Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 7 (1860)
- Date
- 1860-01-01
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- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Volksblatt. Z-r Retehrung und Unterhaltung auf jüdischem Gebiete. Herausgegeben von Rabbiner Br. Ludwig Phili-psou in Magdeburg. sRo. 7. 1860.j Be» dirsrr Zeitskdrisl rrstdeia« wochnttlich rin« Nummer. Preis de« Jabr» gauzS I THIr. Vierteljähri- 7 £ Ngr. »l>e Buchdaakluugcu. Postämter und Zrilunft-expedilioueu urhmeu Bestellungen an. [7. Jahrg. 1. Quartal] Die Proselytin. (Einer wahren Begebenheit nacherjählt.) (Schluß au« No. 6.) Alsie in Neuenbürg weilten, um Auf die Antwort des Oheimaus Mailand zu warten, fanden sie bei der Rückkehr von einem Spatziergange einen Theil ihrer Habfeligkeiten gestohlen. Amölie harte bei ihrer heimlichen Flucht aus dem Elkerndaufe nur wenig mitgenommen; aber darunter befanden sich alle die kleinen Geschenke und kleinen Andenken aus ihrer Jugend, welche, an sich von keinem großen Geldwrrthe, doch für sie eine unendliche Bedeutung hatten. Alle diese waren entwendet, als ob eine grausame Hand auch das letzte Band hatte zerschneiden wollen, welches sie an die Heimath knüpfte. Ein Glück war es dabei nur zu nennen, daß der junge Mann seine Baarschaft stets bei sich trug, diese also nicht in die Hände der D«ede gefallen. — Kaum hatte sich das junge Paar darüber zu beruhigen begonnen, als ein Brief aus Mailand einlief. Ader er war nicht von der Hand des Oheims geschrieben, sondern von einer fremden im Namen von besten Frau, und kündete ihnen den vor Kurzem erfolgten Tod de» Oheims an. Allerdings habe derselbe das kleine Vermögen seines Neffen festgestellt, und mit den Zinsen vergrößert, auch selbst eine Gab« hinzugefügt, die Tante aber sei eine schwache, alte Frau, die sich um die Angelegenheiten des ihr ganz fremden Neffen ihres seeliqen Mannes nicht bekümmern könne, und jede besfallsige Behelligung sich verbitten müsse. Tief erschüttert machte sich nunmehr alsbald das Paar auf die Weiterreise mich Mailand, und hier war es, wo schon in Morges dey jungen Mann der erzählte Unfall betroffen harte. Odschon ohne weitere Folgen machte doch dieses letzte Eceigniß einen tiefen Eindruck auf die Gemürher der beiden jungen Leute. Es wachte in ihnen das Gefühl auf, daß sie ein großes Unrecht gethan; es regte .sich der Gedanke, daß die göttliche Vergeltung sie deshalb verfolge und ihr Herz ward von der Furcht erfüllt, daß jeder weitere Schritt sie zu immer gewisserem Verderben führen werde. Ohne einander Vorwürfe zu machen, war doch bas. was ihre Seelen bewegte, zu Worten gekommen, Thränea waren geflossen, und jene Störung eingetretm in dkr-Innigkeit ihres Verhältnisses, welches mir aufgefallen und die Erzählung ihrer Schicksale veranlaßt hatte. „Mein Herr!" fügte der junge Mann seinem Berichte hinzu, „Sie haben mir das Leben gereuet. Sie haben sich uns auch jetzt freundlich genähert und sind mit Aufmerksamkeit meinem Berichte gefolgt — Sie haben eia warmes-, offenes Herz, und d«r Umstand, daß Sie zugleich Landsmann und Glaudenisgenosse sind, flößt mir unbedingtes Vertrauen ein — gechiß Sie hat uns Gott in unserer Noth gesendet, um unsere Zweifel zu lösen, und uns ans der unsäglichen Bangigkeit zu reuen, welche sich unseres bemächtigt hat. Was denken Sie von unsrem Schritte, was rathen Sie uns, zu chua; welchen Plan für unsere Zukunft sollen wir verfolgen?!. .. Amslie hatte den Worten ihres Geliebten aufmerksam gelauscht; sie fügte kein Wort hinzu; aber sie hob letzt ihr thränenvolles Auge zu mir auf, als ob sie die Bitte bestätigen und meine Gedanken errathen wolle. Nach einigem Nachdenken sprach ich: „In einer für Sie so wichtigen und entscheidenden Angelegenheit halte ich es allerdings für Pflicht, Ihnen unumwunden meine Ansicht mitzurheilen. Was den Uedertritt Amslie's zue Re, ligion des ihr so theuren Mannes betrifft, so habe ich Nichts darüber zu sagen. Ach.billige keinen ReliglonSwechsel, da er in so überaus seltenen Fällen auS wirklicher Ueber» zeugung hervorgeht, und eS einem Jeden innerhalb seiner Religion ober Kirche>gestattet ist, seine Ansichtenzu verändern und zu klaren, ivie eS die Weiterbildung seines Geistes mit sich bringt. Ad^r ich kann mir wohl denken, daß ein Weib sich in die Gedankenwelt und Anschauung deS von ihr über Alles geliebten Mannes so hineinlkden könne, daß ihr diese wie zur eignen Natur wird, und dämm die Bedingung eines glücklichen Ehebundes, die Einheit auch in der Religion ihr zur ^Nolhwendigkeit werde. Jedenfalls ist dies «ine Sache, die der Mensch mit seinem Gotte adzumachen hak, und' worüber ein Anderer ein Urtheil nicht fällen darf. Anders ^verhält es sich aber, da Ihr Euren Bund wider Willen, Eurer Ellern, und gar durch eine heimliche Flucht schließen wollt. Ich halte dies für eip« große Sünde, und kann einem solchen Schritte nur die schlimmsten Folgen Voraussagen. Die Rechte der Eltern sind so geheiligt, sie sind durch ein« lange Reihe so großer Aufopferungen, so innigerHingebung, so außerordentlicher Wohltharen und Dienstleistungen erworben, daß keine Leidenschaft der Wett es zu rechtserkigrn vermag, wenn sie hintenang», setzt und gebrochen werben. Weiß das Herz es voraus, wie lange das neue Glück bauern, wie lange bas neue Bano halten werde, um d§s alte mit der Geburt geknüpfte zerreißen zu dürfend . . . Wenn ich daher die Unglücksfälle, die Sie betroffen habsen, nicht geradezu für unmittelbare Strafen des Himmels ausihen kann, da all^ Dies ja hätte ewlreten können, auc^ wenn Auielie'S Daker feiue Eiuwil-