Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 40 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 159 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ISS fPobfn. Zu fürchten brauchst Du Dich nicht, denn Dein Bruder wird ja hier schlafen." Eben trat der Pferdejunge ein und meldete, daß da- Pferd schon ungeduldig würde. Noch einmal umarmte der Mann feine Frau, dann stieg er auf den Wagen, der lustig durch die Straßen LiffaS fonrollte. Die Frau blickte ihm. vor der Thür stehend, nach. Nur kurze Zeit hatte der Unmuth über die vereitelte Hoffnung in ibrem Herzen überhand genommen; aber bald schwand er. indem sie an die so zahlreichen Lieb,-beweise ihres Mannedachte, und schluchzend ging sie in'S HauS. Gott bittend, ihn ibr gesund zurückzuführen. Rebecka war eine berzen-gute Frau, vollkommen geeignet. ihren Mann zu beglücken, nur behaftet mit. einigen Schwäche», die mehr oder weniger den Töchtern Evaeigen sind. In den letzten Jahren hatte sich da- Geschäft ihre- Mannevergrößert, und er wollte de-halb, und zwar zum ersten Male, nach Frankfurt zur Messe.reifen. Rebecka batte sich geschmeichelt, mitreisen zu dürfen, denn sie wollte auch einmal anderen Leuten, als den guten Liffaern ihr gesprenkelte- Lila-Seivenkleid, ibre Erbsen« kette, sechs Mal umzulegen, und ihre dicke, goldene, von der Großmutter ererbte Uhr zeigen. Und wenn sie in Frankfurt, so geschmückt, auder Schul kommen wird, werden sich die Juden fragen: „Wer ist da- Weibche?" und einer au- Liffa, der sie kennt, wirb sagen: ..-kennt ihr sie nicht! daist ja dem Davidleben au- Liffa sein Rebeckche"; die anderen aber werden bewundernd auSrufen; „Awadde, ein schön' Frauche!" In dergleichen Gedanken hatte sie lange geschwelgt; aber wir haben gesehen, welchen Strich ibr Mann durch ihr Rechnung gemacht hatte. Dieser rollte indessen auf der Landstraße in seinem Wägelchen lustig dahin. Er batte sich anfangs Borwürfe darüber gemacht, zu hart gegen seine Krau gewesen zu sein; als er aber daran dachte, wie beschwerlich die Reise, wie tbeuer Wohnung und Kost in der Meßstavt, und daß er ihr wenig Vergnügen dort verschaffen könne, weil er die Stadt selbst noch nicht kenne, so fand er sein Betragen gerechtfertigt, und pfiff den neuen Lochu dodi-Stigen. vom jungen Liffaer Chasan, welcher Stigen sich, damals einer solchen PolkSthümlichkeit erfreute, daß ein unternehmender Geist damit umgegangen sein soll, iht» auf den Leierkasten zu bringen. ES war schon ziemlich dunkel, als der Reisende ein Dorf erreichte, in dem er übernachten wollte. Nach ihm kamen noch mehrere Fuhrleute und andere Meßreisende, so daß die Straße vor dem WirrhShause von Wagen fast versperrt war. Einem der Fuhrleute war die Deichsel von David'S Wägelchen sehr im Wege, weil er dadurch feinen Wagen nicht in die gehörige Stellung bringen konnte. Er entschloß sich schnell, drehte, nicht ohne einige Mühe, das Wägelchen um, und schob die Rückseite seine- Wagendicht an die Rückseite jene-. Der Besitzer de- Wägelchenhatte bispät in den Dag hinein geschlafen, und old er erwacht« und zum Fenster hinabblickte. war kein Wagen mehr, außer dem seinigen. zu seben. Nachdem er da- Morgengebet verrichtet und gefrühstückt hatte, ließ er anspannen und fuhr weiter. Emochte ungefähr Mittag sein, alihm ein junger Mensch entgegen kam. den er. für einen Studenten aasah, und der ein lustige- Lied sang. „Wie weit ist enoch bi- Frankfurt?" fragte idn David. „DiS Frankfurt?" wiederholte der, „nicht mehr weit, ungefähr drei Meilen." '-. „Drei Meilen! daist nicht möglich, lieber Mann, Sie täuschen sich, eö muß bedeutend weiter fein." „Herr!" entgegnet, der Student, scheinbar aufgebracht, „wenn Sie ewagSn, meine Worte zu bezweifeln, so-" „Nu. nu. ich glaube eja schon", beschwichtigte ibn der Meßreisende, sich innerlich darüber freuend, wie^stbnell sein Pferdchen au-grene; renn er hatte erst in der Rächt Frankfurt zu erreichen gedacht, und nun konnte er schon Abenddort sein. So setzte er seine Reise fort, und er konnte nicht mebr fern vom Ziele sein, alsich zwei Windmühlen seinem Blicke darboren. „Die Mühlen werden koch in dieser^Gegend ganz so gebaut, wie bei un-", dachte er. Nach kurzer Zeit bog er in eine Allee ein. „Wie hühfch", bemerkte er bei sich, ..daß die Frankfurter auch eine so schone Allee, wie wir zu Hause haben. Wenn ich mapchmäl de- Abends hier spazieren gehey werde, werde ich denken, ich bin daheim." Er hatte dir Allee verlassen, als bereitdunkelte; aber schon winkten ibm Frankfurt- Thbrnre. deren schöne Bauart ihn sehr erfreute, weil sie ihn an die der Thürme seiner lieben Vaterstadt erinnerte. ES war ganz dunkel, aler endlich in Frankfurt einfuhr. Er wunderte sich jedoch sehr darüber, daß man auch hier noch keine Straßenbebeleuchtuag cingeführt habe. Wenn man in Liffa noch keine Laternen brenne, so wäre danicht zu verwundern, .aber in Frankfurt! — Da er so billig wie möglich wohnen wollte, so stieg er in einem Gasthofe vor dem Thore ab. Er hatte wieder, wie am vorigen Tage da- Glück oder Unglück, zu lange zu schlafen, und die Sonne schien schon in- Fenster, aler erwachte. Zuerst wollte er sich Frankfurt etwanäher ansehen und fand zu feinem 'Erstaunen die Straßen so leer, waihn um so mehr befremdete. da er ein große- Gewühl erwartet hatte. «Sieh', sieb", dachte er. die Häuser betrachtend, „die Straßen hier haben viel Aehnlichkeit mit denen Liffa-." Dadurch kam er zu der Ueberzeugung, daß seine Vaterstadt gar kein so häßliche- Städtchen sein müsse, da man hier in Frankfurt gerade so baue, wie bei ihm zu Hause, rmv Frankfurt den Ruf habe, eine hübsche Stadt zu seiu. Er hatte bisher die Häuser link- und rechtangesehen. Betrachtungen darüber anstellend, wie doch die- Frankfurt dem Liffa so ähnlich wäre, und daß ihm selbst die Lrute auf der Straße bekaant vorkämen, aler plötzlich seinen Blick gerade aus richtet und dicht vor sich sein Weib Rebecka erblickt. „Rebeckche!" ruft er verwundert, ..seh' ich recht?" Bald abe» verwandelte sich sein Verwund«« ^n den größten Zorn. „Du bist mir also nach Frankfurt nachgekommen, und ich. habe ,8 Dir au-drücklich verboten. So also gehorchst Du den Befehlen Deine- Manne-! Ich habe Dich nicht mitnehmen wollen, und Du reist heimlich her!"