Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 10 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4908862-5999354-6026345--1574-4910103- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
38 oft in meinem Herzen dem Herrn des Lebens gedankt, daß er eS mir vergönnt hat, diese Großeltern noch vor mir wandeln zu sehen und ihr Bild in meine. Seele zu fassen, wo eS, eingefaßt in den goldenen Rahme» der Erinnerung, viel gewirkt hat, mich im Guten zu erhaLen und frommen Sinn und Gottesfurcht nicht aus mir schwinde» zu lassen. O, wie wenig weiß man eS gewöhnlich, wie viel man dem Gedächtniß braver Docdern zu verdanken Hst, wie sehr dieses „Gedächtniß zum Segen" ist! . . . Es war ein liebes Paar, diese Großeltern, und wenn sie beide, die Frau am Arme de- ManneS, wie ihr Bild noch in meiner kleinen Familiengallerie hangt, in unser Zimmer traten, war eS, als ob die Ehrfurcht, mit der Liebenswürdigkeit gepaart, strahlend in da« Gemach schwebten. Merkwürdiger Weise war eS aber der GoeiS, der vorzugsweise liebenswürdig, und seine Gattin, die vorzugsweise Achtung gebietend war. Sie, eine stattliche, ungebeugte Gestalt, mit etwas stolzer Haltung de« Kopfe«, den eine „goldene-Haube", mit feinsten Brüsseler KanteN, bedeckte, im „stoffenen" Kleide, die Perlenschnur um den weißen HalS, die Diamantgehäage in den Ohre» — während er, nur von mittlerer Größe, die vollen grauen Locken um das schmale Antlitz, das ganz braune«, glänzende« Auge und mild lächelnder Mund zu sein schien. Mein Großvater hatte sein Lebelang gearbeitet und sich gemüht, in äußerster Redlichkeit, auch ein ziemliche« Vermögen erworben. Acht Söhne und fünf Töchter, deren jüngste eben meine Mutter war, waren »m ihn erwachsen, »nd hatten ihm, al« sie, jene sich etadlitten, diese sich verheiratheten, so nach und nach sein Vermögen gekostet. Daher machte er eine« Tage« Schicht, wickelte feine laufenden Geschäfte ab, zahlte seinen HandelSfreunben aus, wa« er ihnen schuldete, bei Heller und Pfennig, und stand nicht an, sich nun von seinen Kindern ernähren zu lassen. Und wie freudig und Äie hinlänglich thaten diese e«! So verlebte er in Ruhe und Frieden seine letzten Lebensjahre. Wie er seine Zeit verbrachte? Morgens sechs Uhr gitU es zum Morgengotte-bienste, nach dem Frühstücke wurden bäuSliche Gebete und Psalmen gesagt, und einige kleine häusliche Verrichtungen abgemacht, die ec sich Vorbehalten. Da»n ging eS auf ein Stündchen nach einem Gasthofe, wo die Zeitung gelesen ward. Nach dem MittagSdrote ward ein Schläfchen gehalten, und nun ging die eigentliche Arbeit de» Tagean. Es wurden Kranke besucht. Arme in khren Hütten ausgesucht,-für'ihre Bedürfnisse Sammlungen veranstaltet und Fürbitten gethan, Leidtragende getröstet, Frieden gestiftet, und alle möglichen Werke der Liebe vollführt. Eine Stunde vor Nacht wurde die Runde bei allen Kindern gemacht, in jedem Hause ein Kapitel Psalmen gesagt, und dann in die Svnagoge zum AbendgotreSdienste geeilt. Der Abend wurde dann regelmäßig bei.einer Tochter, die am nächsten wohnte, zugebracht, und da fanden sich alle cmderen Söhne und Töchter, wenn sie nicht anderweitig in Anspruch genommen waren, ein. Die Großmutter aber hatte, außer der Führung ihrer kleinen Wirthschaft und ähnlichen ^Werken, noch eine besondere Beschäftigung — sie stand jungen kreisenden Frauen in der Stunde ihrer Noth bei, natürlich uaentgeldlich, ja es durfte sich Niemand selbst nur durch eine kleine Aufmerksamkeit dankbar erweisen. 3n den letzten zehn Zähren war in der ziemlich großen Gemeinde sicher kein Kind geboren. obne daß meine Großmutter e« zsterst in der wollenen Windel gehaltm. Und da war Tag und Nacht gleich, und oft genug fand die Mitternacht, sie mit der Laterne durch die stillen, dunkelen Gaffen eilend, unverdrossen, auch wenn der Sturm heulte und der Regen niedertroff. Und welch' ein Frieden wohnte in ihrem Hause. Betrat man die Flur, so duftete Einem gleichsam die Reinlichkeit und die Stille entgegen. Man konnte „vom Boden essen", so war Alles blank und weiß, und ein Wort de« Aergernisse« hatte man dort gewiß in vielen Jahren nicht gehört. Mein Großvater konnte'eS durchaus nicht dulden, daß in feinet Gegenwart übel von Jemand geredet warb. „Kinder", jagt» er dann, „wisset Ihr nicht, waS in den Perokim steht?" „Beurtheile Jedermann von der besten Seite," und „beurtheile Niemanden, bevor Du nicht an seiner Stelle gewesen." Wer weiß, warum der Mann da« gethan, und was ihn dazu gezwungen, und wenn man nur erst wüßte, ob er e« so und nicht ander« gethan." — Und hatte der Mann eine Liebe zu seinem Weibe! WaS will die Liebe de« Jüngling« zu seiner Braut, wa« die Liebe de« ManneS zur Mutter feiner Kinder sagen — die Liebe de« Greise« für die gealterte Matrone, diese hingebende, jungfräuliche Liebe müsset Ihr sehen, um die Liede in ihrer Verklärung zu erkennen! . . E« fällt mir da immer eine Anekdote au« meine« Großvater« früherm Leben ein. Seine Frau war einst zu Verwandten verreist, und blieb weit über die besprochene Zeit auS. Ihr Mann war in beständiger Unruhe, endlich gekränkt und voll Aerger«. „Na, die soll man sehen," hörte man ihn wiederholt auSrufen, „wenn sie kommt, ich sehe sie gar nicht an, ich rede nicht mit ihr, ich bekümmere mich nicht um sie." . . Endlich fährt der Wagen vor, er stürzt hinunter, er hebt sie auS dem Wagen, er trägt sie auf den Armen die Treppe hinauf, und übergiebt ihr ein kostbare« Broche zum Eintritt in ihr Hau« als Geschenk. . . Und jetzt, wo die kleinen Leidenschaften des Lebens hinter ihnen lagen, wo jeder Tag, den Gott sie zusammen verleben ließ, wie ein Geschenk desselben dankbar ausgenommen ward, jetzt waren sie ganz Liebe und Frieden! Nur dann konnte er empfindlich werben, wenn sie, so sie deS Nacht« fortgehen mußte, ihn nicht weckte, fall« er sirß schlummerte, und sich von ihm nicht in alle möglichen Tücher und Mäntel einwickeln ließ. Wir waren früh verwaisete Kinder, und unsre Mutter hatte schwer zu tragen. Darum ruhete da« Auge deS Großvater« immer mit besonderer Liebe auf un«. Wie oft kam der alte Mann in die Schule, und wartete auf der Flur, dis die Schulstunde zu Ende, und wenn mein ältere, Bruder und ich dann fröhlich herauskamen, stand er da mit einer Düte Kirschen oder einer Handvoll Aepfel, die er un« reichte, und frug die Lehrer, wie sie mit seinen Jüngelchen zufrieden waren. Und am Sabbath und Festtage? Wenn .Mussapf zu Ende ging, hüpften wir aus der Abtheilung fitr die Kinder zum Großvater in die „Männerschul'," und während er den Schir hajicliud und den letzten Psalm murmelte, streichelte er unS die Wangen, und legte dann feine Hände auf unsre Häupter, wie Jakob auf Ephraim und Menasseh, und segnete un«, so inbrünstig, so mit dem Antlitz zum Himmel gewandt, so mit der Thrane im Auge — daß, ja daß ich glaube, wa« un« Gute« begegnete, und e« ist unS sehr viel Gutes im Leben begegnet — verdanken wir Deinem Segen, Du frommer, liebevoller Großvater, in dessen Herzen das Alter da« Feuer der Liebe nur mehr und hoher