Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1859-01-01 · 48 (1859) · p. Seite 190

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1859)
Issue
48 (1859)
Date
1859-01-01
Page
Seite 190 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4908862-5999350-6000943--1493-4910036
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

-- 190 Der arme Zsak blieb ar«, wie eine Kirchenmaus — würden wir sagen, wenn die „Kirchenzeittmg" gegen die Anwendung diese- Vergleiches auf einen Juden nickteinzuwenden hat. Zsak wußte nur von einem Segen viel zu sagen: er batte ..ein Haus voll Kinder." Zn Galizien haben di« Juden von jeher die . triftigsten Gründe mit älk-eonsersativer Treue an dem btrgebraäilen Brauche des Sterbens jestzuhalten. Auch Zsak dachte eines Tages daran, einzugeben in daS ewige Reich, welches sich damals von der galizischen Verwaltung wesentlich dadurch unterschied. daß^eS das ..Licht" nicht mit rinn harten Steuer belegte. Auf dem Stnbelctte liegend, begann dn alte Zsak mit sich abzurecknen und n rechnete so lange, bis er fand, daß er daS Rechnen .igenrlich ganz unnöthiger Weise ge« lernt habe; das Schicksal hatte seinem freigeborenen, .ln den höchsten Regionen der Ideenwelt heimischen Geiste nie die prosaische Last auferlegt, Ziffern und Zahlen ordnen zu muffen. Ein halber Laib Brot und etwas angestammtes aber ungenießbares Möbel war Alle-, waer seinen Kindern hinterlaffen konnte. Dem weisen Manne entging rS nicht, daß dies eigentlich keine ausreichende Versorgung für die Sprossen sei, welchen die Hobe Aufgabe zufiel, seinen Namen fortzupflanzen in der Geschichte der Menschheit und er beschloß diesem ernsten Gegenstände die letzte Stunde seine- Lebens zu widmen. Ein Hausherr muß es drollig finden, daß der Mann ist her letzten Stunde bewerkstelligen wollte, was er in seinem ganzen langen Leben nicht zu Stande bringen konnte.; er hat aber wohl keine Ahnung von polnischem Geist und Witz. Zsak verlangte -inen Bogen Papier. Tinte und Feder, llnd man brachte ihm einen Bozen Papier, den ein jüvi« scher Greisler in Anbetracht der Umstände mit mildem Sinne „geborgt" hatte, einen kleinen Glasscherben/ der an hoben Festtagen als SchuhwichShalter, hei noch außerordentlichern Gelegenheiten aber als Tindenfaß fungine. und während diesevielverdiente Gerätb berbeigcschaffl wurde, bezog der älteste Knabe „an der Quelle", das beißt aus dem „Flederwisch" eine- Feder »nd stutzte dieselbe mit geistvoller Anwendung einer Lichlfcheere und eine- TaschenveitelS zurecht. Der alte Zsak schrieb mit fester Hand in hebräischer Sprache: Mein letzter Wille. Mein letzter Wille ist, daß Morenu Rothschild in Wien die Gnade baden soll, der Vormund meiner Kinder tu sein. Ich werde dafür deren droben im Himmel, zu Dem. dessen Name gepriesen sei, daß auch der Name Rothschild gepriesen sei von Sonnenaufgang bis Sonnen« Untergang und mit seinem Glanze erfülle die Welt von einem Ende zum andern.; Amen! Zsak ben Mordochai. Nachdem er dieS geschrieben hatte, legte Zsak sich zurecht, schloß die Augen, und seine Seele fuhr bald darauf gen Himmel. Dir israrlinsche Gemeinde bestattete den alten Zsak mir glaubenSgeoössischer Treue, sie besuchte die Unglücklichen, welche die sieben Tage der Trauer auf" der Erde fitzend zubrachtrn, sendete ihnen Speise und Trank und frug schließlich die Witwe, waS fie mir den Kindern anfangen wolle. . „Für die ist gesorgt" antwortete bündig dir Frau. Die Gemeinde war sehr erstaunt, die Witwe aber . erhob sich, öffnete einen altehrwürdigen Schrank, in welchem einige Wäsche untergebracht war, und zog aus einem Dalle« von Strümpfen ein Papier hervor. daS sie mir feierlicher Miene dem Rabbi überreichte. Dieser las. schüttelte den Kopf und gab daS Blatt weiter — das Blatt ging von Hand zu Hand, Alle lasen —• und Alle s^ütlelten die Köpfe. WaS war zu rhun? Konnte man es wagen, dieses Testament dem mächtigen Baron rinznsenden? Es wurde viel und lange darüber debaltirt, endlich aber einigte sich die Gemeinde dahin, sie wolle daS merkwürdige Schriftstück an den Baron nach Wien schicken, und fick in einem besonderen Schreiben habin entschuldigen, daß sie sich in ihrem Gewissen verpflichtet gefüblt habe, die seltsame Verfügung zur Kenntniß Seiner Freiherrlichkeit zu bringen. Beigelegt war eine ganz respeetable Liste, welche die Namen der Kinder enthielt, die seiner Vormundschaft empfohlen wurden., Baron Salomon Rotbschilv empfing den Brief, das Dokument und die Liste. las Alle- und ließ einen seiner Buchhalter kommen. ..Sie reisen gleich mit der Post nach Galizien", sagte der Baron zu seinem Buchhalter. ,»3ii dem Städtchen *** geben Sie zuyr Rabbiner und sagen ihm, daß ich Sie schicke, um die Kinder de-Zsak, die meiner Vormundschaft empfohlen sintz, abzubolen. Seien Sie aber so gut und lassen Sie die'Kleinen vor Allem gut baden und zwagen* *), ihnen das Haar scheeren und vollkommen neue Kleider und Wäsche bringen. Bringen Sie mir dann die Kinder sammt der Mutter her." Der Baron winkle, und eine Stunde später befand fich der Buchhalter auf der Reise nach Galizien. Es ist unmöglich, die Sensation zu schildern, welche daS Erscheinen deS Rothschild'schen Abgeordneten in dem 'galizischen Städtchen machte. Er brauchte zwei Postwagen, um die Kinder alle unlerzubringen und als er die Stadt verließ, folgte ibm fast die gesammte Bevölkerung. Männer, Weiber und Kinder, denn auch unter den christlichen Einwohnern hatte dieses märchenhafte Ereigniß große Theilnahme erregt. Einige Tage später wurde die geschwätzige Fracht der beiden Postwagen in einem der glänzenden SalonS des HauseS Rothschild abgeladen. Die Kinder gafften die nie geahnte Pracht mit Augen. Mnnd und Nase an. der Baron aber betrachtete die kleine Schaar mir gutmüthigem Lächeln und machte im Stillen seine Bemerkungen über die in der Entwicklung der Kinder sich kundgebenden Abstufungen, welche deutlich zeigten, daß sie sich mit der größten Pünktlichkeit in den strengstens gleich bemessenen Zwischenräumen eingefunden hatten. Die Witwe Zsak brachte endlich einige Bewegung in die stumme Scene; sie „zwickte" ihren ältesten Buben heimlich, und dieser wußte, daß daS so viel beiße. alS: „Küsse dem Herrn Baron die Hand." *) Alldeutsches Wort für Kopfwäschen; im jüdischen Dialekte .noch heute gebräuchlich. «

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.