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Jüdisches Volksblatt · 1859-01-01 · 38 (1859) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1859)
Issue
38 (1859)
Date
1859-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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I Jüdisches Bolksvlatt Zur Relehrung und Anleehattung aus jüdischem Gebiete. „ Herartsgegeben von Rabbiner Vr. Ludwig Phllippson in Magdeburg. Mo. 38.1859 ] vou dikstt Zeitschnft erscheint wöchentlich eise Nummer. Prei» bei Jahrgangs 1 Thlr Vierteljährig 7',, Ngr. Alle BnLbantluogeu, Postämter und Zeitungsexpeditioue« uehme» DetzeMluge» au. s6. IllKrg. 3. Der geraubte Tohn. Ein Sittenbild der Gegenwart. Von vr. S. Formstecher, Rabbiner zu Lfsenbach'a. M. (Fortsetzung au» Nr. nr.) HI. Der Seber-Abend. Still und friedlich batte am darauf folgenden Tage der Abend seinen sternenreichcn Schleier über den Frühlingshimmel ausgebreitct und feierliche Rübe herrschte in dem sonst stetbewegten und belcbtxn Judenguanier. Alle Kaufläden und alle Krämerbuden waren geschloffen, keiner von den umherziehenden Hausirern nnd Trödlern war zu erblicken, leer und öde waren alle Straßen und Gaßchen; aber durch die mit Vorhängen bedeckten Fenster.schimmerten freundliche Lichter, welche deutlich verkündeten, daß die Familie alle ihre Glieder um die festliche Sabbctth-Lampe gesammelt batte, um hier nach den Mühen und Bitterkeiten d?S LrbenS durch die Festfeier sich zu stärken und sich geistig zu erheben. „Genießet diese- Brot de- Elendes und dieses bittere Kraut!" so sprach an jenem festlichen Abend der Familienvater zu seinen Tischgenoffen, „und erinnert euch, daß auch unsere Vorfahren Elend zu erdulden, die Bitterkeit deS Erdenlebens zu kosten hatten, doch stand der liebende Allvater ihnen stets zur Seite und hielt schirmend seine Hand über Israels bedrohelen Häuptern." — Auch im festlich erleuchteten Zimmer deS Jakob PoSko« nutzer, deS Svnagogen-VorsängerS der Gemeinde, ertönten von frobem Familienkreise die Festeslreder deS PesachabenbS; Söhne und Töchter begleiteten sorgenlos die melodischen Gesänge der schon bejahrten Ellern, da schwieg mitten im Donrage des TempelliedeS plötzlich der Vater und lauschend sab er mit fragenden Blicken seine Gattin an. Auch dieser entsank schnell daö Wort auf den Lippen und sie eilte unruhig dem Fenster zu. Die Kinder sahen erschrocken und entsetzt auf die Eltern bin. tiefe Stille herrschte im Zimmer, und nun war ein verworrene-, dumpfes Getöse deutlich zu vernehmen, welches wie ein rollender Donner immer näher der zitternden nnd beklommenen Familie sich zuwälzte. Fluchen und Schimpfen vermischte stch mit verzweifeltem Angstgeschrei. mit Klagen und Jammern. Durch schwere Eteinwürfe erschüttert zersplitterten die Fensterläden, klirrten die Scheiben, dumpfe mächtige Stöße erbrachen die HauSthüren, daS wühlende Wogen eines trunkenen brüllenden TroffeS wälzte sich mit satanischer Wutb durch die Judenfiraßen. „Mörder! ihr babr Cbristenblut vergossen!" so erscholl bnndertsach der Rache schnaubende Ruf durch die fürchterliche Nacht und beutegierig und mit viebischer Lust stürzte sich die entmenschte Rotte auf die wehrlosen bestürzten Judenfamilien. Wer auS diesen eS wagte Widerstand z» leistenz^Kut und Ebre zu retten,, den stieß das lange Malrosenmeffer-Oleder. oder den streckte die Wurb der geschwungenen Keulen zu Boden, mit welchen darohe Gesindel fick bewaffnet batte. Und dennoch ward ia diesem wirren Tosen und Toben ein gewisser Plan entdeckt, war eS nicht zu verkennen, daß die verschiedenen Rotten unter der Leitung mehrerer Anführer standen, welche Befehle crkheilten und Gehorsam i fanden. Wie ein wild brausender Bergstrom wogte die fluchende, schreiende Masse immer vorwärts. Jetzt wurde auch die HauSthür deS Jakob Pvskowttzer erbrochen, heftig mit glühenden Augen strömten fluchend Matrosen und Gesindel ins Zimmer, knirschend schwangen sie ihre langen Meffer, bebroheten Jeden mit dnitzAode, welcher I eS wagen würde-Widerstand zu leisten, plünderten im Ru alle- Silbrrgeräthe, welcheauf dem Tische sich befand, erbrachen Schränke und Kisten mit dem AuSrufe: „Jude! wo ist der Christenknabe, den Du geschlachtet hast!" Alle Gegenstände, welche nur den mindesten Werth hatten, KkeivunzSstüike und Geräthschaften wurden vom raubgierigen Gesindel hinweggeschleppr und nachdem es daS HanS so ziemlich ausgeleert und die ^urückgelaffenen Tische und Bänke mit kannibalischem Hobne zertrümmert batte, zogen sie mit ihrem entsetzlichen Schreien Weiler, um die ferneren Häuser zu plündern und zu zerstören. Stumm und versteinert blickten die erstarrten Familienglieder fick gegenseitig an; noch konnte der zugeschnütten Brust keine SchmerzenSklage sich entwinden, als sie durch einen neuen schauervollei^Auftrin auS -ihrer Betäubung aufgerüttelt wurden. Em Polizeicommiffair trat mit mehreren bewaffi neten Polizeidienern inS zerstörte Zimmer, beauftragte zwei | Männer die Thür zu, besetzen und Niemanden den AuSj gang zu gestatten, während er mit den übrigen die Räume > d,S Hausedurchsuchen wolle. Und zum zitternden Vorsänger sich wendend redete « densdiben barsch an. „Jude! eS fehlt ein Christenknabe, da- Volk sagt, ihr battet ihn geschlachtet, um mit feinem Blute euern Osterkuchen zu kneten. Du bist der Mann, welcher da- Zubereitrn dieser Osterkuchen überwacht. Gestehe, wo ist der Ehnstenknabe? Sprichst Du die Wahrheit, dann hast Du vielleicht Gnade, zu erhoffen, läugnest^Du, dann wehe Dir!''. Po-kowitzer hatte in diesem Augenblicke der höchsten Gefahr seine ganze Fassung wieder gewonnen und suchte V

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