Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 48 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 192 (sequence 4)
- Language
- German
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194 Schlüssel waren nummenrt. Ein Kochemer nach dem andern schlüpfte heraus. Leib und Afchkinaß kannten den Schlüssel zur Hinterpforte, die auf das freie Feld hinaus» ging. Die drei Kameraden hatten in der Zwischenzeit ihre Soldatentracbr abgelegt und bürgerliche Kleidung angethan, der sogenannte Berliner einen Mantel übergeworfen und statt deS Ezako's einen Bauernhut aufgestülpt und Katzen gleich schlichen alle auS der Pforte, nach allen Ecken und Enten im Freien sich vercheilend. Leib und Afchkinaß hielten zu einander. Sie spähten ringSumher — Alles still und öde. ^-^,,Zch bole Esther", rief Afchkinaß, „sie ist allein, die Wärterstöcbtrr sind zur Revue, meine Kalleh lasse ich ihnen nicht, sie soll nicht mit 15 Zähren Zuchthaus da-- von kommen, ewiges Zuchthaus bei mir." „Komm Essow", sagte Leib, ihn gewaltsam mit.sich ziehend, „bürst Du nickt, wie sein aller Kelew wimmert, horch ein Sckuß aus dem Gefängnisse, auf zur Flucht! Sie entkamen Alle, die Erlösung war bis zum Abend erschienen. — Eine halbe Stunde nach tiefem Dorfalle kehrten die Töchter-- des Gesangnißwärtcrs mit vielen anderen Stadtbewohnern von der Revue zurück. Es war ein seltenes tlnv herrliches Schauspiel, das sie gesehen batten, wie drängle cs sie, dem allen Pater von all der Prg.Lt zu erzählen. Es wirbelte in ihren jungen Köpfen von ter rauschenden Musik, den flatternden Fahnen, dem-Trommelgewirbel, dem PferdcgestampsH dem Rasseln der Kanonen, den glänzenden Helmen, den gestickten Uniformen, den flolzwcbenden Frderbüfchen und was alles sonst in der Erinnerung eines Märchens vom Anblick solcher Parade übrig bleibt. „-Horch", sagte die eine zur andern, „Sultan bellt unS schon entgegen." Sie klingelten, klopften — keine Antwort. 3m dumpfen Tone hallte es vom Hose wieder. Sie gingen durch eine Nebengasse nach der Straße, ans welche die Hintertbür stieß und fanden diese — aufsälligerwcise offen. Dermaler kam ibncn nach gewohnter Weise heute nicht entgegen,- die Tbür ter Wohnstube war verschlossen, vergebens, riefen sie seinen und Esthers Namen. Auf den Korridoren die Thürcn der Gefangnißzellen weit geöffnet, > kein Gefangener zu .sehen. Zn Todesangst lief das be- - Kerztere der beiden Mädchen nach dem Tbürme der Gesängnißcapelle und begann mit stürmischer Hast die Glocke zü läuten. —. Es war ein Werkellag, darum galt daS Geläute als Feuersignal und von allen Enden strömte das Volk herbei. Man erbrach tie Thür ter Wohnstube. Entsetzlicher Anblick. Der alte Gefängnißwärter lag mit zerschmettertem Schädel todt aut der Erke, neben ihm, zu ibrer'Seite ein altes Reiterpistol, das Zudcnmärchen mir geschloffenen Augen. Heulend umkreiste der Huntz den Leichnam seines >^errn. so daß man ihn und tie beiden Töchter, welche den Vater mit wabnsinnigen Gebcrtcn umklammett hielten, mit Gewalt davon entfernen mußte. Der frische Luftzug, der durch die geöffneten Thüren und Fenster drang, brachte die schöne Jüdin bald in'S Bewußtsein zurück. Sie erzählte ihrem gestrengen Inquirenten, aus dessen Munde sie beute früh das vernichtende Urtheil gehört hatte: Sie sei allein in ihrer Kammer gewesen. Eine der WirthStöchler habe ihr zwar Gesellschaft leisten wollen, da sie noch schwach vom Vorfälle am Morgen gewesen, ater sie habe es nicht gelitten, daß das freundliche Mädchen sich das seltene Vergnügen einer so großartigen Revue um ihretwillen raube. Ein kräftiger Schlaf habe sie auch wunderbar am Nachmittage gestärkt. So sei der Abend bcrangckommen. Sie habe still in ihrem Bette gelegen und aus dem Gebctbuche, welches des Herrn Inquirenten Güte ibr verschafft habe, gebetet. Eben habe sie den Satz leise gesprochen: „Er, der Frieden schafft in feinen Höben, er erhalle unS und ganz Israel in Ewigkeit. Amen!" als sie die Ansangsworte dieseS Satzes in hebräischer Sprache von einer rauhen Männerstimme gehört habe. Dann habe sie einen Schlag und unmittelbar darauf einen dumpfen Ton, wie von einem fallenden Körper, vernommen und alsbald daraus leise Schritte vieler Menschen. Sie babe sich in ihrem Bette aufgerichtet unv einen Gefangenen nach dem andern ans der Hinterpsorte aus die Straße treten sehen, zuletzt ihren Vater und seinen Freund. Es sei ibr bekannt, daß von der Küche eine Taperenrhür in tie Wohnstube des Gefängniswärters fübre und hier babe sie den alten Mann als Lerche angctroffcn. Vergeblich sei ihr Rusen nachH Hülfe gewesen. Zn ihrer Seelenangst babe sie endlich^ cin alteS Reiterpistol von der Wand genommen und als Lärmsignal abg,schossen. Dann habe zum dritten Male in ihrem Leben, zum zweiten Male an einem und demselben Tage, eine süße Lhnmacht ihr den Anblick der schrecklichen Wirklichkeit geraubt. „Vielleicht, Herr Direktor", so schloß sie mit schwacher aber bitterer Stimme, „habe ich den Mord heute ebenso begangen, nie damals die Brandstiftung." Der Criminaldirector ordnete in Gemeinschaft mit der Polizei die strengste Verfolgung der Verbrecher an. Vergeblich. Er hatte cs mit erfahrenen, kundigen Männern zu thun. Wahrscheinlich waren sie alle in einem großen Kabne verborgen, der am, folgenden Tage die Hauptstadt passirte und mit günstigem Winde dem nahen AuSlande züsteuerte. Die Wirren und Unruben der bösen Kriegszeit ließen einzelne Zndivitnen bald aus jedem Augenmerk kommen. * f In den amtlichen Kreisen aber batte der Vorfall im Gefängnisse nicht minderes Aussehen erregt, als im Städtchen . selbst. Der Iustizminister, an den er berichtet wurde, batte nach Beleftmg ter Acten die Revision des Processcs, soweit er gegen Esther geführt war, äugeordnet und einen berühmten Inquirenten damit betraut. Zugleich hatte er die sofortige Freilassung der Znbastatin verfügt, da „Gefahr einer Collusion eben so wenig wie eines Fluchtversuches vorhanden^ sei, auch das überaus ehrenwerthe Verhalten der Angeklagten und ihre lange Hast jede billige Rücksicht erheischten." „Uebrigens sei auch der Fall durch ihren Bräutigam, den praktischen Arzt Dr. Meyer Mendel, direct zur Kenntnis des Königs gekommen und habe Seine Majestät nur zur Ehrenrettung des unglücklichen Mädchens die bereits beschlossene Abolition zu unterlassen geruht. So kam Esther nach beinahe Z^,jähriger Hast, ungefähr 1 Monat nach jenem letzten Vorfälle in ihre Vaterstadt zurück, angeklagt. aber noch nicht verurtheilr, oder verurtheilt unv doch der Freisprechung gewiß, ftei an Körper,