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Jüdisches Volksblatt · 1859-01-01 · 39 (1859) · p. Seite 155

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1859)
Issue
39 (1859)
Date
1859-01-01
Page
Seite 155 (sequence 3)
Language
German
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155 „Welche Aufträge, weither Bruder, hat er Dir vor seinem Eintritt in die Ewigkeit noch aufgeLeben?" „Rur Wenigcö", erwiederte BasilideS. ..vermochte er noch mitjutheilen; die verwundete Lunge erschwerte ihm da- Sprechen. Er nannte mir einige gefabrlich verletzten Patienten, denen er auf heute Abend noch einen Besuch versprochen batte und ersuchte mich dringend, ibnen meine Fürsorge zu widmen." „Tu wirst doch nicht, mein werther Sohn", enrgegnete der HigumenoS. „die LaienprariS unseres Heimgegangenen Freundes fortsetzen wollen? Bedenke, hier unser seliger Bruder bat durch sie sein Leben verloren!" ..Hochwürdiger Vater", erwiederte fest Basilides, ..mir einem Schwur habe ick dieses bier meinem seligen Vater versprochen, und von diesem Schwur, einem Sterbenden geleistet, kann ich nickt entbunden werden." v Eine tiefe Stille herrschte einige Minute lang in der düsteren Zelle; endlich begann der HigumenoS: . ..Du sollst Deinen Sckwur dalten. doch ich entbinde Dich eines anderen Theils Deines heiligen Gelübdes: Dü sollst, so oft Du die LaienprariS auSübst. nickt in unserem hehren Klostcrgcwand erscheinen, das Heilige nickt in den Hausern von Ketzern und Juden entweihen, sondern Du erscheinst dann im weltlichen Anzuge in Deinem weltlichen Dienste. Die sterbliche Hülle dieseseligen Bruders soll in die Kirche getragen und von Brüdern bewacht werden." Und ohne den jungen Atzt zu grüßen, «erließ stolz der HigumenoS nidu ohne tiefe Entrüstung mir seinem Begleiter die Zelle. Wieder setzte sich Dr. BaslliteS zur Seite der -ihm theuren'Leiche und überließ sich dem Drangen und Wogen seiner Gedanken und Gesüble. Klar erkannte er, daß die ihm vom HigumenoS auferlegte Strafe ihm zur Ausführung seiner Pläne höchst förderlich fei; doch die Frage, welchen seiner verschiedenen Entwürfe er zuerst ausführen, welche Wege er als die sichersten einschlagen muffe, bildete lange den Gegenstand seiner Erwägungen. Da lenkten mitten in seinem Nachsinnen schwere Tritte seine Blicke auf die Thür; in dieser erschienen die Klosterbrüder mir einem Katafalk; die Leicke des verstorbenen Bruders ApvllyniSS wurde unter verschiedenen Ceremoniet in die Klostetkircke getragen, wobin sich, durch die Todtenglockc gerufen, alle Mönche begaben. Noch befand sich der junge Docror in der Zelle des Verblichenen,• auS welcher eine Seitenlhür in sein Laboratorium sübne. Jetzt, so dachte er rasch, ist der Augenblick, den ick benutzen muß, dieser kommt nickt wieder. Und burna nahm er kaS Altarbild von der Wand, suchte und find die verborgene Thür und erblickte dann als den Inhalt deS versteckten Wandschrankes ein schwarzemit Silber beschlagene- Kästchen. Diesenahm er heraus, verschloß eS eilends in dem großen Schrank seines Laboratoriums, brachte das Altarbild wieder auf seinen früheren Platz und begab sich dann mit schnellen Sckritten zu den Brüdern in die Klosterkirche. Nach Beendigung deS TodtenamteS suchte De. Basilides seine Zelle auf, in welcher der Knabe Aleris mit dem Reinigen einiger Retorten.und ReagenSgläser beschäftigt war. Der Anblick diese-Knaben erinnerte ihn mit mahnender Stimme an den, heiligen Auftrag, welchen sein sterbender Freund ihm gab und mit Ungeduld erwartete er die Stunde, welche ibn alS Arzt in- Judcnauartier führen sollte? Doctov DasilideS hotte früher nur selten seinen allen Freund bes seiner LaienprariS begleitet und nur ganz abnorme Erscheinungen auf dem Gebiete der Heiskunde veranlagten ihi^. Kranke außerhalb deS Klosters zu besuchen,- weshalb er allen Bewohnern der Stadt unbekannt blieb. Mit aufrichtiger Theilnahme und mit tiefer Trauer vernahmen nun au- 'seinem Munde die treuen Anhänger ' deS DoctvrS ApollonivS, daß dieser biedere Freund ihnen entrissen wurde Und vertrauensvoll überließen sie sich der geschickten Behandlung seineleutseligen Nachfolger-, deS jungen KlosterarzreS. ' So oft der Morgen graute, so oft der Abend dämmerte, eilte vr. BafilikeS mit gewiffenbafker Pstichttreue von Haus zu HauS deS grausam heimgesuchren Juden, quarticrs. um den körperlichen Leiden Linderung und dengebeugten Gemülhern Trost zu bringen. Es öffneten sich idm die Herzen der > schuldlosen Dulder und ohne viel zu fragen, erfuhr er alle Einzelheiten der stattgefundenen / Gräuclscenen, alle schritte und Versuche, welche darauf* die Juden bei den tädtischen Behörden unternahmen, um die rohen Miffethä er vor den Richterstudl zu bringen, um die Geplünderten zu entschädigen, besonderaber^ um den eingekerketten Jakob Po-kowitzer von der ihn. bedrohenden Todesstrafe zu retten. Schon bedeutende Summen waren heimlich den betreffenden Justizbehörden zugestcllr worden, um sie für ein milderndellrtdeck zu gewinnen; allein alle aufgebotenen Mittel und Derwen. düngen erzielten npr ein Verschieben deS ProceßgangeS, ohne die Richter itn mindeste» in der Ueberzeugung zu erschüttern, daß der Äorsänger der wirkliche Mörder kcS , verschwundenen Ehristcnknaben sei. Diese lleberzeugung. welche' ebenfalls der größte Theil der Stadtbewohner l> hegte, würde noch öfter jene haarsträubenden Gräuelscenen der Prsacknacht wiederholt bähen, hätte nicht der Stadtcommandant. auf die kräftigsten Vorstellungen deS dort resibircnde« preußischen EonsizlatS. durch zweckmäßig ausgestellte Militairahtheilungen ferneren AuSbrüchen der Pöbelwutb vorgkb^ugt. -- Müde von feinen Krankenbesuchen saß I)r. DasilideS in seiner sorgsam verschlossenen Zelle und laS eifrig in' Manuskripten, welche den Inhalt des vor ihm ausgeschlossen stehenden schwarzen Kästchenseines verstorbenen väter. licken Freundebildeten. Die verschiedenartigsten, sich widersprechenden Gesüble malten sich aus seinen, die höchste Seeleospannung verrathenden Gesichlszügen. Bald loderte in Zornesflammen sein dunkele- Auge, bald umspielte ein sanftes Lächeln seinen halbgeöffneten Mund, bald sogar rannen Thränen dfr Rührung über seine glühenden Wangen. Er laS aufmerksam. er las lange, biS endlich seine immer düsterer werdende Lampe ihn erinnerte, .daß Mitternacht schon längst vorüher sei. Er küßte daS dicke, enggefchrie- Buch, bei welchem ihn jetzt zum dritten Males schon die Mitternacht überraschte. legte eS dann wieder in daS Kästchen von Ebenholz, welcheer hierauf vorsichtig in seinem Laboratoriumschrank. verbarg. Aufgeregt ging er bann in seiner Zjelle auf und ab, zu heftig wogte und tobte eS in feinet Brust, als daß der Schlaf ihm'bätte Ruhe bereiten kennen. Abgerissene Sätze ohne Zusammenhang ließen nur schwach seinen Gedankenlauf ahnen. Endlich setzte er sich nieder und mit dem abgeschiedenen

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