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Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 7 (1860) · p. Seite 26

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
7 (1860)
Date
1860-01-01
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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26 ligung gegkben, fo mögen fie immerhin «lS Warnungen dienen, und die Gefühle, die sich Ihrer H«r;en bemächtigt haben, zeigen am besten, wie Melk Gewissmsunruhen und Kümmernisse die Zukunft mir sich dringen werde. Ich kann «Eie daher nur ermahnen, vor Allem die Verzeihung de« DalerS mit allen möglichen Anstrengungm zu erlangen, und nicht eher Ihre Ehe zu schließen, als bis derselbe seine Einwilligung gegeben. Künden Sie ihm diaseS Letztere selbst an, schreiben Sie ihm. daß Ihre Flucht nur deshalb geschehen, weil Sie den Gedanken, auf immer getrennt zu sein, nicht zu ertragen vermochten, daß Sil aber ohne seine Zustimmung sich niemals verbinden werde». Halten Sie Hiera» unerschütterlich fest, und schon dieser Entschluß wird Ihre Seelen beruhigen, und Ihn.» das Glück der Liebe wieder zurückgeben. Doch soll eS meinerseits nicht bei dem Rathe bewenden. Ich komme in einigen Monaten nach Besanoon. und verspreche Ihnen, Ihren Barer aufzusuchen, und alle UeburedungSkunst anzuwenden, um «ine Versöhnung zu Stande zu bringen." 1 Ich verließ meine Schützlinge, um ihnm Zeit zu lassen, j über meine Worte nachzudenken. Eine Stunde später suchte! ich sie wieder auf und hatte das Vergnügen, sie jn ganz | veränderter Stimmung zu treffen. Wenn auch der Mann! noch etwas niedergedrückt erschien, so hatte sich doch Amalie j wie eine bürstende Blume, welche vom Thau des Himjnels benetzt worden, aufgecichter, und ihr schönes Angesicht war wie vom' Feuer der Verklarung gerölher. Sie trat mir entgegen, und indem sie mir mit eben so viel Grazie wie Würde die Hand reichte, erklärte sie mirdaß sie mit ihrem Bräutigam überein gekommen, meinem Rathe zu folgen und um jeden Preis, nur den ihrer gänzlichen Trennung nicht, die Einwilligung ihres Vaters zu erlangen, Md ihre Der-' dmdung nicht eher einzugehen, als bis ihnen! jene geworden. Sie haue guten Muth, sie verließ sich auf die Gnade des Himmels, zählte auf das Valerher; und im Nothfall auch auf meine Unterstützung. Als der junge Mann noch feine Zweifel äußerte und dies Alles §ür sehr vage Aussichten melt, ergriff sie feine Hände, schaute ihm voll innigster Liede in die Augen und meinte: „Wenigstens sind wir doch bei einander!" Unterorß hatte das Schiff den östlichen Busen des Herr- > lichen See'« erreicht. Eine hinreißende Scenerie lag vor > unfern Blicken da. Wir steuerten dem an einem Abhanges sich kinziehenden Vevay zu, welches das Ufec mit reizenden j Dillen, prächtigen HütelS besäet hat und über den mit ’ Orangen bepflanzten Markt einen Einblick kt das Innere j der Stadt gewährt. Da« ganze östliche Ufer, welche« der ' See mit seinen blauen Wellen unruhig dehrülr, rst mir Dörfern und stattlichen PensionShausern besitzt, in denen da« alte Schloß Ehillon keck über den Ser hinauStritt, und welche im südöstlichen Winkel mit der Skpdr Billeneuve enden. Während dieser ganze Halbkreis vdn grünen bewaldeten, mannichfach geformten Bergen umschlossen wird, senkt sich der Blick südlich über die Mündung der Rhone in da« Rhonethal hinein, bas durch den mächtig ansteigenden, mit ewigem Schnee bedeckten Dent du midi geschlossen wird, und schweift am Sübufer des See'« über die wunderlich gestalteten von Meillerie und da« Dent d'Oche, an deren Fuß da« Städtchen St. Gingvlphe sich in eine Felf,necke gekauert. Uebec den blauen See aber fliegen dl« Nachen mir v^ßen, dreieckigen Segeln wie Tauben mit auSgrbreiteten Schwingen. Alles war an die Brüstung des Schiffes getreten, um diesen unübertrefflichen Anblick zu genießen, in welchen versunken man die Welt, die Menschen, sich selbst vergaß. In Vevay gelandet, kamen die jungen Leute zu mir, um Abschied von mir zu nehmen. Unsre Wege trennten sich hier. Denn ich wollte sofort über Bern, Luzern und die GotthartSstcaße nach Mailand, wahrend sie sich in langsameren, weniger kostspieligen Tagereisen zuerst nach Turin begeben wollten, damals dem einzigen Orte in Italien, wo daS Mädchen seinen Uedertritt zum Iudenrhume bewerkstelligen konnte. Wir lauschten, bepor wir uns trennten, unsre Adressen auS, um un« in Mailand aufsinden zu können. Einige Monate später kehrte «ch dies Mal direct von Deutschland nach Mailand zurück, und suchte am Tage nach meiner Ankunft meine Schützlinge auf. Es kostete einige Mühe, fand aber dafür Alle« in bester Ordnung. Der junge Mann hatte bald Freunde und Annehmer gefunden und einen Laden nebst Werkstätte in der „Goldschmiedestraße" etablirt, Amölie aber bei einer Cousine für ein unbedeutendes Kostgeld untergedracht. Des Vormittags kam sie zu ihm, räumte ihm seine enge Häuslichkeit auf. bereitete auf einem kleinen Ofen die. Speisen für Beide und besorgte die Kunden, während er vom ersten Strahl der Sonne an in seiner Werkstätte hämmerte und schuf. Gegen Abend kam die freundliche Cousine, holte beide zu einem Spatziergange ab, bis sie sich an später Abendstunde trennten. So vergingen die Tage und die Aussicht in die Zukunft wäre die erfreulichste gewesen, wenn nicht die Nachrichten auS Frankreich gleich ungünstig geblieben. Zwei, drei Briefe voll der demülhigsten Birten, voll der innigsten Beschwörungen blieben unbeantwortet, zwei folgende kamen unerbrochen zurück, und al« sie einen abermaligen Versuch auk einem Umwege machten, kam ihnen die kurze und barsche Weisung zu, mir ihren Briefen nicht mehr, zu behelligen; eine fremde Hand harte dievvenigen Worte geschrieben, aber der Vater seinen Namen darunter gezeichnet. - So war alle ihre Hoffnung auf den Beistand zusammengeschrumpft, den die Leutchen von meiner persönlichen Dazwischenkunft erwarteten, was die jungen, sehnsuchtsvollen Herzen freilich oft nicht hindern konnte, beinah zu verzweifeln. Demungeachret stand ihr Entschluß, sich nur mit der Einwilligung ihres Vaterö zu verehelichen, unerschütterlich fest,.und gerade das Bewußtsein dieser Pflichterfüllung erhielt sie aufrecht, wahrend der Gedanke, daß hiermit allein der Segen des Himmels für sie verknüpft fei, ihre ganze Seele durchdrungen hatte. Ich versprach ihnen', Alles zu versuchen, was in meiner Kraft stehe, da eS mir aber unmöglich ist, Verheißungen zu machen, so konnte ich ihnen nur sehr schwache Erwartungen hinterlassen. Ich traf endlich in Befan^on ein. Obgleich ich gewohnt war, in dem ersten ^Hörel der Stadt abzutreten, schlug ich die« Mal doch mein Quartier in dem Hütel de l'Aigle rouge auf und betrat neugierig das Vaterhaus Am«- lie'S. Es war nur ein Gasthpf dritten Ranges, aber man merkte ihm doch eine gewisse Behaglichkeit und Reinlichkeit an, die man in französischen Herbergen nicht sinder, dagegen für eine alte deutsche Eigenthümlichkeit ansehen darf. Der Wirlh war ein kugelrunde« Männchen, da« aber bereit« in die Falten zu gehen begonnen, dessen Antlitz det Sitz einer schalkhaften Gutmüthigkeit zu sein schien.

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