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Jüdisches Volksblatt · 1860-01-01 · 2 (1860) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1860)
Issue
2 (1860)
Date
1860-01-01
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
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6 tm rascher Tod alle Glieder des Exilarchenhauses plötzlich hingerafft. Im Traume sei es aber Mar-Chanina vorge-- kommen, alS habe er sammtliche Bäume eines CedermvaldeS umgehauen, von dem nur noch ein_ niedriges Reis übrig geblieben, und alS er auch an dieses das Beil anlegen wollte, sei ihm der König David — dessen Nachkommen zu sein sich die Exilarchen rühmten — erschienen »nd habe ihm drohend Halt geboren. Beim Erwachen habe Mar-Chanina erfahren, daß kein einziges Glied des Exilarchenhauses mehr am Leben sei, und die Zukunft deS erlauchten Hauses im Schoße seiner eigenen Tochter, der Gattin des Exilarchen R. Huna, rühe^ Die Niederkunft seiner Tochter habe er daher mit vieler Ungeduld erwartet und Hab«, unbekümmert um Regen und Sonnenstrahlen, an ihrer Thüre gewacht, um sie vor jedem Unfälle zu schützen, und sei endlich so glücklich gewesen, seine Tochter von einem Knaben entbunden zu sehen, eben jenem Mar-Sutra II. Diesen letzten Stamm-. Halter des ExilarchenhaufeS umgab Mar-Chanina mit der zärtlichsten Pflege, erzog und unterrichtete Ihn und hatte Freude an der frühreifen Entwickelung des Knaben. Zu simfzebn Jahren war Mar - Sulra mit Verstand begabt und mit Kenntnissen auSgestatter, fähig, die Würde seiner Vorfahren zu übernehmen. AlS Exilacch fungirte wahrend Mar-Sutra's Minderjährigkeit sein Schwestermann P ach da, der aber nicht geneigt schien, die Würde dem rechtmäßigen Erben zu überlassen. Der Großvater Mar-Chanina begab sich daher mit ihm an den Hof des Königs, wahrscheinlich KobadS, und bewirkte, vermuthlich durch reiche Geschenke, Pachda's Amksentsetzung und Mar-Sutra'S Investitur (um Sit). Der fünfzehnjährige Exiiarch war eS nun, der mit den Waffen in der Hand zur Dertheidigung feiner Brüder auftrat. AlS nächste Veranlassung zur Schilderhedung wird der gewaltsame Tod eines SchulhaupteS Mar-Isaak an- ' gegeben. Da auch der Vertreter deS JudenchumS Mar- Chanina an dem Aufstand betheiligt war, fs hatte er sicher einen religiösen Charakter. — Eine Schaar von vierhundert jüdischen Kriegern bildete Mar-Surra's Gefolge, mit dem er wahrscheinlich Mazdak'S räuberische und lüsterne Anhänger auS dem jüdischen Gebiete Babyloniens vertrieb und die frechen Eingriffe in die heiligsten Rechte abwehrte.' Er soll ferner so glänzende Waffentharen ausgeführt haben, daß die Truppen, die der König zur Unterdrückung des AufstaNdeS ausgesandt hat«, ihm nicht deikömmen konnten. , Mar-Sutra soll sich sogar die Unabhängigkeit erkämpft und j den nicht jüdischen Bewohnem Babyloniens Steuerleistung aufgelegt haben. Die Sage schrieb den Sieg der jüdischen Waffen einer wunderbaren Erscheinung, in Gestalt einer Feuersäule, zu, welche dem» kriegerischen Exilarchen in den Schlachten vorangegangen sein soll. Machusa unweit Ktesiphon war Hauptstadt eines kleinen jüdischen Staates geworden . in dem der Exilarch gleich einem König residirte. So gapz unwahrscheinlich ist eine so glückliche Schilderhebung der Juden in dem, dem Verfall entgegengehenden persischen Reiche nicht, wenn man sich erinnert, daß fünf Jahrhunderte zuvor zwei mittellose Jünglinge Asinai und Anilai in derselben Gegend ein unabhängiges jüdisches Gemeinwesen zu gründen und dem persischen König Anerkennung abzuttotzen vermocht hatten. Nahe an sieden Jahre dauette die von Mar-Sutra erkämpfte Unabhängigkeit; zuletzt wurde die jüdische Schaar von der Ueberlegenheit eines persischen Heeres besiegt. Dabei gerieth der Exilarch selbst in Gefangenschaft. Die Sage erklatt die Niederlage der jüdischen Krieger dadurch, daß sie, einmal an das Waffenkandwerk gewöhnt, sich über Religion und Sittlichkeit hinweggesetzt hätten, und alsbald wäre auch die Feuersäule, das sichtbare Zeichen des Sieges, von ihren Zügen gewichen. Der Exilarch Mar-Sutra und sein greiser Großvater Mar-Chanina wurden hingerichtet und ihre Leichname an der Brücke von Machuza ans Kreuz! geschlagen (um 520). Die Einwohner dieser Stadt wurden! ihrer Habe beraubt und in die Gefangenschaft geschleppt; j wahrscheinlich war die Verfolgung noch weit mehr ausge- : dehnt. Die Glieder des Exilarchenhauses mußten sich durch; Flucht retten und brachten den nach dem Tode des Vaters geborenen Stammhalter deS Exilarchen-Geschlechtes — dem ebenfalls der Name Mar-Sulra beigelegt wurde — nach Judäa, wo er, herangewachfen, sich durch Gelehrsamkeit auszeichnele. In Babylonien war also durch KobadS Verfolgung bas Exilarchat für einige Zeit erloschen. Auch die : talmudifchen Akademien wurden geschlossen^/da die Gesetzes- 1 lehrer verfolgt wurden und sich verbergen mußten. Zwei Männer von Autorität, R. Ahuna i und R. G iza, waren 1 flüchtig; der letztere ließ sich am Flusse Zab nieder, wo! vielleicht die Aufpasserei minder zu fürchten war. Andere l Flüchtlinge mögen sich nach Palästina ober Arabien gewendet > haben. KobadS Rache wegen eines durch Fanatismus her- ' ausgeforbecten Aufstandes hat dem geschichtlichen Leben der f babylonischen Juden, daS in beiden Akademien Sura und i Pumbadita pulsiere, einen so herben Schlag versetzt, daß j eS sich nicht sobald davon erholen konnte. Indessen scheint sich die Verfolgung nicht auf ganz Persien erstreckt zu haben, denn in KobadS Heer, das gegen den griechischen Felohei^. Belisar kämpfte, dienten auch jüdische Soldaten, auf welche der persische Feldherr, so sehr Rücksicht nahm, baß er um einen Waffenstillstand bar, um ihnen am Passahfest Waffenruhe zu gewahren *). Nach KobadS Tod hörte die Verfolgung gegen die babylonischen Juden von selbst auf. Denn wiewohl sein Nachfolger ChosroeS Nuschirvan ihnen nicht wohlgesinnt war und ihnen wie den Christen eine Kopfsteuer auflegte, von der nur Kinder und Greise befreit waren **), so war dieses kein Zeichen von Unduldsamkeit und Haß, sondern nur ein Mittel, den Staatssäckel zu füllen. Es findet sich unter Choscoes langer Regierung keine Spur von Feindseligkeit gegen die Juden. Sobald die Ruhe wiedergekehrt war, beeilten sich die Vertreter der babylonischen Juden, die Institute wieder herzustellen, die Lehrhäuser wieder in den Gang zu bringen, und gewissermaßen die zerrissene Kette der Ueberlieferung wieder zusammenzufügen. Man berief den Flüchtling Giza, der sich am Zabflusse verborgen gehalten, nach Sura, den Lehrstuhl einzunehmen; die Schwesterakademie Pumbadita erhielt an R. Simuna ihr Oberhaupt. Noch ein dritter Name klingt auS jener Zeit herüber: R. Rabat auS Rob (unweit. Naharbea), dessen Stellung und Function indessen zweifelhaft ist. Diese Männer mit ihren untergeordneten Genossen und Jüngern hatten nichts Wichtigeres zu thun, als ihre ganze Thätig« *) Bar - Hebrau« historia Chronicon syriacum. Text p. 85. **) Khondemir in de Sacy's rechercheß sur quelques antiquites de la Persc p. 372.

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