Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 6 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
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T’~ * Gelegenheiten zu geben pflegt, schnej Alles auf, und stand unbeweglich. DaS Mädchen darre ^on der Brüstung aus den Vorgang angesehen, und ihr Le zweiflungsschrei schnirr mir rief durch das Herz. Ohne m ch zu besinnen, warf ich Uederzieber und Rock ab, spran. die Treppe hinunter, und ins Wasser hinein. Eben rauchte der Verunglückte eine Strecke hinter dem Dampfvooc wieder in die Höhe, als guter Schwimmer rbeilre ich rask die Wogen, erreichte ihn, ergriff ihn am Kragen seine- Rockes, und schleppte ihn hinter mir her. Der Nachen k m mir zu Hülfe, und einige Augenblicke später befanden w r uns am Bord de- Schiffes. Ich ließ mir meinen R'isesack in Die hintere Kabine der Kajüne bringen, und i leidere mich rasch um. Ein Glas heißen Punsches wärmte mich wieder und ich kehrte froh und leicht auf das Verdeck zurück. Die Scene harre sich geändert, die Sonne hatte t en Nebel durchbrochen, der sich nur noch um dre Spitzen der Felsen und um die Sonnenglan; lag auf 22 - Gipfel der Berge ballte. Goldener dem See. da« rasch vorwärts eilende Schiff ließ weite Silberftirchen hinter-sich, die Luft wchere warm und duftig, Alles versprach einen herrlichen T>. Die jungen Leute, um die mir das gütige.Geschick p ötzlich ein so schönes Verdienst zugewocfen, waren nicht ot en, und bald hatte ich ihrer vergessen, da ich mit einigen Mitreisender^, die mich angeredet, in interessante Gespräche »erwickett ward. MS ich aber eine Stunde später nach denf zweiten Verdeck hinüberging, das heute ziemlich leer von! Leuten war, bemerkte iw das Paar auf der Bank sitzen; «der sie waren adgewendet von einander, dem Mädchen liefen von Zeit zu Zeit Thränen über die Wangen und dek junge Mann schien traurig und in sich versunken. Als mich dieser deim Na'dertreren erblickte, sprang er auf, eilte zu mir heran, und drückte semr Dankbarkeit in den lebhaftesten Worten aus. Dennoch lag in seinen Augen eine so^ düstere Scha?ermutb, als ob sie sagten: hattest du mich dpch lieb» drunten ge-! lassen. Au» da« Mädchen war kerangerreren, aber sie stand schweigend und mir gesenktem Haupte. Ich hatte an der Physiognomie des jungen Mannes alsbald den jüdischen Glaubensgenossen, und an dem geläufigen, aber fremdaccentuirten Französisch den Deutschen epkannr, und diese doppelte Gemeinsamkeit zog mich um st mehr dem hübschen und doch so traurigen Paare zu. Nach einigen Redensarten. die bei solcher Gelegenheit gewiöhnUch sind, gab ich miG ihm als Deutschen und Juden zu erkennen, und ftug \ bald offen nach der Ursache des Kummers, der. sich in ihren Zügen sd deutlich aussprach. „Ich danke Ihnen für Ihre warme Theilnakme," er- , wiederre der junge Mann. ..und da tziir Alles bezeugt, daß ich vor einem wahren Menschenfreunde stehe, so mag ich nicht zögern, Ihnen mir aller Offenheit unsre Geschichte mitzurheilen. Sie werden uns Zhrcst Rath nicht vorenthallen, und Ihr Ausspruch wird uns ein Fingerzeig der Vorsehung sein, dir.Sie uns zugesandt har. Doch gestatten Sie mir, baß ich in französischer Spache fortfahre, damit meine rkeure Amölie Alles verstehe,!was ich zu Ihnen rede."! Die jungen Leute ließen sich wiedir auf die Lank nieder; während ich mich vor ihnen aüf einen Sessel setzte, welchen der jung« Mann schnell her! eigeholt hatte. Die Erzählung desselben lautete ungefähr fllgendermaßen/ .Ich bin in einer Provinzialstadr Kurhessens geboren. und hatte meine Eltern frühzeitig verloren. Nachdem ich herangewachsen und die Goldschmiedekunst tüchtig erlernt harre, händigte mir mein Vormund mein kleines elterliches Erbrheil ein, und hieß mich unter Gottes Schutz auf die Wanderschaft gehen. um irgend wo mein Glück zu begründen. Durch mancherlei Noch und strenge Zucht meines Lehcherrn früh belehrt und besonnen gemacht, sandte ich mein bischen Gut an einen Oheim in Mailand, der sich mir immer durch freundliche Zuschriften und kleine Geschenke als therlnehmender Verwandler bewiesen Halle, indem ich bei ihm einst das Endziel meiner Wanderjahre aufzusuchen gedachte. Leichten Murhes pilgert, ich nach Frankreich hinein, arbeitete eine Zeitlang in Paris, um mich in meiner Kunst auszubilden, und fetzte dann meinen Wanderstab durch die bedeukrndsien Städte weiter. So kam ich auch nach Besam, on, wo ich eine so gute Condition fand, baß ich länger als ein Jahr dorr verweilte. Es machte sich bald, baß ich dort ein WirthShauS auffand. welches ein Deutscher hielt, der sich hier verheiralhet und niedergelassen hatte. Sie wissen, was es heißt, einen Landsmann auf fremdem Boden finden, und weichet Zug des Herzens in Kurzem Beide aneinander kettet. Der Wirth liebte es, mir mir von Zeit zu Zeit einmal wieder deutsch plaudern und sich der Heimarh mit allen ihren Sitten und Eigenheiten, welche eine lange Entfernung in schönstem Lichte zu zeigen pflegt, erinnern zu können; er nahm es mir meiner Zeche nicht so genau, und so kam es bald, daß ich alle meine Freistunden bei meinem Landsmann und dessen Familie verbrachte. Ach, mein Herr! ftjhr der junge Mann fort, ein Glied dieser Familie war Amelie, indem ec auf diese wies, die ihren Kopf in ihre Hand gesenkt harre, und Sie erralben leicht, was noch folgt. Ich konnte nicht lange in dieser liebenswürdigen Familie weilen, ohne daß mich die innigste Liebe zu Amölie erfüllte, deren Herz i mir allen Tugendew geschmückt ist. Aber auch sie hatte eine wahrhafte »Neigung zu mir gefaßt, und dies konnte uns nicht lange verborgen bleiben. Wir gestanden uns unsre Liebe und sicherten uns ewige Treue zu. Unsre Hoffnungen waren die günstigsten; denn da ich meine Kunst tüchtig verstand, mein Betragen vorwurfslos und ich auch nicht ganz ohne Mittel war, da der Vater Amölie's mich liedgewonnen, und auch als junger Mann hereingepilgert war, so konnte uns seine Einwilligung zu unsrer Verbindung nickt | fehlen. Wir wurden dessen um so gewisser, als es uns nicht zweifelhaft blieb, oaß er die Neigung unserer jungen Herzen gewahrt habe, und da er fortfuhr mich auf's Freundschaftlichste zu behandeln, ja,, wie ich glaubte, sich mir noch zugethaner zeigte, konnten wir auf seine Zustimmung rechnen. Da war es, als mir mit Einem Male in die Seele fuhr, daß die Verschiedenheit unsrer Religion dock ein Hinderniß abgeben konnte. Ich gestehe Ihnen offen, daß ich meinem Glauben niemals ganz entfremdet ward; das kleine Gebetbuch, welches mir mein Vormund mit auf die Wanderschaft gegeben, war stets bei mir geblieben, und ich unterließ es niemals, so oft ick unbeachtet sein konnte, eijri'gst mein Gebet zu verrichten. Als ich vor meiner Abreise auS der Vaterstadt die Gräber meiner Eltern noch einmal besuchte, und weinend auf dem Rastu lag. der ihre körperlichen Hüllen deckte, hatte ich mir feierlichst gelobt, daß ihr Andenken mir ewig theuer und gegenwärtig bleiben solle, und daß mich Nichts auf der Welt von der Religion meiner Vater tren- <