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Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 3 (1860) · p. Seite 10

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
3 (1860)
Date
1860-01-01
Page
Seite 10 (sequence 2)
Language
German
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10 vier Stunden von der Heimath entferne, dazu war ein Gewitter im Anzuge. Rasch ließen sie die Pferde ausgreifen, die durch das Wetterleuchten und das Grollen des Donners erschreckt im Kluge dahineilten. Die Reiter konnten aber dem wolkenbruchactigen Regen nicht entfliehen, sie suchten nur noch die Brücke über die Riß zu gewinnen, denn auf dem Moorgrunde Oberschwsbens schwellen die Flüsse rasch.an und machen die Passage gefährlich. Als sie der Brücke sich näherten, war die Straße schon von dem ausgetretenen Flüßchen überfluthet, und sie kamen noch zur rechten Zeit, um zu sehen, wie eine Chaise die Brücke passiren wollte, der Kutscher aber, wegen des trüben, die Straße ^übecflukhenden Wassers, den Weg verfehlte, die Kutsche ^mwarf, und deren Inhalt, ein älterer Herr, fiel in den Fluß. — Abraham und sein Knecht sprengten ihre kräftigen Thiere in die Wogen' und ersierer war so glücklich, den von den Wellen fortgerissenen an seinem langen Haarjvpfe zu fassen und mit Anstrengung aller seiner Kraft zu sich aufs Pferd zu reißen, das mir seiner Dippellast das jenseitige Ufer gewann. Die Rettung war das Werk einiger Minuten, der Knecht und der Kutscher äber harren längere Zeit mir dem rodenden Elemente zu kämpfen und eines der Pferde am Wagen war ertrunken, nur mit großer Mühe und Gefahr war das andere mit der Christ än's Ufer gelangt. — Wer beschreibt aber das Erstaunen Abrahams, als er in dem Geretteten, den er halderstaart in den Armen hielt, den gestrengen Herrn Baron ä. L., seinen edlen Schutzpatron erkennt. Er spricht im Herzen.„8am su letofoh" d. h. „was Gott thur, das ist wohlgerhan!", dringt den Herm Baron in's nächste Dorf, wo er in einem Wirthshause ihn unrerbrachte. Der Herr Baron war etwas derangirt, die Kleider waren durchnäßt, die Frisur durch den festen Ruck durch Abrahams knochige Hand ziemlich verzaust, der Puder tkeikweist als Teig über das Gesicht geflossen und das Gebahren des Reichsbaronen war mehr komisch, als tragisch. Diestr dankte seinem Lebensretter, bat ihn^ rasch nach Hause zu eilen, den Vorfall im Schlosse zu berichten und Hilfe zu senden; ihn aber den Lebensretter entbot er auf den morgenden Sabbarh zu sich ins Schloß. Durch diesen Vorfall chatten Abrabam und sein Knecht sich verspätet, schon hatte der Svnagogenrufer an alle Thür ren „zur'Schule" gepocht, Alt und Jung wanderte im Sabbathgewand zum Gotteshaus, die siebenarmigen Sabbathlampen spendeten ihr gemürhlicheS Licht auf die Straßen, der Gottesdienst war begonnen und noch war Abraham nicht gekommen; — feine Angehörigen waren ängstlich besorgt qnd der Vorderer, als ec an die.letzte Strophe des Lecho dodi, des Sabbathlieds, kam, mußte warten; denn damals ivaren die Sabbathschander noch selten und die ganze Gemeinde wartet« auf einen, der ohne eignes Verschulden sich verspätete. Endlich kam Abraham im durchnäßten Werktaggewande, Vorderer und Gemeinde sangen nun die letzte Strophe im Chor: „Boi bescholom." Komm in Frieden, Gattenzierde. Böller Frenke, voller Würde; Gläubig Lolk es ruft nun taut: ' Gottwillkommen Sabbathbraut! Freudig sang Abraham mir, wonnig durchschauerre es ihn, als der-Vorsänger die Worte des Psalmisten reciticte: „Es erheben Strome, Ewiger, erheben Ströme ihre Stimme, Ströme erheben ihr Gebraust. Vor dem Rauschen großer Gewässer, dm gewaltigen Brandungen ist erhaben der Ewige in der Höhe!" Der Gottesdienst war beendet, Abraham hatte fein Abenteuer erzählt, Alles gratulirtt ihm „jetzt erhälst Du Deinen Schutz!" Freundliche Nachbam. hatten es eiligst der um ihren Bräutigam besorgten- Braut berichtet, die mit Thränen der Freude im Auge ihn begrüßte. Am Sabbarh Vormittag nach beendetem Gottesdienste stieg Abraham ftohen Herzens den Schloßberg hinauf in das freiherrliche Schloß. Der Kutscher und das ganze Gesindepersonal begrüßten ihn freundlich und erwürbe sogleich zum Schloßherrn geführt, der den Eintretenden huldvoll empfing. „Ich habe Dich erwartet," sprach der Baron, „Du hast mich gestem aus einer Gefahr errettet, ich werde Dic's gedenken und wenn ich Dir nützlich sein kann, wende Dich an mich!" Abraham entgegnete, daß er gerne sein Leben für den gnädigen Herm wage und schüchtern brachte er seine Bitte um Verleihung des Schutzes in Erinnerung. Der Baron N. §. L. aber fuhr heftig auf, ec lasse sich seine Hoheitsrechte nicht abzwingen, weder von seinem revolutionären Vetter, noch weniger von einem I»- J den. Sage mir, wie viel Dukaten, heischte ec gegen Abraham, soll ich Dir geben, daß Du gestem mich aus dem Fluß , gezogen und mein Rentmeister soll es Dir sogleich ausbezahleek; den Schutz aber bekommst Du nicht! Abraham, der seine schönste Hoffnung zu Wasser werden sah, kannte keine Rücksicht mehr und entgegnete, X^aß er sein Leben nicht um Geld wage und dieses ihm der Baron nicht zahlen könne. Man mag sich denken, wie betrübt Abraham das Schloß verließ, welche Sensation das Benehmen des Grundherrn in der Gemeinde verursachte, aber Niemand war im Stande, dem Willen des Herrn Baron N. §. L. eine andere Wendung zu geben. Um jene Zeit, gegen das Ende des Jahres 1605, wurden durch den Preßburg^Frieden neue Mediatisirungen vorgenommen, Württemberg rmirde aus einem Kurfürsten-! thume ein Königreich und auch die beiden Barone N. ältere j und jüngere Linie verloren ihre Souverainetät. Königliche > Commissäce wurden ins Land hinausgeschickt, um im Namen des Königs die Huldigung der neuen Landestheile entgegenzunehmen. Nach Oberschwaben wurde ein Herr Baron v. Liebenstein, K. Landvogt entsendet, der als Grundherr zweier jüdischen Gemeinden mit den bürgerlichen Verhältnissen der Israeliten genau bekannt war und sich eifrig bestrebte, die Ausnahmsgrsetze, Unter denen sie zu leiden hatten, zu beseitigen. Herr v. Liebenstein hatte sein Absteigequartier in einem Gasthofe zu Ulm genommen, dessen Besitzer ein Geschäftsfreund Abrahams war. Der wackre Wirth erzählte dem Landvogt die Begebenheit zwischen Baron N. ä. L. und dem Juden Abraham, der den Dienst der Lebensrettung des Barons mit so grassem Undank» gelohnt bekommen. Herr v. Liebenstein ließ den ewigen Bräutigam, wie Abraham scherzweise in feiner Gemeinde genannt wurde, zu sich entbieten und dieser erzählte den Sachverhalt umständlich und wahrheitsgetreu. Der Landvogt yersprach ihm die Kö'nigl. Erlaudniß zur ehelichen Niederlassung zu verschaffen, er müsse aber sogleich nach Stuttgart reisen und ein Schrei-

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