Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 37 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
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mehr mit seinem (Srvmmente als mit der Vergangenheit dieses blöden unv niortkargen Knaben beschäftigt, hoffte später noch Ausschlüffe genug über die Verhältniffe von deffen Eltern zu erfahren. gab darum alle weiteren Erkundigungen vordersamst auf und begnügte sich mit der ihm vom Bruder EucharioS gewordenen Mittheilung, daß dieser Knabe in seiner Erziehung zwar sehr verwahrlost, aber dennoch der Sohn braver und frommer Eltern sei, welche, mittellos, fich glückl.ch schätzten, wenn AlenS zum frommen Klosterbruder herangebildet werden könnte. Der Doctor wünschte sich schon längst einen befähigten Zögling, welchen er unterrichten und für seine Wissenschaft und zuseiner Kunst heranbilden könnte; er freute sich deshalb recht aufrichtig, als ihm in aller Frühe der iunge AleriS als solch ein Zögling zugefühtt wurde, und obgleich der« selbe sich auffallend blöde uttd lappig benahot, in diesen wenigen Stunden schon mehrere Glasröhren und Abdampfschalen zerbrochen batte, so schrieb der Doctor in seiner Gutmüthigkeit dieses ganze ungeschickte Benehmen der Schüchternheit und Befangenheit seines neuen Schülers zu. nicht zweifelnd, daß schon nach einigen Wochen derselbe sich beimischer in dieser ihm fremden Umgebung mblen würde und baß er dann mit dem schnelleren geistigen Entwickelungsgange seines Schülers ltch freuen könnte. Selten verließ Or. Bafilikes feine Zelle, er ließ alle Gerarbschaften und Materialien für sein Laboratorium und für die Klosterapotheke durch die Laienbrüder aus ber Stadt sich besorgen; dennoch blieb ihm kein Fortschritt, keine Entdeckung auf dem großen Gebiete ber Wissenschaft unbekanitt, weil die beste Buchhandlung der Stadt ihm stets die neuesten Erscheinungen der Literatur zusanbte. Alle Bücher und alle Zeitschriften, welche die Ergebnisse der ausgezeichnetsten Forschungen tn der Naturkunde und in der Medicin niittbeilren, waren ihm bekannt und hierdurch trar in der abgeschiedenen Zelle l>r. BasiliveS mit den größten Gelehrten Europas in geistigen Verkehr. Besonders kamen ibm bei dem Stubiren dieser ausländischen Schritten seine auSgebreiteten Sprackkennmisse zu Hülfe, da er nicht nur lateinische und griechische Classiker geläufig las. sondern auch in den neueren Sprachen Europasehr bewandert war nnv deutsche, französische, englische und italienische Bücher eben so leicht wie seine russischen zu lesen verstand. Auffallend war eS. daß er sogar der; hebräischen Sprache seine Aufmerksamkeit zulenkte, wozu ibn eine hebräische Bibel veranlaßte. welche er einst unter den Büchern seine- Erziehers und zweiten DaterS zufällig auf dem Tische fand und welche er immer alS einen heiligen Schatz aufbewahrte. Noch war ber gelehrte Docror out der Herstellung seiner chemischen Präparate gedankenvoll beschäftigt, als ein bejahrter Klosterbruder ermüdet in sein Laboratorium eintrat und auf den Sessel sich nieverlaffrnd. zu dem ihm liebevoll entgegenkommenden Doctor äußerte: ..Ja, mein guter Sodn. die siebenzigjährigen Beine werden mir da- Treppensteigen bald verbieten." ..Aber, hochwürdiger Vater", erwiederte mit aufrichtiger Theilnahme der Doctor. „ist edenn noch nich tZeit, baß Du die LaienprariS aufgiebst?" Die Stadt besitzt doch der Aerzte genug, um allen Leidenden Beistand zu bieten; wenn wir den LebenSrag über so gewissenhaft unsere Aufgabe gelöst haben, wie Du sie-gelöst bast. dann dürfen wir am Lebensabende, den Du jetzt feierst, obne Bedenken dem Ausruhen weihen. Besonders wenn wir dabei noch fo streng alle Regeln unsereheiligen Ordens beachten, unS sogar noch Bußübiitngen auflegen. welchen nur wenige Drüber sich unterziehen, da ist eS gewiß in Deinem Alter nöthig, die vielfach angestrengten Lebenskräfte zu schonen und der Ruhe zu pflegen." -- „Oester schon", entgegne» der greise Arzt, „habe ich Dir meinen festen Entschluß mitgetheilt, daß. so lange ich athme und mich auch nur mühsam fortbewegen kann, ich ber leidenden Menschheit meinen Beistand nicht versage, die kummervollen Hütten auffuchen werbe, welche von unseren vornehmen Herrn College» absichtlich vernachlässigt und vergessen werden, weil entweder die Armuth in denselben ihnen keinen Gewinn verspricht, oder weil deren duldende Bewohner einem religiösen Glauben angehören. den ße verketzern un^ verdammen. Drese dürftigen, diese verketzerten und verdammten Kranken erwarten von mir Hülfe und Beistand und ihnen darf ich nicht, kann ich nicht meine Hand entziehen, trotzdem unser hochwürdiger HigumenoS mich öfter darob schon tadelte." „Aber dabei diese strengen Kasteiungen!" entgegnet, mit sanftem Dorwtkrf der jüngere Ärzt. „Sie sind niit meiner PrariS aufs Innigste verbunden^ erwiederte der gelehrte Greis. „sie bilden einen Tbeil meines Klostergelübdes, von welchem nur der^Tod mich | befreien kann. O, meine Schuld ist noch lange nicht abgetragen. welche im Bucke Gottefür mich ausgezeichnet , ist! .Noch muß ich Dieleleisten, bis ich mich seiner , Gnade wieder erfreuen können werde."! „Vater, darf ich noch nicht dadunkele Geheimniß I erfahren, welche- Dem Gemütb stets beugt, so tyrannisch Deine Seele foltert?" fragte »beilnehmend, ibm gegenüber sich niederlassend, dev jüngere Arzt. „Jetzt in meinem lfünfunddreißigsten Iabre bin ich kein Knabe mehr, laß mich jetzt Deinen fürchterlichen Seelendruck tbeisen. die Bürde wird Dir seichter werden. wenn ich sie tragen helfe." „Mein Sobn", erwiederte vr. ApollonioS, der ältere Arzt,, „laß noch diese Bürde allein mich tragen. Sie mit mir zu tbeilen, bist Du zwar nicht mehr ru jung, aber ick bin. wie eS scheint, noch nicht alt genug. Doch lebe der Ueberzeugung. daß dieser Mund, ehe ff auf ewig sich schließt. Dir mein Gebeimniß. noch mittheilen wird. Und sollte er zu schnell sich schließen, dann sindest Du in dem verborgenen Wandschrank, deffen Thür nur Dir bekannt ist, Alleniedergeschrieben, waS mein Gebeimniß jetzt noch sorgfältig verhüllt. Doch schweigen wir jetzt noch von diesen<Won so oft besprochenen Gegenstände." Dr. ApollonioS schwieg und schloß sinnend die Augen. Sein dankbarer Schüler, sein ihn Ändlich liebender Adoptivsohn, Or. Basilid?S, wagte nicht, ihn in seinem Sinnen und Denken zu stören. Nack einer feierlichen Stille blickte der greise Doctor wieder umher und fragte: „Wer ist denn dieser Knabe, der hier so rubig in der Ecke sitzt?" ' _ . „Er ist mein neuer Zögling", erwiederte vr. Dafilide-, „den mir diesen Morgen Bruder EucharioS zuführt,." „Mögest Du einst Deinem guten Erzieher -dieselbe Freude bereiten, welche mir jetzt in meinem Alter hier'