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Jüdisches Volksblatt · 1859-01-01 · 38 (1859) · p. Seite 150

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1859)
Issue
38 (1859)
Date
1859-01-01
Page
Seite 150 (sequence 2)
Language
German
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150 von seiner Unschuld durch alle möglichen Brrheucrungen den Polizeibeantten zu überzeugen. ..Du willst nichtbekennen?" crwiederte dieser, ..nun so muffen wir Dettr.Haus durchsuchen. Du selbst sollst die Wege uns zeigen." Mit rohen Stößen trieben nun diese Wächter der Sicherheit den bebenden Vorsänger vor sich der. beleuchteten alle Ecken und Winkel deS HauseS; endlich nach langem Suchen zog ein gemeiner Polizeigebülfe im Keller hinter einem Fasse ein Klriderbündel hervor und schrie triumphirend: ..Hier, bier! laßt sehen, welche Kleider sind bier?" Schnell wurden die zerlumpten Kleider ausgebreitet, beleuchtet^ und welch' ein entsetzlicher schrei! ..ES sind die Kleider defehlenden Peter! Seher bier die Blutflecken! Armer Cbristenknabe! — WaS siel da auf den Boden? — Ha! der Jude ist in Obnmachl gefallen, der Verbrecher ist überwiesen, bindet ibn!" In seiner Ohnmacht wurde der Jude gebunden, da erwachte er durch das kannibalische Rütteln aus seiner Bewußtlosigkeit, er blickte scheu umher, da enrsann er stch nach und nach des VorgefaUenen; er schwieg und ließ willenlos fiL von den rohen Schergen fortschleifen. Schon batten ste den leichenblaffen Mann bis zur Hau-tbür geschleppt, da stürzten verzweifelt testen Frau und Tochter .vor dem Polizeicommissair nieder und schrieen herzzerreißend um Erbarmen für den Schuldlosen. ..Bindet auch diese und schleppet ste mit!"' rief der Barbar seinen Knechten zu. UnL auch die Göttin und die achtzehnjährige Tochter des unschuldige» Schlachtopfers wurden gebunden und gewaltsam dem Kreise der jammernden und weinenden Kinder entrissen. Die aufgefundenen Kleider, wie ein erbeutetes Siegeszeichen im Fackelscheine einem wirren Menschenknäuel vorausgerragen. wurden vom aufgehetzten Pöbel als heilige Reliauien geküßt, während die hinter denselben cjnbergeschlrifrrn gebundenen Unglücklichen beinahe - den rohen Ausbrüchen der wülbenden Meute unterlagen. Die blutgefleckten Beweismittel für daS begangene Verbrechen wurden der Justijbeböree überliefert, die drei Gefesselten in verschiedene Kerker gebracht, während dessen aber tobte daS robe Gesindel mit ai^gelaffener ZerfiörungSwuth in den. Judenhäusrrn umber; es betrachtete dttft, seitdem die Zeichen der Mordtbat aufgefunden worden waren, für vogelfrei, raubte, plünderte, zerstörte und stieß nieder Jeden, der sich zu widersetzen oder nur zu verlheidigen wagte. Die empörendsten Gräuellharen, haarsträubende Mißhandlungen hatten die Juden in jener fürchterlichen Nackt zu erdulden und mit Abscheu wankte der GeniuS der Geschichte sein AuLe hinweg von der entmenschten wülbenden Rotte. Die ausgehende Frühlingssonne verkündete den ersten Pesach-Morqen. riet die Gemeinden Israels inS GotteshauS, um dem Allvater zu danken für die Befreiung aus MizrachimS Sklavenhause, für die Erlösung auS der Tvrannenhand eine» grausamen Pharao. Auch auf jenes beimgesuchte Judenviertel' sandte die Pefach-Sonne ihre belebenden Strahlen, aber sie beleuchteten ein düsteres Bild grausamer ZerstörungSwutb. Da lagen auf der Straße umher, aus den erbrochenen Waarenlagern geschleppt, die kostbarsten Stoffe von Sammr und Seide zerriffen, zerfetzt und in Schmutz getreten; aufgefcklagene jOtl« und Weinfässer bildeten große Lachen, in welchen Colonialwaaren und zerschnittene Pettstücke zerstampft waren, Spiegel und GlaSgeräkhe klirrten in Splittern umher und ausgehäufte zerbrochene Stüble und Tische bemmren oft dem bineilenden Fuße den Durchgang. Zwischen diesen, von einem planmäßig geleiteten Vandalismus geschaffenen Trümmern bewegten sich bleiche, schwer verletzte Männer, nach Frau und Kindern rufend, welche in der gräßlichen Nacht in entlegenen Winkeln sich zu verbergen suchten, folgten von Söbnen und Töcktern geleitet edelbenkende Aerzle. um den verwundeten und bewußtlos daliegenden Eltern Hülfe und Beistand zu bringen. Aber auch noch einzelne betrunkene Raubrvtten taumelten lärmend und tobend durch die Stätte der Zerstörung, ungern stch von dem Schauplatze trennend, auf welchem die rbierische Rob- .heü ungezügelt würben konnte. Einige von diesen Strolchen waren gerade Willens, ungestüm in ein noch unversehrtes Judenbaus einzudringen, als aus demselben im Mönchgewande ein GreiS trat, der durch Worte und Geberden dem anfirömenden Tröffe den Eintritt zu verwehren suchte. „Ich bin ein Arzt", rief er mit angestrengter Stimme den Berauschten zu. ..bier in diesem Hause liegt cm Vater und dessen Sohn tödtlich verwtmder, bleibt fern von diesem Orte deS Elendes!" Aber dieser Mahnruf des GreiseS wurde von der Rotte tbeils nicht verstanden, tbeils nicht beachtet, und mit dem Schrei: „er ist ein verkleideter Jude, stoßt ihn weg!" drängten die hinten Stehenden vorwärts. Der Mönch strengte seine schwachen Kräfte an, u« den Eingang gegen die wilden Anbränger zu verlheidigen, da empfing er im Tumulte mit einem Matrosenmesser einen solchen Stoß, daß er ohnmächtig niedersank. Nun sprang ein Polizeidiener hinzu und rief mit mächtiger Stimme: „Wer hat den ehrwürdigen Vater ApollonioS erstochen? Fluch über den gottlosen Mörder!" Bei dem Namen: Vater Apollonios wurde plötzlich die tobende Rotte nüchtern, scheu stoben ste auS einander und ließen den bewußtlosen Klosterarzr in seinem Blute an der Thürschwelle liegen. Der Polizeidiencr verschaffte sich Gehülfen. welche den ohnmächtigen Mönch vorsichtig auf eine Tragbahre legten und ihn inS Kloster brachten. ,Ao«scy-»z folgt.) Ucber Erziehung. Blumenlese auS verschiedenen pädagogischen und belletristischen Zeitschriften. H. Die geistige Erziehung und Bildung de« Kindes. Die Wichtigkeit und Notbwendigkeit einer frühzeitigen sittlichen Bildung gebt schon aus der Tiefe der ersten Eindrücke hervor, indem dieselben in der Regel für das ganze spätere Leben von größter Bedeutung bleiben. Unendlich viel achtet das Kind auf seine Umgebung; von den Menschen, die sich in seiner Nahe befinden, will eS die Außenwelt, die seinem Geiste noch verschlossen liegt, eröffnet baben und die Tinge verstehen lernen, welche es wahrnimmt. Schon nach wenigen Wochen, wenn daS Muttersuge selig im Anschauen ibres Kindes ist und des

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