Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 6 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Volksblatt. Zur .Nelehrung und Unterhaltung aus jüdischem gekiete. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Magdeburg. r i>» ,» i i Bon tiefer *icitf(brit( rrfcbeiai irwbentlt<S time 9}ummrr. Prci» des Clabt» I UiD O. 1 Xhll I gang» l Tilr. BitNtljahrig; y. -igr. Alk Buchhanklungou. Poftämror t. J uite .-feitiragscxrctittoneu nchmcn BrftcUungon an. [7. Jahrg. 1. Quartal.] Die Proselyün. (Silier trabren Gegebenheit uadjerjablt.)! Ich kann nicht sagen, baß ich gern in Mailands verweile. Hat man wiederholt den bewunderungswürdigen ' Dom aus weißem Marmor mit seinen Tausenden von Bildwerken betrachtet, und seine eben so eleganten, wie erhabenen Formen auf sich wirken lassen; hat man den von Napoleon erbauten und von Kaiser Franz vollendeten Triumphbogen in Augenschein genommen und sich mit der trefflichen Gallerte Brera vertraut gemacht, die berühmte Scala gesehen, und die weitläufige Stadt mehrmals durchwandert, so fühlt man sich in Mailand unbehaglich, ja > gedrückt. Wer über die Alpen gestiegen, und die Seen Oberitaliens besucht hat, ist an so großartige Schauspiele, an so merkwürdige Kontraste der wildesten und rauhesten \ und der lieblichsten, reizendsten Scenerien gewöhnt, daß! sein Auge, selbst von dem Thurme des Doms über die > weite lomhardische Ebene ohne Anregung schweift, noch, dazu, da von diesem hohen Standpunkte aus eS nur sei-! ken glückt, einen Blick auf das Gebirge des Simplon und! des Monterosa zu erhaschen. Dazu kommt, daß Mailand 1 eine abgesetzte Königin ist, die ihre Entthronung tief fühlt,; und da diese noch nicht lange genug her ist, um die Spu-! ren des Alterin der äußeren Erscheinung schon sichtbar! zu machen, den Derbruß und Aerger um so kenntlicher an j sich tragt. Die Bevölkerung ist unruhig, besonders srem-! dengehässig, und an ihrem ganzen Gebahren erkennt man,! wie feindlich sie insbesondere gegen den Deutschem gesinnt sind. Trotzdem habe ich dies Mal in Mailand sehr angenehme Tage verbracht und zwar weil eS mir vergönnt war, betrübten Herzen eine große Freude zu bereiten. Gestatte mir daher, lieber Leser, Dir den Vorgang zu erzählen, und lege es mir nicht als Dünkel zur Last, wenn ich zuvor noch Einiges über mich selbst berichten muß. Die Geschäfte, die ich betreibe, nöthigen mich, jedes Jahr zwei oder drei Mal Paris zu besuchen, von da auS nach einigen französischen Provinzialstädten zu gehen, und dann über Genf, Bern, Luzern und die Gotlhartsstraße meine Route nach Mailand zu nehmen, wo ich den ersten Endpunkt meiner Reise erreicht habe, um von dort nach einiger Frist zur deutschen Hekmatk zurückzukehren. Als ich auf meiner vorletzten Tour in Genf das Dampfboot bestieg, um über die blauen Wellen des See's nach Devay zu eilen, und von dort auS die Courierpost zu benutzen, war es noch sehr früh am Morgen; ein dichter Nebel bedeckte Landzunge gerheilt Glieder getrennt werden. hüllte die Ufer des See's <jip, so daß Ol' deren unbeschreibbaren Reize verhüllt waren!, uüd die ersten Strahlen der Sonne die Dämmerung kdum zu verscheuchen vermochte. Es that mir dies leid, denn so oft ich auch diesen Aüblick schon genossen habe, so kann sich doch niemals meine Seele sättigen an dem herrlichen | Gd^aufpiet, welches Genf barbieret, wenn man es von dem den Hafen verlassenden Dampfboot aus betrachtet.! Ringsum erheben sich auf den Quais die großartigsten Gebäude, die von der Rhone, welche mit tosendem Wasserschwall um eine mit Gebäuden auS dem See «stürzt, in drei Man wirft durch diese Spalten einen Blick in die Altstadt mit ihren dunklen Gassen und alrerthümlichen Häusern. Links aber liegt die imit Pappeln bepflanzte Rousseau-Insel, auf welcher die erzgegpssene Statue dieses sentimentalen Denkers in sitzender Stellung auf hohem Piedestal sich erhebt. Von der einen Seite lehnt sich die Stadt an die steinerne Mauer des grand Salbve, dessen Felsenflanken sich wie von menschlicher Hand geglättet ln die Wolken erhebe«; rechts>aber steigen grünbewaldete Berge an und bilden einen tyohlthuenben Hintergrund. Die Stadt - verschwindet allmälig unfeijn Blicken; wir wenden uns um, und vor uns breiten sich me rauschenden Wogen des See's aus, welche himmelblau und mit weißen Schaumspitzen ewig wechseln, rechts folgen die starren zackigen Felsen und Nadeln des Jura, einer nach dem anderen, einer höher als der andere, und bei etwaigen Spalten, den Einblick auf immer größere Massen gewährend, während-links das reizend angebaute Hügelland Billa auf Billa, Park nach Park, Dörfer und Städte zeigt.! Aber vo« allem Diesem war an diesem Morgen kein- Gedanke; könnte man dpch kaum vor dem dichten Nebel das Verdeck Entlang sehen. Wir langten nach einer Stunde bei Morges ^an, wo die. Eisenbahn von Dverdon endet und ihre Passagiere dem Dampfboot überweist. Ein Nachen brachte mehrere Reisende än da« Schiff, und wie gewöhnlich umstanden die Leute die kleine Treppe, welche auf das Schiff hinaufführt und die von dem feuchten Nebel naß geworden, um die Ankömmlinge zu mustern. Ein einfach gekleidetes junges Frauenzimmer betrat die Treppe zuerst, ein junger Mann reichte 1 ihr auS dem Nachen ihre Hadseligkeiten, trat dann auf den Rand des Nachens, um ebenfalls hinauf zu gelangen. Sei es nun, daß er auf der untersten Stufe ausglitt, oder daß der Nachen von den unruhigen Wellen allzusehr hewegt ward, und dem Fuße des Reisenden eine gefährlich« Stütze bot, im Nu lag der junge Mann im Wasser, und > verschwand. Wie es bei solchen