Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 41 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1S2 lauschend an der Seite de- Toctor DasilideS, welcher ihm näher rückend Folgendes minheilk«. „Sie wissen, daß der Dr. ApollonioS. seligen Andenkens, mich als ein liebender Vater sorgfältig erzog. In meinen Armen schwebte seine edle Seele einem besseren ZenseitS zu. Vor seinem irdischen Abschied vertraute ft meinen Händen alS eine beilige Reliquie ein verborgenes ' schwarze- Kästchen an, in welchem ich zu meiner lieberraschung sein auSsübrlich geschriebenes Tagebuch fand. Tiefe LebenSckronik jenes cdeln Mannes schildert, aber nicht nur daS Bild seines irdischen Dasein-, sondern auch das des meinigen. Ja. aus der ganzen Anlage I«neS Werkes erkenne ich. daß er es nur' für mich niedergeschrieben baue, denn öfter bilder den Inhalt mehrerer Seikew^ne berzliche Ansprache an mich über die höchsten Wabrbeiren im Denken und Kühlen und wenn ich jetzt diese an mich gerichkeren Reden lese, dann böre ich die Geisterstimme meineabgeschiedenen FreundeauS dem friedlichen JenseirS himmlisch ertönen. „WaS nun mein eigenes LebenSfchickfal betrifft, so kann ich diese-. alle einzelnen unwesentlichen Ereignisse übergebend. Ihnen, so reichhaltig es auch für mich ist. dennoch in wenigen Hauptzügen kurz darstellen. Zu M.. jener bedeutenden russischen Handelsstadt, lebte Samuel Rabbinowicz in bäusttLer Glückseligkeit an der Seite seiner treuen von ibm innig geliebten Gattin Rachel. Durch Fleiß und Redlichkeit batte dieses Ehepaar,- meine Eltern, sich einen ieften Wohlstand begründet und in ibren Herzen lebte kein anderer Wunsch, als durch Elternfreude beglückt zu werten. Im sechsten Jahre »hrer patriarcha» lischen Ehe sollte ich ibnen diese Elvernfreude bringen, wurde ich nämlich alS ibr Söhnchen Raphael geboren-. Ich blieb daS einzige Kind dieser beglückten Eltern, auf mein kleines Haupt sammelten sich alle Strahlen väterlicher Sorgfalt, zärtlicher mütterlicher Liebe. Ausschließ: - lich für meine Erziehung wurde eine Pflegerin reichlich besoldet und zwar eine Cbristeysrau, damit auch am Sab« bath die für mich nökbigen Nahrungsmittel zubereiket werben konnten. Zur Freude und Wonne meiner beseligten Eltern wuchs ich kräftig heran und zahlte bereits drei Jahre als ein tückisches Scharlachfieber mich krank auf das Siechbett warf. Vergebenbot der Hausarzt meiner Eltern, vr. Leander, alle seine Kunstmittel aus. daam Dochte nur noch schwach zitternde LebenSflämmchen zu kräftigen, vergebenspendete« die zagenden Eltern den Dürftigen bedeutende Almosen, um mein jungeS Leben zu erkaufen, immer matter glomm daS schwache Lebenssünkchen. Di» griff meine gebeugte Mutter zu einem verzweifelten Mittel, sie gelobte zwei auf einander folgende Tage ununterbrochen zu fasten, erfüllte mit unerschütterlicher Festigkeit ihr heiliges Gelübde und stehe am zweiten Abend. ,alS sie mit Wasser und Vrot daweihevolle Fasten nach einem andächtigen Gebete schließen wollte, da ward meine glühende Fieberhitze durch den lang erhofften Schweiß endlich gemildert, die kindliche Lebenskraft erholtesich wieder, meine Gesundheit nahm von Tag zu Tag wieder zu und meine liebe Mutter lebte der beseligenden lieberzeugung. daß sie durch ihr fromme- Fasten mich dem TodeSengel entrissen hätte. Die kindliche Gesundheit ist schnell erschüttert, aber eben so schnell auch wieder befestigt und nach wenigen Monaten blührte ich schon wieder in rer Vollkraft de- LebrnS. Beglückt war wieder der Vater, wann rr. wie früher, am SabbalhrAbend feine Hände segnend auf mein schwarz belocktcS Haupt legte, wonnetrunken, noch weit mehr alS früher, rührte der beseligte Blick meiner Mutter auf mir, wenn sie sprechen, konnte: diesen Knaben habe ich erbete:. Dock, ach; je' höher der Sterbliche zum GlückSgipfel rmporklinimt. desto furchtbarer zerschellt diese Seligkeit. wenn sie mit ruchloser Hand in die Unriefe geschleudert wird. Am Abend deS PersLbnungStageS. als nach langem Fasten und Beten meine Eltern auS der Synagoge nach Hause kamen, alsie erwarteten, daß. wie gewöhnlich, der muntere Raphael an. der Hand feiner Pflegerin ihnen freudig entgegenfpringen würde, da fanden ste. zu ihrer Bestürzung, die Fenster des Wohnzimmerunerleuchtet, die Hansthür verschlossen. Sie pochten, sie riefen, sie schrieen, rannten verzweifelt umher. Keiner der Nachbaren konnte ibnen Aufschlüsse über ihr Kind und dessen Pflegerin errbeilen. Endlich gesellte sich zu dem Aufstande vor dem Hause der Postbote für diese Straße und dicser, in» Hanse meiner Eltern bekannt, erzählte, daß er an jenem Mittag die Ursula mit dem kleinen Raphael nebst einem Koffer in dem Postwagen habe abfahren seben. Inzwischen war auch von einem herbeigcbolren Schlosier die HauSthür geöffnet worden^ und auf rem Tische fand sich ein Zettel, von der Pflegerin Ursula geschrieben, folgenden Inhalt-: „Wenn Ihr heute Abend nach Haufe kommen werdet, bin ick 'mit Euerem gewesenen Sobne. der früher Raphael hieß, jetzt aber Chriftophor genannt wird, weit von Euch entfernt, um ihn als einen fton>men Christen weit von Euch in. einem Kloster erziebrn zu lassen. Denn als Euer Sobn krank, dem Lode nabe war. dauerte mich dessen gute Seele, daß sie zur ewigen Verdammniß wandern sollte, deshalb beredete ich, als ich weinend neben dessen Krankenbette saß, einen ftommen Cbrlsten, welcher damals ganz allein mit mir im Zimmer sich befand, da- Kind schnell zu taufen, um seine gute Seele für den Himmel zu retten, da sie doch für die Erke verloren fei. Jener gvtte-fürchtige Mann, den ich aber^ durch einen Schwur gebunden, nickt nennen darf, vollzog auch vorschriftmäßig die beilige Taufe, und hierdurch wurde Euer Sobn ausgenommen in den Sckoß der heiligen Kirche. Der liebe Gott gab ibm seine Gesundheit wieder, denn Er wollte, daß Euer Sobn als Christ auf Erden lebe und wirke, deshalb ist eS mir heilige Pstichk, ihn alS solchen erziehe» zu lassen. Suchet nicht nach mir und den lieben Chrlstophor, denn außer jenem Manne, der ihn getauft hat, weiß auf der ganzen Erde Niemand, wohin ich mich mit dem Kinde begebe. Seid übrigens unbesorgt, der junge Christ wird gkwiffenhaft und gotte-fürchtig erzogen werden und einst wird er für Euch bete«. Euere Dienerin Ursula." ..Diese Nachricht erschütterte daS. durch daS Kasten ohnedies sehr reizbar gewordene Nervensystem meiner guten Mutter so sehr, baß sie die ganze Nacht hindurch von einer Ohnmacht in die andere fiel und nickt die mindesten Nahrungsmittel zu sich nehmen konnte. AuS dieser furchtbaren geistigen Erschütterung bildete sich eine stark« Hirnentzündung, meine Mutter verfiel in Irrsinn, welcher nur selten durch wenige lickte Minuten unterbrochen wurde und von welchem ste nach einem furchtbaren Komps« von