Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 10 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches BvlkMatt. Hut JJpfcfjriuifl und lliUeröflfluiin auf jühischpm ssehiete. Hcrauegegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippsou in Magdeburg r rt» 4,\ 4 iij»jk i Bon tiffcT 3e»tj*riit erscheint wechenttich cine Rümmer. .Prci» de« N vr s— , A jl , . -i I ^10. 10. loOO. flaiifl« l Ifclt. aUcneliibrifl 7 Vt «*r. «Ue «uchvanNungen. Poslart.er l /. ^LNkg. 1. MUAklül.! »- -» unk Zcilunqservrrmo»ev nehme» ^efiellungea an. | L ~' •* » J ,t Die Großeltern. Bon R. Wie sich auch die Verhältnisse gestalten, das. .bleibt sicher: da« Juvcnthum ist nicht für den Glanz der Welt gemacht, und nur in der Einfachheit und Zurückgezogenheit des bürgerlichen Lebens gedeiht es. Wo der LuxuS in verschwenderischer Pracht durch Zimmer und Säle sich breitet und der schimmernde Flitter um dis Glieder der Eitelen sich leger; wo der Ehrgeiz die Menschen in die Höhe treibt, und im Spiele der Jnrriguen, im Schimmer der Großen feine Befriedigung sucht — da verkümmert da- Judemhum, und nachdem es sich zu einigen Phrasen verflüchtigt Kat. verschwindet eS ganz und gar. Wir wollen nicht in die ältesten Zeiten unsres Glaubens und Stammes zurückgehen, nicht erwähnen, baß bas h. Gesetz die Israeliten zu einem einfachen Bauern- und Hirtenvolke machen woslte, und selbst wenn es einen König sich einsetzen würde. Vorkehr rungen traf, daß derselbe die asiatische Ueppigkeit und jede Art von Eroderungelust vermeide; wir wollen nicht erinnern . daß, während der großen Kämpfe der Weltreiche in Asien unsere Väter, allen Handeln der Welt fremd, in ikrem umgrenzten Lande wohnten und nicht« als den Landbau^ die Lehre und das Gesetz pflegten, und ebenso durch das ganze Mittelalter hindurch al« reg- und strebsame Menschen in Handel und Wandel, aber dem wilden Treiben der Völker und ihrer Herrscher fern lebten, so baß sie in der Thal auf der Bühne der Geschichte nur erscheinen, wenn sie in heroischer Weise für ihren Glauben zu leiden hatten. Als sie in Rom, ehe'dasselbe christlich wurde, in die große Welt eintraten und als Philosophen, Künstler und Schauspieler, als Staatsmänner, Beamte und Soldaten bedeutenden Einfluß erwarben, was war das Ende dieser glänzenden Bestrebungen i was war der Ausgang ähnlicher Errungnisse in Spaniens Nachdem sie sich den Sitten der Völker angeschmiegr, dem Vakerlanbe glanzende Dienste geleistet, den Höfen mit Rath und That sich geopfert, in den Wissenschaften sich die bedeutendsten Verdienste erworben, wurden sie erst recht in den Staub getreten und mit einem Schlage aller Erfolge, alle« Besitzthums, selbst ihres Vaterlandes beraubt. Wir sind die Letzten, welche das schöne Streben der europäischen Israeliten, auf allen Gebieten des menschlichen Lebens sich emporzuringen, zu leisten, waS nur in ihren Kräften siebt, alle alte Schmach abzuthun, und da« Prinzip der Gewissensfreiheit und der bürgerlichen Gleichstellung an sich verwirklicht zu sehen, nicht zu billigen, ja zu rühmen wüßten. Ajlein wir glauben , daß die« nicht Iweiter geben dürfe, alS eben. die Pflicht als Mensch und Bürger es erheischt, baß eS aus dieses edlen Motiven hervorgehen müsse, um recht zu sein, daß jaber ulle« Weitere für Sittlichkeit und Religion vom Uebe^ ist. Wenn von unsren Glaubensgenossen jetzt Diele übet bas Maß. welches ihr wirklicher Besitzstand und ihre^Stellung im bür. -rlichen Led'en ihnen vorschreiben müßte, in i)rer äußeren Erscheinung und in der ihres ganzen Hauses feil hinausgchen, wenn Biele sich von Eitelkeit und Ehrgeiz beherrschen lassen, und nach Titel und Rang streben, die ihnen eigentlich nicht zukcmmen und durchaus keinen we enrlichm Werth haben, mit einem Worte, wenn ihrer so Diele nur zu prunken und zu glänzen streben: so ist dieein I «bäuerlicher Schade, der nicht bloS ihre eigenen Perloaerz trifft, sondern auch Religion und Sittlichkeit tief berührt,! und außerdem neues Vorurthei'l und neuen Haß hervorr^ft. E« ist daher nicht zü verwundern, daß bei solcher Bewandlniß der Blick de« Beobachters immer gern einmal . wieder in die Tage der Vergangenheit, zurückschweift, und alten aus Hen Nebeln der Erinsieht, welche sein Her; rühren leisen Flügelschlag des Friedens welche nichts gemein haben mir nd EarrPtzturen, die jetzt so häufig auS dem „Ghetto' oder! der „Gasse" hervorgeholt und der bizarren Mode des Tage^ zur Beute hingeworfen werden — sondern Gestalten, die iw ihrer liebenswürdigen Einfachheit, in ihrer tiefinnigen* Fiöi^migkeik, in ihrer harmlosen Seelengüte bezaubern. Je langer wir, dann im Geisteret ihnen verweilen, und die Bilder der Vergangenheit an uns vor» überschweden, und wir uns zurucktraumen-tn bas,' was gewesen, desto mehr stauben wir beim Erwachen über die Veränderungen, die seit! dreißig, vierzig Jahren vor sich gegangen, aber — ja, es^ ist Vieles anders, aber auch - besser worden i i Ich zählte neun Jahre, als mein Großvater starb, und ein halbes Jahr später >trug»> man auch'die Großmutter hinaus in das „HlluS def Ewigkeit", an den „guten Ort" . . . denn sie siechte i^re^r so urplötzlich verloreaeck Garten nach. Sie hatten, die lifben.Alten, ihre goldene Hochzeit gefeiert einige Jahre vorher, aber freilich! nicht, wie es jetzt geschieht, mit Sang und Ulang, sondern ganz im Stillen, nur mit den Ihrigen. Dennoch war mein Großvater, als er starb, erst dreiundsieber zig, und die Großmutter einundsiebenzig Jahre alt. Rei^n Jahre war ich, aber ich habe da auS der Kindheit Ge nerung vor sich auftauchli und seinen Geist auf deq emporheben — Gestalter jenen verkehrten Figuren