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Jüdisches Volksblatt · 1859-01-01 · 41 (1859) · p. Seite 163

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1859)
Issue
41 (1859)
Date
1859-01-01
Page
Seite 163 (sequence 3)
Language
German
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163 nmn Tagen die sanfte Hand de- Todeerlöste. Mein Vater war durch diese plötzlichen, auseinanderfolgenden Schläge so verwirrt und gebeugt, daß er an ein Derfolgen der Spuren von Ursula- Reise mit dem Kinde nicht denken konnte. Doch unternahmen, seine Freunde, welche dageraubte Kind für da- Judeulhum reuen wollten, da- Aufsuchen jener Spuren. Auch fanden ste dieselben mittelst der Postverwaltung biauf vierzig Meilen, allein zuletzt konnte über die Fortsetzung jener Steife keine Au«' kunst mebr ertheilt werden, und man vermuthete mir Recht, daß Ursula mehrere Meilen zu Fuß mit mir zurücklegie. und dann unter einem anderen Namen ihre Reise hierher forlsetzte, wo ich dann endlich vier im Kloster Aufnahme und Erziehung fand. „Mein guter Vater ging seit jenem Ereignisse geknickt in seiner Lebenskraft tiefsinnig umher. Er sprach sehr wenig, er mied seine Freunde und kümmerte sich nicht mehr um sein Geschäft, t.ssen Verwaltung er gänzlich einem alten Buchhalter übertrug. Stundenlang aber ward er aus dem jüdischen Fnerchose gesunden, wo er still, mit stierem Blicke gen Himmel gerichtet, neben dem Grabsteine seiner verblichenen Gattin fitzend bemerkt wurde, nicht achtend aus den schneidenden Norkwint. welcher wild mit seinem zerrauften Haare spielte, aut den dichten Schnee, welcher ungestört sich auf seinen Mantel lagerte. Ter Frühling sandte wieder seine milden Sonnenstrahlen, er lockte die Blüthen auden, Boden und lüvrte den Zugvogel in die aufgethauke Heimath zurück; allein in daerstarrte Herz meinegebeugten Paterkräng kein mildernder Strahl, hier wollte die Eisdecke nimmer schmelzen. „Wortkarg gegen sseine früheren Freunde und Bekannte war enur sein HauSarzt Leander, dem zuweilen sein gepreßte-, zusammengeschnürte- Herz sich erschloß, dem er sein körperliche- und geistige- Weh klagte und zuweilen zweifelnd die Frage aufwarf: warum läßt diese sonst so gütige Vorsehung mich so schmerzhafte- Leid erdulden? Nur bei diesem Arzte machte sich manchmal sein Mirtheilung-trieb geltend, weil er »ur in dessen Brust ein aufrichtige- Mitgefühl wahrzunedmen glaubte. Denn er bemerkte, daß dieser Arzt seit dem Tode meiner Mutter ebenfallniedergeschlagen, düster und zerstreut war, von ibr mit dem tiefsten Schmerze sprach, so oft er meinen Vater sab und bei diesem oft Stunden lang verweilte, um ihn durch die verschietknartitzsten Mittel zu trösten, aufzubeitern und zu stärken. Diesem Dr. Leander über- , reichte er einst in einer solchen Unterhaltung eine hebräische | Bibel mit den Worten: „Sollten Sie einst den Aufentj halt meine- Sohneentdecken, dann übergeben sie ihm j diese Bibel, auf davorderste Blatt schrieb ich einst als j glücklicher Vater seinen Geburt-tag. seinen und meinen > Namen. Diese- Buck sei dageistige Band, welch,-! ihn mit mir verbindet; ick selbst werde ihn in diesem Leben wahrscheinlich niemals wieder sehen, denn länger kann ich hier in diesem Lande nicht ve»weilen. wo der Himmel mich zu ersticken drohet! So sprach m«in gebeugter Pater zun» Dr. Leander und nach einigen Wochen war er spurloverschwunden. „Aber noch sin Mann lebte in jener Stadt, welcher nun nicht länger an dem Orte verweilen konnte, wo die Ruhe ihn stob und kein Schlaf der gefolterten Seele Erholung gönnte, dieser mit sich selbst zerfallene Mann war — der Dr. Leander. Er war es. welcher mich, dem Tode nahe, auf Zurede« Ursula'- gerauft hatte, s.in Gewisse» war r-. dastet- und ungestüm ihm zuschrie: „Du hast die Frau getödtei. den Maan.bizu« Rande de- Wahnsinngebracht. eine Familie i»'s Elend geschleudert, welche Dich früher immer mit Beweise« der Freundschaft überhäuft Hane. Diese Höllenstimme destrafenden Gewissenjagte ihn von einem Orte zum anderen und efehlt« ihm jener religiöse Fanati-mu-, welcher allein diese fürchterliche Stimme zu überschreien vermag. Mehr au- Leichtsinn alim Ernste vollzog er während «einer Krankheit, den Bitten Ursula'- nachgebend, jene Tauf, dandlung, in der festen Ueberzeugung. daß ich dieselbe keinen Tag lang überleben würde und erst kann, al- Uriula, durch einen Geistlichen, dem Ke da- Geheimniß mittheilte, b-redet. mit mir die Flucht ergriffen bau,, erkannt, er di« schrecklichen Folgen seiner unbesonnenen Thar und seine Reue steigerte sich durch seine Selhstanklaqe zur Verzweiflung, alsein Gewissen ihm vorwarf: Du \ bist der Mörder diese- EiieinpaareS? Denn nach den L wahrscheinlichen Permutbungen de- Dr. Leander suchte mein Vater in den Flutden de- Strome« die Erlösung von einem qualvolle« Dasein. „Wie Kajin flüchtete Dr. Leander von der Stätte der Verzweiflung hinweg, ohne sich klar 'zu machen , wohin er fliehen sollte. Tie erste Nacht seiner Flucht brachte * er schlaflos auf dem Moo-boten eine- Waldezu und jene laue Sommernacht, welche seiner glühenden Stirn Kühlung zufachefte, brockte auch die erste kühlende Rübe seinem drennenden Herzc«. Er'gclobre unter dem erhabenen Dome debesternten Himmelein streng büßende- Klosterleben bizu seinem Tode zu führen, sein ganze- Dasein der letde»den Menschheit, insbesondere aber den unterdrückten Juden zu opfern und endlich vorzüglich mir den verlorenen Vater zu ersetzen und mich.als einen Sohn zu lieben. Gestärkt durch dieseheilige Gelübde pilgert, er zu Fuß bihierher in- Kloster, »heilte dem HigumenoS. welcher allein hier durch Ursula mein Lebdn-schicksal erfuhr, sein Gelübte, mit, und hat dann als Vater Apollom»-. wie Sie wissen, s»tn heilige-Wort auch beilig erfüllt." „Ursula ergab sich hier später, zum Tbeil durch Armuth gedrängt, einem liederlichen Lebenswandel; besucht, zwar fleißig die Kirche, sank dabei aber dennoch stettiefer in den Sumpf de- Laster- und starb zuletzt ttn Hospital ein,« kläglichen Todes. ' „Diese-, Herr Rabbiner!" so fuhr Or. Bafilides nach einer kurzen Pause fort, „ift mein Lebensbilds welcheich nach den ausführlichen Schilderungen in dem Tagebuch meine- Erzieherin den enge« Rahmen einer Erzählung zusammenstellte'; und hier", so fügte er hinzu, dem Rabbiner ein dicke- Buch überreichend, „ist die hebräische Bibel, dies,- geistige Band, weichtmich ewig mit meinem unglücklichen Dat.r verbinden. wird. Jetzt werden Sie erkennen. daß emir heilig, Pflicht ist. al- Jude leben und mein Dasein zwar der ganzen Menschheit, aber in »rhöhetem Maße dem Dohle meiner Glauben-brüber zu widmen." Lange schwieg der greise Rabbi. Die Erzählung de- Doctorhatte einen riefen Eindruck auf ftine Seele her-'"- vorgebracht, und alte halbverschwommene Gestalten tauchten aus dem Hintergründe seiner Erinnerung auf.

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