Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1860)
- Issue
- 4 (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
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15 häufig wählen, um nicht für wohlhabend gehalten zu werden. Don den Moslimin werden sie, wie es der Koran geboren hat, verachtet und sie selbst glauben sich von den Juden gehaßt, daher das Sprichwort in Aegypten: „Er haßt mich mit dem Hasse eines Juden." Wenn der Aegypter seinen trägen Esel am heftigsten schmähen will, nennt er ihn einen Juden. Lane erzählt eine Begebenheit, die ein entsetzliches Bild, in welchem Zustande die Juden gegenüber der ägyptischen Gerichtsbarkeit sich vor einigen Decennien noch befanden, aufroUt: Ein türkischer Soldat mußte etwas Geld umwechseln, er ging zu einem Moslem, der Geldwechsler war, dieser gab ihm tückische Goldstücke und berechnete jedes Stück mir 16 Piastern. Er ging nun in einen andern Laden, um Lebensmittel einzukaufen, der Kaufmann jedoch weigerte sich seine Goldstücke mir 16 Piastern anzunehmen, indem ec ihm sagte, daß sie schon lange nur 15 Piaster werlh seien. Der Soldat trug dieselben schnell zu dem Wechsler und verlangte für jedes »Stück noch einen Piaster. Der Geldwechsler jedoch wollte ihm nichts (geben. Zornig darüber verklagte ihn der Soldat beim Pascha, welcher ihn sogleich holen ließ. Der Wechsler widersprach der Thatfache nicht, und entschuldigte sich damit, daß alle Wechsler der Stadt dasselbe thäten, und auch er selbst habe diese Stücke um den Preis von 16 Piastern gekauft. Der Pascha jedoch, der ein strenges Beispiel geben wollte, machte mit der Hand ein Zeichen, welches bedeutete, daß der Angeklagte enthauptet werden solle. Der Dolmetsch jedoch hatte Mitleid mit dem Manne, er bat den Pascha ihm das Leben zu schenken. „Dieser Mann thut das, was jeder BZpchSler in der Stadt thut," sagte er, „ich selbst habe gestern diese Goldmünzen um denselben Preis gekauft." — „„Don wem?"" fragte der Pascha. „Von einem Juden, mit dem ich seit Jahren Geschäfte mache," erwiederte der Dolmetsch. Der Pascha ließ dev J^den holen und veructheille denselben an der Stelle des Moslem. Vergebens flehte der Dolmetsch um dessen Leben; der Pascha wollte ein strenges Beispiel geben, und zog es vor, einen Juden hinrjchten zu lassen. ' „Ich sah," schließt Lane, „den armen Mann an dem Festster eines öffentlichen Brunnen hängen. Das Ende des Strickes war an der obersten Stange gebunden, und so wurde er hinaufgezogen. Seine Verwandten boten alles auf, den Unglücklichen zu retten, konnten jedoch nichts anderes erlangen, als daß sein Gesicht dem Fenster zugewender wurde, damit die Vorübergehenden ihn nicht sehen konnten. Alle, die den Unglücklichen kannten, betrauerten ihn, denn er stand in großer Achtung. Er hinterließ eine Familie in hilfloser Lage, welche der Dolmetsch immer unterstützte." Die Juden in Aegypten zahlen der Regierung, so wie die christlichen Kopten einen Tribut, dafür sind sie vom Militärdienste befreit. Der Hat humajum vom Jahre 1856, der alle Unterthanen des türkischen Reiches, welchem Glauben sie auch anhangen, gleichstellt, ist, trotz wiederholter Aufforderung der hohen Pforte vom Direkönig noch nicht kundgemachr und zwar zur Freude der Juden und Kopten, weil sie dann wohl vor dem Gesetze gleich, aber bann auch verpflichtet wären, Militärdienste zu leisten. Mohammedaner und Christen kaufen gerne die Maaren bei den Juden, weil höchst selten eine Klage gegen ihre Gewichte und Maße vorkommt. Die jüdischen F»uen und Mädchen, die sich auf^r Straße, wie die Mohammedanerinnen kleiden und verschleiern, in ihren Häusern aber, wenn auch männliche Besuche kommen, sich unverschl^iert sehen lassen, genießen des Rufes der Keuschheit und der Tugend. Keine noch so. Arme finkt so tief, daß sie ein Abscheu ihres Volkes würde. Die Juden und. Jüdinnen in Aegypten haben ein meist aufgedunsenes, bleiches Wesen; die Aerzte schreiben diesen Umstand dem zu, -aß sse mit Vorliebe sehr fett geölte Speisen genießen. | Die Moslimin lagen dm Juden nach, daß sie geizig, j aber redlich in Erfüllung eingegangener Pflichten sind; sie 1 erkeniien ihnen auch, trotzdem sie ihnen als Ungläubige .gelten, mehr Religiosität als den Christen zu,-welche wie der Koran aussprichn „Gott Genossen zugeschriebm haben." Die politischen Zustände der Juden haben sich bedeutend! verbessert, namentlich seit der Zeit, als sich wenigstendie Wohlhabenden unter den Schutz europäischer Mächte begeben haben. Si«^ erfreuest sich des Schutzes von Oesterreich, von England, von Frankreich. Ihre gesellschaftlichen Zustände werden noch lange -rückend bleiben, indem sie zurückgezogen in ihren Familien leben und streng, außer im taufmänni-; schm Verkehre, jeden Umgang mit Mohammedanern und! Christen meiden. - - > Benjamin von Ündela und Makrizi sprechen in ihren; Reisewerken von ein^c Synagoge in Cairo, von der zu ihrer : Zeit überliefrrungswst'se angenommen war, daß sie 335 Jahre nach Alexander dem! Großen gegründet worden sei, also 45 . Jahre vor per Zerstörung des zweiten Tempel«. In dieser l Synagoge wird eiste »walte, auf Pergament geschriebene Thorarolle besonders verehrt, man halt dafür, daß sie Esra geschrieben habe. [ In Cairo bestehen zwei jüdische Gemeinden, dis der! Karaiten und die dex Rabbaniren die ersteren waren im 15. Jahrhunderte sehr zahlreich, jetzt sind sie auf etwa-50 i Familien zusammengeschmolzen, sie sind meist sehr arm und noch ärmer an jedem Wissen. An der Spitzender Hauptgemeinde in Cairo, welche 300 Familien, beiläufig 1500 Seelen zählt, steht ein Rabbine. Er allein Administrier und spricht Recht, ohne Jemandem verantwortlich zu sein. Die meisten Juden Cairo'« sind ärm. Viele leben von dem, was ihnen, der Zufall als Arbeitslohn befcheerr; sie sind Last- und Wasserträger. Handwerker finden sich nur wenige, und diese si»d Seidenweber und Uhrmacher. Eine große Anzahl sind Geldwechsler, Sensale und Kausieute. Das HauS Pinto ist ein reiches, angesehenes^Bankhaus. Der Kunst ober1 hat sich^ von den ägyptischen Juden, die her niederen Bildungsstufe nach ihrm; Glaubensgenossen im ganzen Oriente gleichen, kaum noch einer gewidmet/ wenn wir den einer europäischen Familie abstammenden Doctsr Rosst nennen, welcher der Leibarzt Seiner Hoheit Halij Pastha's ist. In Cairo bestehest acht Synagogen, darunter eine karaitische. In früheren Jahrhunderten war eine größere Anzahl derselben vorhanden;, aber die Zeit, die Sorglosigkeit, wenn sich die Nothwendig! eit zu Reparaturen herausgestellt hat, vor Allem aber die Abnahme der jüdischen Bevölkerung hat sie auf die eben genar nre Zuhl heradgeminbert. Unter ihnen sind zwei, die durch ihre Größe und würdige Ausstattung ansehnlich sind. In einev-diestr-beiden Synagogen ist ein