Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 50 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 198 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4908862-5999350-6000944--1500-4910042- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
198 i Beinbruck eingerichteten Ämmltämmen, tie iid» Privilegien nennen, als schönstes seit Jahrhunderten das stolz rühmte: ..Daß sie und idre Nachkommen in Ewigkeit auf .Unser oder Unser Nachkommen am Reick Begebren oder Ersticken keinen Juten oder Jüdin»;u R. «inzukommea oder wobnen ru lassen nickt schuldig." Wo ist das Reick und seine Ewigkeit? 2» Trümmern unk Lch.rbcn liegt« vor dem neuen Cäsar, der cs kaum der Müde werth hielt. ,S weiter zu zertreten, der verachtend trüber wegschreitet aut seineul nordischen Luge. Auch ick habe mick diesem Zuge angesckloffen. ..Wenn Du riesen Brieferhältst, bin ick längst in Polen. Der leidenden Menschheit will ich dienen. welch, Srracke sie spricht, welches Banner sie tragt, welchen Glauben sie hegt. Jeder Kranke, icker Verwundete ist mein Bruder, mein Vaterland beißt: Hülfe. Rafit mich eine feindliche Kugel weg. oder die Seuche, welche um Mittag würbet, kann strrbt mrk mir die H'.'dra. meines GrameS. ..Sollte es Dir je gelingen, Esther wieder zu sehen, erlange sie die Freiheit durch richterlichen Spruch oder deS^Königs Gnade, sage ihr, daß mein Geist liebe- und sehnsuchtsvoll bei ihr weilte, als sie in Banden war und käst tck der Ihrige bleiben werde, ich möge nun in Frieren zurückkebren in raS Vaterhaus hier oder in das ewige dort!! — „Ich bitte um Deinen Segen. Vater, wie ihn Deine Hände .so on über mir. ausbreireten. -^Das Andenken der tbcuren Mutter soll mir heilig sein. Ihr Gr^ick sei mir, waS RabelS Grab unfern Vorfabreo. Dre Nord deS. Augenblickes 'und die eilige Marschordre verhinderten mich, persönlich Deine Erlaubniß mir zu holen. Tu wirst meinen Schritt nachträglich genehmigen, mir meinem Berufe, meiner Pstickr, meinem tödtlichcn Schmerz ihn entschuldigen. ..Lb bicr. ob kort — all überall ist Gott, der Ewig- Einzige." — — ..Hunderte Male haue Esther diesen Brief im Hause ihres LbermS, der fie väterlich nach ibrer Entlassung auö dem Zuchtbause ausgenommen batte, gelesen und mit Thränen benetzt. Die Treue des Geliebten.war ein Labsal für das Leiden ihrer Untersuchung. Er baue also fest auf ibre Unschuld gebaut,, ibn baue weder der Ausspruch deS Gerichts, nock das böse Gericht in seiner Treue wankclmürbig gemacht. ..Das ist wahre Liebe, welche eben so murhig Stich hält vor einer zäben Ueberrumpelun^. wie ror den tausendfachen Anfeindungen böser Menschen. Nickt die Kugel, nicht die Seuche, welche um Mittag wüther, wird solchen Evelmutb sortraffen. C. wüßre Meyer lim meine einstweilige Freiheit,' er würde darin eine Bürgschaft für meine desinilive Ehrenrettung finken. Für meine nickt bloß, auch für die feine, dessen Namen ick einst führen soll!" Der Vater idres Geliebten mußte ne oft trösten, wenn sie darüber ibren Jammer ekbob, daß ein unglück- IlLcS Geschick den Bräutigam einige Monate zu früh nach dem Kriegsschauplätze getrieben habe, ehe er Kunde erhalten ron der ^Wendung ihre« Geschickes. Jeder in der Gemeinte, Christen und Juden, darre für taS arme, hartgeprüste Mädchen ein freundlickes Wort. Dem alten Bierwulf traten rie Tbränen io die Augen. sah er taS einst blühende, lustige Kind blaß und still über den Schuldst sckreiten, wenn sie. nicht für fick, sondern für den Geliebten in den Tempel zu fcften gj„g. So waren einige Wochen '.'ergangen, als ein Brief vom Arzte ankam. ..Sein Regiment habe längere Zeit j» Wilna gelegen und sei jctzr aus dem Marsche nach Moskau." Groß seien die Strapazen, blutig die Schlackten, mühevoll sein Berus. Manche seiner College» »eien demselben unterlegen, brave liebe Freunde. Jb» babe der Herr noch aut'bewahr», ob zu seinem und EsibcrS Glück, ob zu größerem Jammer. daS würde die Zukuntt lebren." Die halbe Stadt Halle den Brief lcf.n müssen. Er wanderte von Hand zu Hand. Selbst der Bürgermeister, ein eingefleischter Amalrkiie. ließ ihn fick bolen. Was brachte die Zukunft? Das tägliche Leben spottet der Romandickter. Criminalgeschickken lassen fick nicht gefällig abrunten. die Prosa der Wirklichkeit ist eckig und raub. Für Esther kam der Tag der Freisprechung. CS wurde ibr folgendes Crkenntniß res obersten Criminalsenars mir eiweur freundlichen Glückwunschschreiben ihres VerrheidigerS überschickt: ..daß eS bei dem Erkenntnisse erster Instanz wider Esther . nickt zu belassen. vielmehr unter dessen Wiederausbebung die Angeklagte von der versuchten Anschuldigung der böswilligen Brandstiftung völlig frei zu sprechen und mit Kosten zu verschonen, auch in Anbetracht ihreS überaus ebrenweriben Verhaltens und zu einiger Genugtuung derselben wegen der erlittenen Unbilden das Erkenntniß durch 2 Amtsblätter der Provinz bekannt zu macken sei. V. R. W." Mehr konnte die starre Justitia nickt für si, thun. ES nabte sich der Unglücklichen zwar auch die Charitas in der Gestalt eines katholischen Arckitiaronus. um ihr eine erledigte Stelle in einem Tiaeonissinnenftift anzubieten. aber man verlangte einen zu hoben Einsatz für diese Wobltbat — die Taufe. Diejenigen irren gewaltig, welche glaubt». daS Unglück mache uns in unserm Glauben mürbe. Je gedrückter der Keller, um so fester bält er. Leiden sind ei» LcbenSkin. Demurb bindet. Ueber^ mutb lockert. Frei war sie. was hals eS ibr? Er war in der Fremde, in den unwirthlicken, blutgetränkten Steppen Rußlands, eine Beute deS rauben KlimaS, fanatisirler Kofakenborden. Ein Monat nach dem andern verging ohne Nackrickr. Traurige Abende. wenn der Pater des Abwesenden mit . ibr so allein in der Stube saß. Traußen beulte der Sturor und immer dichtere Schneeflocken sckickle der Himmel au» die erstarrte Erde. Nur bas eintönige Picken der Ubr, sonst kein Laut. Kein Tritt eines Fremden, eines Freundes, der Nachricht brächte, nabre sich. Eine Zeitung kannte man damals nur in, den größer» Städten. Unheimliche Gerückte über die nordische Erpeditivn bewegten freudig die Millionen, welcke nur vom Geschick den Stur; des Titanen erwarteten; erregten schaurig die Herzen derer in Drutsckkand, deren Männer und Söhne zu Tausenden alS verhungerte Schreckgestalten aus der Heerstraße lagen. Freilich abnte man . eS nur. denn fett Monaten waren die Völker ebne Nachricht. Da erließ Napoleon daS berühmte Bulletin vom 29. November, welckeS der Welt meldete. daß Er gesund, die große Armee aber vernichtet sei. Von den Hunderttausenden entkamen nur Hunderte rem eisigen Zabne der Kälte, dem Wahnsinn deS Hungertodes, den Lanzen der