Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 39 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
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154 Nachdem der Knabe entfern: war. sprach mü sehr matter -Stimme der kranke Arzt zum Basilites: „Mein Sohn, setze Dich ganz nabe ^u mir. ich babe Dir eine fürchterliche Entdeckung mirzutbsilen." - Ter junge Arzt erinnerte ihn. seines schwachen Kräfte zu schonen und erst nack einem ftarkesttcn Schlafe zu sprechen. Aber Dr. Apollonios erwieteNe ihm ,.5n klesem Leben werte ich nicht metr fchlasrn. Eins der edelsten Organe ist verletzt, nur noch Iwenige Minuten/ dieses fühle ich an meinem Atbmen, st»d anc zugezählt und tiefe laß mir benutzen, um mein Ge Brust zu legen, damit Du verhinderst. eimniß in Deine daß unschultige Menschen als ^xfcr der ruchlosen Hinttrlist fallen. Er erzählte nun mir matter Stimme unk nur in abgel brochcnen Sätzen, was er diesen Morg, n erlebt und ersabrcn habe. Er schilderte seinem st inp.cndcn . jungen Freunde, welchem daß im Iutenauarrier skangetündene Bluldrama noch gänzlich unbekannt war^ das grauenhafte Bild rer Zerstörung, der Rohbeit und des Fanatismus und steUte dann die verschiedenen Getstble dar. welche durch dieses gräßliche Ereigniß in seiner eigenen Brust geweckt wurden. j ..Ich wgr böchst empört", fügte er dann mir Sammlung älter seiner immermebr schwindenden Kräfte binzil, ..empört- und versteinert durch den unmenschlichen Wahn der Juden, der sie zu Menschenfreffern herabwürdige und schwankte auf der Thürschwelle einrs langjährigen jüdischen Freundes rm Zweifel, ob solche verblendete Barbaren ineincs Beistandes wenhseien. Endlich! kämrsre ich diesen Zweifel nieder, verordnte Hüftsmittel dann selbst in die Kucke, um der Magd des Trantes' a: ^schreiben. ivelcker das abküblcn sollte. Starr der Magd aber, wegen erlittener Mißhandlungen regungsl »rnt begab mich die Znberkilung aufgeregte Blut welche ebenfalls >s in ibrer Kammer. lag. sank ick am Herde eine Ebristcr flau, die Gattin eines mir bekannten armen Schuhstickcrs. welche in jenen» Judenbausc am Sabbath dienstliche Verrichtungen versiebet. ,Jn Gegesiwari dieser Frau äußerte ich, mebr im Selbstgespräche: ^nich jammern kiese Unglücklichen, obgleich stc Strafe westen der verruchten Mordthar verdfienen. — ..Dürfen wir kenn Mitleid fühlen für Juden?" fragte erstaunt mich anblickend diese Frau. ..Ist es nickt rin gottgefälliges Werk, die Feinte unseres Heilandes zu verfolgen? Mich hat der ehrwürdige Bruder Eucharios schisst diesen Morgen wegen meiner Thar sehr gelobt und miv aus ein ganzes Jahr bin Ablaß für meine zukünftigen Sünhen versprochen." - — „Für welche Thal?" stagle ick nun. aufmerksam werdend. - ..Nun für mem Werk mit den blutigen Kleidern des kleinen Peter", erwiederte sie mit gedämpfter Stimme. Hier ein schändliches Gchcimniß ahnend, nahm ich schnell ebenfalls einen anderen Ton an, lobte ibren Judenbaß. ihr gottgefälliges Werk und erfuhr endlich, Dank meiner Klosterkleijkung und meinem Ruse der Heiligkeit, von der geschwätzigen Frau als Beichtgeheimniß. daß der vermißte E.hristenknabe, den die Juden geschlachtet haben sollen. Dem Mrid^st. dessen mit Blut künstlich besteckte Kleikungsstück«dttn Eucharios jener Schuhmacherfrau. eingedäntigt wurden, um sie in dem Keller eines Juden, derart zu verstecken, daß sie nur von einem bestochenen PoUzeidiener aufgefunden werden konnten." Dieser, out vieler Anstrengung und in abgebrochenen Sätzen ssritgerheilte Bericht hatte die abnehmenden Kräfte des hin kerbenden Greises so erschöpft, daß er leichenblaß niedersank und einer tiefen Ohnmacht unterlag. Der ibn verehrende junge Arzt wandte alle möglichen Belebungsmitte! an. um die tief gesunkene Kraft nochmals zu heben. Es war dies ihm auch endlich gelungen. Der matte Greis schlug noch einmal die Augen auf, bauchte nochmals das schwach glimmende Fünkchen des Bewußtseins und der ^Erinnerung an und sprach dann, die Hand des tief ergriffenen E>r. BasilideS. ergreifend: „Lebe wohl, mein Sohn! rette die gefangenen Juden! Ich bin ibnen diese Rettung schuldig; rette sic für mich. Hier bast Du den Schlüssel zu meinem' Schrank, dorr hinter dem Altarbilde ist die Thür. Mein Tod für die Juden ist die Sübne fhr das an ibnen vergangene Verbrechen. Ich sterbe in Frieden, hier findest Tu in dem Schranke." Die Schwäche versagte ihm die Sprache; nur sanft deutele er mit der Hand bin, mit welcher er den an einer seidenen Schnur um den Hals hängenden, kleinen Schlüssel dem lüngeren Arzte gereicht hatte. Tiefer fiel der Kopf rüstwärts und der sterblichen Hülle entschwebte die edle Seele. Mächtig erschüttert, daö Gesicht mit beiden Händen bedeckend, saß der junge Arzt neben dem entseelten väterlichen Freunde. Er batte viel, er hatte Alles verloren! Dunkel und düster war cs in seiner Seele, ihm dünkre der eigene Geist erloschen, so innig füblte er an fenem entschwundenen Geiste sich gefesselt. Dieser väterliche Freund erschloß rbm nicht nur die Hallen der Wissenschaft, sondern zündele auch in seiner Seele die Fackel der höheren und reinen religiösen Erkenntniß an und befreite ihn durch ihren, himmlischen Schein von den dämonischen Schatten des Wahnes, des Aberglaubens und der VerfolgungSsucht. welche rings um ibn her seine Umgebung beherrschten. Der Verblichene war ibm auf der ganzen Erde der einzige Freund, dem er seine Gedanken und Gefühle unver schleierk und ungeschminkt mittheilen durfte, er allein konnte seine innere Welt verstehen, weil sie als daS Er zeugniß seines geistigen Vaters kastand. Nun fühlte sich der tief Erschütterte losgerissen von der. Menschheit, sie erschien ihm fremd, abstoßend, besonders, aber erfüllte ihn jetzt mir Widerwillen und Abscheu das Kloster mit allen seinen betrügenden und betrogenen Menschen, mit Verachtung und Ekel gedachte er des Higumenos. dieses Teufels in Menschengestalt.. „Ja. ich will sic in Deinem Namen retten!" So rief er aus, sich schnell erhebend, da pochte cs an der Thür und in die Zelle trat der Higumenos begleitet vom Bruder Eucharios, um nach dem Befinden seines alten wenben Bruders sich zu erkundigen. BasilideS,. sich schnell fassend, erwiederte ruhig, auf die Leiche deutend: „Seine Seele weilt in einem besseren Leben und zuur ersten Mal milderten Thronen seinen tiefen brennenden Schmerz. Auch der Higumenos war durch diesen schnellen Hintritt bestürzt und konnte sich deS Ausrufes nicht erwehren: „Wir haben einen frommen, gotteSfürchligen Bruder verloren!" „Schade!" fügte Eucharios hinzu, „Schade, daß ein solcher unwürdiger Dienst ihm das Leben raubte!"