bäcker vorüber, wo der Großvater seine« Sabbathcredil hatte, da wurde Halt gemacht — „um, wa» willst Du haben und was Dur Ein Kümmelbrötchen oder eine Rosinensemmel?" Wir wählten ln der Regel die letzte, und die ward dann Jedem gereicht. Hier wurden wir entlassen, damit wir auf die„Wachtparade" eilen konnten. Nach einer Stunde fanden wir un- Alle, Söhne, Töchter und Enkel, bei den Großeltem ein, um den Segen zu empfangen. Da standen wir Enkel in dem großen reinlichen Zimmer, an dem langen, mit grünem Sammt bekleideten Sopha gereiht, und der Großvater machte Kiddusch, und schnitt so viele Stückchen vom großen Barchu», und stippte jedein da- Liqueurglä-chen und reichte Jedem sein Stippchen, datrefflich schmeckte. Dann fingen die Alten wohl zu plaudern an von den Kompreisen und dergleichen, von Stadt-und Gemeindesachen, und wir Kleinen schlichen leise hinunter und spielten auf der Gasse gar lustig, bidie Eltem alle zum Aufbruch riefen. Ewar ein Vorzug, der nur unsrer Mutter und unertheilt ward, daß wir zu Minchah noch einmal zu den Großeltern dursten. Da war ein Tischchen für die beiden Allen und die Mutter gedeckt, um die Reste devorigen Abendtische- und sonst etwa- Gute« zu verzehren. Die etwagestrenge Frau Großmutter hieß un- Kinder dann still auf die Fensterbank setzen, und abwarten, biwir auch Etwas bekämen. Jedesmal hieß es dann: „Eure Mutter har die ganze Wo»« mit Euch zu thun, jetzt lasset Ihr ihr nun Menuchah." Der Großvater winkte undann mit den treuen braunen Augen zu, und bald wurden wir reichlich entschädigt. . . . Kennen daunsre Enkel noch? Wir betraten, bei aller Liebe, die unerwiesen ward, dagroßelterliche Haunur mit einem gewissen Bangen, mit einer scheum Verehrung, die aber dann, wenn wir dafreundliche Wort vernommen, nur in um so hellere Flammen der Liede umschlug . .. jetzt werden die Enkel von den Großeltern so verhätschelt, daß sie die ungezogenen gegen sie spielen, und die großelterliche Erziehung ln Verruf gekommen. ES war an einem Sonntag-adend im Herbste. Der Großvater war wie gewöhnlich Nachmittagbei ungewesen, und hatte Thillim gesagt. Wir wollten, wie immer, zu Onkel und Tante gehen, wo vom die Alten, hinten in der Kinderstube die Jungen versammelt waren, und egar amüsant zuging. Aber ehatte sich ein Unwetter eingestellt, der Sturm heulte durch die Sttaßen und Häuser, und der Regen schlug auf da- Pflaster nieder. Endlich mischten sich sogar einzelne Donnerfchlage hinein, ungewöhnlich in dieser Jahre-zeit. Meine Mutter beschloß zu Hause zu bleiben. Ewar schwül und düster im Zimmer. Die Mutter war von einer unerklärlichen Angst beherrscht, und ging voll Unruhe im Zimmer auf.und ab. Wir Kinder drängten unauf der Fensterbank stillschweigend zusammen. Die Mutter wollte mehre Male fort, aber da- Wetter .war allzuschlimm. Endlich legte esich etwa-, da» Gewitter war vorüber, aber ewar unterdeß spät geworden. D§ir legten unnieder. Aber auf die Mutter kam der Schlaf nicht hernieder. Ewar ihr stet-, alob etwa- Außerordentliche-, etwa» Schrecklichebei ihren Eltern geschehen. Um fünf Uhr Morgenlitt esie nicht mehr. Trotz der Dunkelheit machte sie sich auf, und eilte zum Haufe ihrer Eltern. Sie fand die Hau-thür offen. Sie dachte jetzt: Gott, was werden Dein» Eltem sagen, wmn Du so früh, ohne Veranlassung kommst. Aber sie stieg doch die Trepp« hinan. Allewar still im Hause. Endlich stand sie an der ThÜre de- Wohnzimmer»; sie öffnete sie — da lag ihr Vater, mit dem schwarzen Leichentuch bedeckt, rode auf dem Boden .... Wa» kann da- Menschenherz nicht Alles ertragen, ohne zu brechen! . . . Der Mann war in stimm Berufe gestorben. Er hatte sich Admd-, ohne Licht, Wasser zum Waschen, bevor er in die Synagoge ginge, auder Küche holen wollen, die dicht an der Treppe lag, war fehlgettetm, die Trepp« hinuntergestürzl, und lag unten — tobt . . . Did WirthSleute konnten kaum ihre Stubenthür öffnen. „O Väterchen, Väterchen!" riefm die guten Leute — denn Alle» lieble den Greis — aber er.hauchte eben den letztm Seufzer au». Wie gesagt, dir grüße, stolze Großmutter ging nun gebückt und gebrochen umher, und nach einem halben Jahrehatten wir auch sie verloren. Wer schildert dm Schmerz der Familie? Aber nach einiger Zeit tritt ja an alle Trauer die Verklärung heran, und der bittre Schmer; wird zu einer heimlichen süßen Freude . . . Dann noch einige Jahre, und die Onkel und Tantm, und die Mütter und Alle von dem älteren- Geschlecht« gehm nach und nach an den „guten Ort", und noch einigt Jahr«, und e» ist, al» ob draußen schon die Gruft offen steht, um auch un» zu empfangen — denn in da» „Hauder Ewigkeit" müssen wir Alle!. Die Erfahruugen der Menschheit. t^eiNetz»«s «*« No. ».) Eine gleiche, umrmeßsiche Entwickelung haben die mechanischen Künste genommen. Wohl vollendeten di» alten Völker Riesenwerke,! deren Ueberreste unnoch heute in Lewunjderung setzen; wohl errichtete da- Mittelalter Bauwerke, die unvolle- Erstaunen abnölhigen. Allein e» wurden dazu Summen von Menfchenkräften vrkbrauMt, die unjetzt nicht mehr zu Gebote stehen, weit die Kräfte ungleich theurer geworden. Und dann gilt diedennoch nur von Ausführungen größerer und gröberer Werke. Diese sind aber in der Menfchenwelt von geringerer Bedeutung, aldie feinekkn und kleines«» Arbeiten; irgend «in physikalische» Instrument, z. B. da- Thermometer, schafft täglich mehr Nutzen (und nicht blvmateriellm), alalle Pyramiden zusammengenommen. Aber auch iü der entgegengesetzten Beziehung können die alten Werke mit den ünserM nicht verglichen werden, und ein 9reai-Western oder ein Linienschiff von über 100 Kanonen übertrifft Alle-, wa» irgend da» Alterthum produeirt hat. Unsre mechanischm Mittel sind im Großen mit Kleinen ein Unendliches niehr, aldie der Alten. Dmnoch sang schon ein römischer Dichter (Lukrez) 6V Jahre vor dfm Anfang unsrer Zeitrechnung, daß wohl schwerlich irgend eine Zeit die seinige zu übertreffen vermöge, wo man' da- Meer durch Dämme einenge, Seen auf da- Land versetze, und die Schiffe dagroße Meer durchschneid,n. Und doch hatte man, urh nur Einigezu nennen, bamal» noch keiney Kompaß, kein Schießpulver, kein Lumpenpapier, keine Buchdruckerei, keine geschliffenen Gläser — keine Dampfkraft!

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